Makerszene

Erfolg kommt beim Machen

| Autor / Redakteur: Karin Pfeiffer / Robert Weber

So wie dieser junge Mann sehen nur wenige Maker aus. Sie sind keine Freaks, sie sind technik­begeisterte Menschen.
So wie dieser junge Mann sehen nur wenige Maker aus. Sie sind keine Freaks, sie sind technik­begeisterte Menschen. (Bild: MakerFair / CC BY-SA 2.0)

Nützlich im Team, gefährlich von außen: Maker sind Querdenker, Entrepreneure der ersten Stunden, haben Ideen, zweck­entfremden und erfassen den Kern von Industrie 4.0. Vor allem aber können sie eins: Einfach machen.

Emergency, Emergency!“ Während die Kabinencrews im Lufthansa Flight Training Center in Schwaig bei Erding auf Rutschen aus Flugzeugrümpfen den Ernstfall proben, fliegen Piloten in bis zu 15 Mio. Euro teuren Cockpit-Simulatoren ihren virtuellen Check-Flug. Rund 30 km Luftlinie entfernt tüftelt Stephan Augustin von BMW an seinem Skateboard, und bei E-T-A im mittelfränkischen Altdorf gehen womöglich gerade die 3D-Drucker an. Unterschiedliche Unternehmungen, doch sie haben etwas mit vielen anderen gemein: In ihren Teams arbeiten Maker. Der für sie enorm nützliche Unterschied: Sie wissen oder ahnen zumindest, welche Perlen sie beschäftigen.

Kreativköpfe, Querdenker und Technikenthusiasten sind gefragt, denn wenn alle die Komponenten derselben Zulieferer verbauen, braucht es Ideen für neue Alleinstellungsmerkmale. Wo Time to Market zählt und Preisdruck herrscht, ist Erfindungsreichtum gefragt. Und wer Richtung Industrie 4.0 marschiert, der kann das nicht auf ausgetretenen Pfaden. Maker sind experimentierfreudige Selbermacher, passionierte Bastler, die so lange tüfteln, bis sie eine oft verblüffend geniale Lösung finden und sich dafür gern aus allem bedienen, was ihnen zwischen die Finger kommt, egal ob Modellbauknete, Fräse oder Raspberry Pi, Ponoko, Shapeware oder Adafruit. Sie vernetzen sich und ihre Entwicklungen für große Projekte, experimentieren mit 3D-Druckern, beherrschen Rapid Prototyping von der Pike auf, und ihre Objekte sind fast immer Losgröße 1. Es gibt ihn nicht, den einen Typus. Von Beruf Ingenieure, Elektrotechniker, Maschinenbauer, BWLer oder auch aus der künstlerischen Ecke, im Herzen Do-it-yourself mit Open-Source-Naturell. Das Alter spielt keine Rolle. Sie rüsten ihren Rasenmäher zum Garten-Roboter auf, flitzen im Job mal schnell zu IKEA, um mit einem schlichten Lichtschalter ein Kontaktproblem in der voll ausgelasteten Fertigung zu beheben oder zweckentfremden ihren alten Neopren-Tauchanzug, wenn die Sensorik Stöße bis zu 1G aushalten soll. Warum warten, bis der Beschaffungsantrag durch ist und das Spezialteil entwickelt und eigens angefertigt? Spinner? Eher findig und lösungsorientiert. Denn in den durchgetakteten Prozessen bleibt für Pannen oft keine Zeit. Das kann auch Felix Ehrentraut nur bestätigen, der im Lufthansa Flight Training Center (LFTC) am Flughafen München die Maintenance leitet. 15 t schwere Hightech-Anlagen verschiedener Airbus-Flugzeugmuster, Cockpits aus Original-Teilen auf haushohen elektrischen und hydraulischen Bewegungsplattformen, vollgespickt mit Technologien, die die Illusion vom Fliegen erzeugen: Außensicht internationaler Flughäfen, Wetterszenarien, Bewegungen bis hin zur Vibration beim Starten und selbst kleinste Erschütterungen auf dem Vorfeld – Sound inklusive. Mehrere Räume mit Schaltschränken versorgen die Elektrotechnik, damit die Piloten verschiedener Airlines ihre regelmäßig vorgeschriebene Level-D-Zertifizierung nach EASA FSTD absolvieren können. Ohne diese virtuellen Checks einer kritischen Flugsituation keine Fluglizenz. „Die Simulatoren laufen im 24-Stunden-Betrieb“, erklärt Ehrentraut. „Wenn irgendwo ein Fehler auftritt, müssen wir gegebenenfalls auch nachts um 2:30 Uhr eine Lösung entwickeln. Nach Möglichkeit läuft das nach Standardprozedur, aber es kann auch sein, dass unsere Mitarbeiter alternative Ideen finden müssen, damit der Betrieb weiterläuft. Das wird allerdings auf allerhöchstem Niveau betrieben.“ Schließlich gebe es strenge Auflagen der Flugbehörde. Gleichzeitig sind Flugsimulatoren „keine Geräte von der Stange“. Die Anforderungen an die Techniker sind also sicherheitsrelevant und hochkomplex. Und vom Tausch einer Wärmepumpe bis hin zu Software-Arbeiten müssen sie alles abdecken.

Doch wer bringt so ein anspruchsvolles und vielfältiges Fähigkeiten-Set mit, um nachts womöglich allein einen Fehler am 15-Millionen-Euro-Simulator zu beheben? Egon Weers und sein Kollege Michael McLean beispielsweise, der eine gelernter Elektrotechniker, der andere ursprünglich Werkzeugmacher, beide schon Maker, bevor die Spezies zum Trend erhoben wurde und einen Namen bekam. „Wir Simulator-Techniker sind eine spezielle Mischung, müssen eine Affinität zu allem haben“, erzählt Weers. „Jeder von uns tüftelt oder bastelt auch privat, viele elektrotechnisch. Ich mache beispielsweise Modellbau. Und das, was meine Kollegen oder ich zu Hause mit unserem Hifi-Video-Equipment, mit Raspberry Pis, mit Fräsen oder Löten an Hobbys ausprobieren, kommt letztlich auch wieder unserer Arbeit zugute.“

Maker probieren und wagen Neues

Weers steht im LFTC in einer Werkstatt mit heimeliger, fast schon persönlicher Prägung, als er das erzählt. „Wir haben eine voll ausgestattete Elektronik-Werkstatt und eine im Laufe der Zeit gewachsene Mechanik-Werkstatt mit verschiedensten Werkzeugen und Geräten, manche auch Relikte aus alter Zeit. An mechanischen Teilen bekommen wir so ziemlich alles selbst hin, was wir brauchen, beispielsweise Hydraulikteile.“ Und der Techniker ergänzt, was ihm wichtig ist: „Wir Kollegen pflegen das hier, und halten die Geräte ständig am Laufen. Wir sind mit den Werkstätten hier sehr verbunden.“ Erforderlich ist aus Weers Sicht auch der Austausch und das kollegiale Zusammenspiel bei den Aufgaben im LFTC. Und genau davon profitiert nicht nur der Teamgeist. „Die Arbeit an Simulatoren ist hochkomplex, da greifen die Fähigkeiten der einzelnen Mitarbeiter oft ineinander“, sagt Maintenance-Chef Ehrentraut. „Nicht nur, um ein Problem zu lösen. Wenn es in einer Flugzeug-Flotte ein Update gibt, dann ziehen wir das im Simulator nach, was dann sämtliche der vernetzten Systeme betreffen kann. Auch das Feedback der Piloten, die hier trainieren, wird aufgegriffen.“ Rückmeldungen gingen dann auch an den Hersteller in die Entwicklung. „Es stellt sich oft nach Jahren oder Jahrzehnten des Betriebs heraus, was man noch verbessern könnte.“

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