Head-up-Display

Google Glass in der Industrie – nettes Gimmick oder ernst zu nehmender Helfer?

| Autor / Redakteur: Barbara Hofler* / Reinhard Kluger

Eine Brille mit Computer, Display, Internet, Mikrofon und Kamera: Mit Google Glass experimentierten auch die Autoamtisierer.
Eine Brille mit Computer, Display, Internet, Mikrofon und Kamera: Mit Google Glass experimentierten auch die Autoamtisierer. (Barbara Hofler)

Vorbei mit Google Glass, es lebe Google Glass: Zwar ist gerade die Betaphase für die Datenbrille als beendet erklärt und der Verkauf ist seit dem 19. Januar 2015 eingestellt, aber: man entwickelt jetzt die 2. Version. Automatisierern ist die Brille bislang zu grazil für den Einsatz in der Fabrik.

„Okay, Glass!“, diktiert Marius Kahmen seiner Brille. Der Mitarbeiter im Technology Marketing „Wearable Systems“ beim Automatisierer Beckhoff in Verl aktiviert mit diesem Kommando die Sprachsteuerung seiner Google Glass. Via Sprachsteuerung kann er die Prozess-Nachricht zur letzten Fehlermeldung seiner Anlage aufrufen, oder er kann mit dem Sprachbefehl „Place Order!“ neue Aufträge an die Maschine übertragen. Auf dem Display an der Anlage ist zu sehen, wie drei Posten von der Text-Spalte für die Bestellungen in die für die Produktion wandern. Einen Vorgang, den Marius Kahmen genau so auch im Head-up-Display vor seinem rechten Auge wahrnimmt. Seine Brille ist Teil einer Technologiestudie von Beckhoff, mit der man Google Glass als Tool für die industrielle Automatisierung untersucht.

Die Glass wirkt zunächst unscheinbar: Der linke Bügel sieht ganz normal aus. Erst der rechte verrät, dass noch mehr in der Brille steckt. Hinter dem Ohr sitzt der Akku, eingepackt in ein Kunststoffgehäuse, entlang der Schläfe sind im Bügel Lautsprecher, CPU, Touchpad und Mikrofon eingebaut. Die integrierte Kamera nimmt Bilder in der Blickrichtung des Trägers auf.

Die Hände bleiben frei

Herzstück der Glass ist das Prisma mit dem Projektionsdisplay. Sogenannte Slides erscheinen mit einer Auflösung von 640 mal 360 Pixeln vor dem Auge des Betrachters. Um eine Vorstellung zu bekommen: Das ist so, als würde man mit einem Abstand von etwa 2,5 Metern vor einem 25-Zoll Fernseher sitzen. Der Träger steuert die Slides mit einem Fingerwisch nach rechts oder links. Ein Tippen auf das Touchpad zeigt weitere Informationen zum Slide an.

Kamera, Mikrofon und Lautsprecher ermöglichen dem Träger, Kontakt zu einem Kollegen aufzunehmen. Über die Automatisierungssoftware Twincat von Beckhoff lässt sich die Glass in die Steuerungstechnik einbinden.

„Bisher wurde die Möglichkeit, die Glass zu nutzen, eher mittelmäßig angenommen, dabei sind die Möglichkeiten in der Industrie vielversprechend“, meint Marius Kahmen. Von manchen werde sie gehyped, andere seien noch zurückhaltend. „Die Google Glass ist für Supportfälle gut geeignet“, meint Marius Kahmen. Per Videochat kann ein Techniker den Träger bei der Reparatur unterstützen. Für den „Wearable Systems“-Experten Kahmen ist der wichtigste Fall: den Träger der Brille bei Fehlermeldungen zu benachrichtigen. Das Projektionsdisplay der Glass ist deshalb auf Standby gestellt. Erst wenn eine Anlage ein Problem meldet, schaltet sich das Display ein. Der Träger kann reagieren und das Problem an Ort und Stelle beheben.

„Die Glass ist kein industrietaugliches Produkt“

„Die Glass ist kein industrietaugliches Produkt“, meint Wolfgang Schroeder, Head of Marketing Digital Enterprise bei Siemens. „Ich kenne aktuell keine Anwendung, in der die Google Glass heute beim Kunden eingesetzt wird“. Sie sei eben nicht tauglich für die raue Fertigung. Wolfgang Schroeder bezieht sich auf GoogleGlass als Brille, die ihm zu fragil ist für ein industrielles Arbeitsumfeld. „In einer echten Produktionsumgebung muss ich schauen, dass die Komponenten auch der Umgebung gewachsen sind“, erklärt er.

So sei es auch Aufgabe, solche Consumer Products, wie Smartphones, industriegerecht umzugestalten. Einen Weg, den man bei Siemens mit Simatic-Apps gehen will. Solche Apps, wie sie derzeit Siemens, Beckhoff und Progea entwickeln, bilden die Schnittstlle der Humane-Machine-Interface Systeme. Die Anzeige des Paneldisplays wird über die App per Industrial Ethernet oder WLAN auf ein mobiles Endgerät übertragen. Der Benutzer kann die Maschine über ein solches Mobil Device beobachten oder steuern.

Wolfgang Schroeder schätzt, dass der Einsatz der Google Glass in der Industrie „ ... noch eine Entwicklungsphase vor sich hat“. Weiterhin stellt sich für ihn die Frage, „Kann ich damit in der Industrie die Produktivität steigern?"

„Für mich ist das die Zukunftsmusik“

Einen besonderen Aspekt bewertet Markus Stadelhofer, Geschäftsführer von Progea, für den Einsatz von Google Glass. „Für mich ist das die Zukunftsmusik“, sagt Stadelhofer. In fünf Jahren werde man wohl weniger Tablets und Smartphones fürs Bedienen und Beobachten verwenden. Sein Argument: „Es wird einfacher, wenn ich nicht mehr so einen Kasten in der Hand habe.“

Progea, das Unternehmen entwickelt Software für den Bereich Visualisierung und Datenakquise in der industriellen Automatisierung mit Hauptsitz im italienischen Modena, stellt die Glass in einer Technologiestudie vor. Mit Progeas Entwicklungsumgebung Movicon lassen sich über die Google Glass Daten abrufen und Maschinen steuern, ähnlich wie bei der Anwendung von Beckhoff. „Das Auge isst mit“, meint Stadlhofer, „wenn die Bedienbarkeit schön ist, habe ich vielleicht einen Wettbewerbsvorteil“. Stadelhofer betont aber auch, dass seine Google Glass nur als Prototyp diene. „Ich gehe nicht davon aus, dass Google Glass in der Fabrik eine Zukunft hat“, prognostiziert Stadelhofer. „ Aber weitere Hardwarehersteller werden aufspringen.“ Würde man das Head-up-Display und die anderen Funktionen der Glass in einen Schutzhelm mit Plexiglas integrieren, wäre dies optimal für den Einsatz in der Industrie. Zu den Namen der Hardwareherstellern, die konkret an solch einer Alternative für Google Glass arbeiten, dazu schweigt sich der Progea-Geschäftsführer aus. Noch habe man erst mit solchen Forschungen begonnen.

Aussteller auf der Nürnberger Fachmesse SPS IPC Drives 2015 gaeb sich zurückhaltend, bei der Frage, ob und wie man die Glass in Zukunft in der Industrie einsetzen könne. Die Bilanz: Ein künftiger Erfolg ist heute noch schwer abzuschätzen. Es fehlen Alternativen zur Google Glass:Robuste Brillen, die aber dennoch komfortabel für den Träger sein müssen. Das Fazit: Keiner der befragten Aussteller beschäftigt sich aktuell mit Google Glass oder plant das für die nächste Zukunft. Ob die Technologie noch aus ihren Kinderschuhen heraus wächst, das bleibt abzuwarten. Die Entwicklung für die zweite Generation ist bei Google angelaufen.

* *Barbara Hofler, Studierende Fachbereich Technikjournalismus, Technische Hochschule Nürnberg

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