Sensorik

Die Gold Digger in der Big Data Falle

| Autor / Redakteur: Karin Pfeiffer / Robert Weber

(Bild: gemeinfrei)

Industrie 4.0, Big Data: Megatrends, die neue Muster in die Märkte zeichnen werden. Ohne Sensorikhersteller geht es nicht. Beste Ausgangslage für neue Geschäftsideen also. Aber ist ihnen das überhaupt bewusst?

Keiner ist näher dran als sie, wenn jetzt auf dem Weg in die noch unerschlossene Industrie 4.0 wertvolle Rohstoffe für Morgen erschlossen werden: Sensorikhersteller liefern das Gerät, um die Daten zu heben, die innovativen Technologien Leben einhauchen und Maschinen und Dinge miteinander kommunizieren lassen. Sie sitzen praktisch an der Quelle in einem Terrain, wo aus Rohdaten blühende Marktlandschaften entstehen. Ohne ihre Messinstrumente rauscht der Datenfluss durch, kein Input für lukrative neue Geschäftsfelder bliebe hängen. Dabei ist ihre Sensorik inzwischen so fein, dass ihnen praktisch kein Datenwert entgeht.

Allerdings: Davon profitieren bislang anscheinend vor allem ihre Kunden — und Branchenfremde wie Google oder Amazon, die Gold Digger im Big-Data-Rausch. Meister der Datenauslese, die auf ihrem Durchmarsch durch die Wirtschaftswelt auch angestammte Marktpfründe anderer Segmente erobern, etwa in der Automobilindustrie. Das kostet Marktchancen. „Die Telekom hat in 4.0-Starterpaketen Schwingungssensoren verschickt. Das bedeutet für uns, dass unser Beitrag verschenkt wird“, erläutert Dr. Myriam Jahn, Geschäftsführerin der ifm datalink GmbH in Essen, ein konkretes Beispiel. „Die Telekom hat SIM-Karten beigelegt, bei ihr gehen die Daten dann in die Cloud. Sie berechnet die Daten, die unsere Sensoren erfassen. Wir wissen ja nun, wie viele Daten unsere Sensoren abgeben. Dann kommt jemand anderes und verdient daran.“

Nicht auf jeden Zug aufspringen

Steckt darin nicht auch für Sensorikhersteller selbst der Stoff, aus dem spannende neue Geschäftsmodelle sind, auf die der Wettbewerb neidisch schielt? Bislang die Anerkennung ihrer Expertise zu genügen. Haben Sensorikhersteller keine Lust, keinen Plan oder mangelt es gar an Ideen?

„Dafür müssten wir Daten ja speichern. Wieso sollten wir das tun? Das macht doch gar keinen Sinn?“, war etwa der Tenor auf der Messe Sensor + Test in Nürnberg. Kundenspezifische Lösungen, die lassen sich nicht übertragen“, ein weiteres Feedback. Und überhaupt, das spezielle Anwender-Know-how hüte meist der Kunde wie einen Schatz. „Schuster bleib bei denen Leisten“, ist häufig herauszuhören. Und wie Klaus Albers es erklärt, ergibt das durchaus Sinn: „Da die zentrale Aufgabe im Bereich Big Data das Handling von Daten ist, ist dies die Domäne der Softwarespezialisten. Wir Hardware-Hersteller können aber unseren Beitrag leisten, indem wir es dem Anwender so einfach wie möglich machen, relevante Daten zu erfassen“, so der Leiter Marketing Services & Public Relations bei der Turck Holding GmbH in Mülheim an der Ruhr. Selbstverständlich wolle man sich als Unternehmen immer weiterentwickeln, aber nicht um jeden Preis. „Man muss nicht auf jeden Zug aufspringen, sondern gezielt denjenigen wählen, der einen sicher weiterbringt.“

Richtung Industrie 4.0 sind bislang keine Gleise verlegt. „Es gibt ja noch nicht einmal einen richtigen Beruf dafür“, erklärt sich Torsten Nowak vom Berlin Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM das Geschäftsidee-Vakuum. „Die Frage, was ich machen kann mit den Daten, speziell in der Sensorik, ist erst im Kommen. Vieles wird nur aufgenommen, ausgewertet – und dann aber verworfen.“ Der klassische Sensorikhersteller ist seiner Meinung nach davon getrieben, Daten qualitativ und quantitativ gut aufzunehmen. „Und er denkt gar nicht so sehr in die Richtung, Daten weiterzuverkaufen. Ihm fehlt der Blick über den Tellerrand.“

Da spitzt die Amsys GmbH & Co. KG in Mainz offenbar schon drüber. Ihre „kleinste Wetterstation der Welt“ wartet bereits auf ihren Einsatz im Internet of Things (IOT). „Für uns ist es absolut vorstellbar, neu zu denken“, erklärt Verkaufsleiter Dr. Norbert Rauch. „Ich glaube sogar, dass kleine Firmen das in Zukunft auf jeden Fall leisten müssen, um überleben zu können.“

Und es gibt sie auch schon, erste Überlegungen zu neuen Geschäftsmodellen. Das kristallisierte sich in der Recherche ebenfalls heraus. „Mehr und mehr Sensorhersteller gehen dazu über, die Daten für ihre Kunden zu verdichten“, nennt Peter Krause ein Beispiel. Der Vice President Business Unit Industrial der First Sensor AG aus Berlin zeigt sich offen für frische Denkansätze und hält da einiges für möglich. So könnten Sensorikhersteller künftig beispielsweise entweder ein komplettes System verkaufen oder – bei teuren Sensoren – sich nach Daten bezahlen lassen. Der Kunde berappt dann also für die sensorisch erfasste Information. „Wir haben da noch keine konkreten Überlegungen. Das wäre aber vorstellbar“, so Krause.

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