Industrial Usability Day 2015

Mehr Spaß an der Maschine?

| Autor / Redakteur: Robert Weber / Robert Weber

Durchblick? Die Usability und User Experience der Smartphones faszinierte das Top-Management und forcierte den Einzug der Disziplinen in die Industrie.
Durchblick? Die Usability und User Experience der Smartphones faszinierte das Top-Management und forcierte den Einzug der Disziplinen in die Industrie. (Bild: Michael Davis-Burchat unterCC BY-ND 2.0, Flickr.com)

Usability und User Experience schlagen die Funktionalität der Produkte. Der Softfaktor Nutzungserfahrung wird für die Industrie zum Abgrenzungsmerkmal und Usability zum Gesicht der Big Data. Neue Geschäfte locken.

Kaum ein Messestand kommt heute ohne schicke Displays, Smartphone oder Grafik und Visualisierung aus. Manch ganz modernes Unternehmen präsentiert sich mit Datenbrille und Augmented Reality. Industrial Usability entwickelt sich zum Abgrenzungsmerkmal des Maschinen- und Anlagenbaus weltweit. „Die Kunden vertrauen auf die Funktionalität der Produkte. Jetzt müssen die Unternehmen bei der Bedienung unter Beweis stellen, dass sie es wirklich können“, erklärt Prof. Claus Oetter vom Fachverband Software im VDMA (Frankfurt am Main), in dem Industrial Usability seit mehreren Jahren intensiv diskutiert wird. Der Verbandsvertreter Oetter sieht die Industrial Usability auch auf Messen auf einen aufsteigenden Ast.

Marketing und Engineering arbeiten zusammen

Der User rückt bei den Unternehmen wieder in den Mittelpunkt. In der Vergangenheit war es bei vielen Unternehmen oft so, dass die Designabteilung nach den Kollegen von der Funktionalität antreten durfte. Heute ist Usability bei vielen Unternehmen ein fester Bestandteil der Produktentwicklung und Vermarktung. Auch bei Bosch Rexroth. „Der Treiber der User Experience (UX) ist das Produktmanagement“, berichtet Stefan Lehnert, Produktmanagement eBusiness bei Bosch Rexroth in Lohr am Main. Marketing und Engineering sind bei Bosch Rexroth eingebunden. Allerdings gehen die Unterfranken noch einen Schritt weiter. Usability ist der erste Schritt, ist Teil der Ergonomie der Benutzeroberfläche. „User Experience, die Nutzungserfahrung, ist angereichert mit Emotionen“, definiert Industriedesigner Tom Cadera von Cadera Design aus Würzburg. Der Anwender soll sich auf die Maschine freuen, soll durch eine gute UX motiviert, seine Erwartungen erfüllt und das Vertrauen zum Hersteller aufgebaut oder weiter gestärkt werden. Spaß kann dabei auch ein Gefühl sein, das Menschen antreibt, eine Anlage zu bedienen. Konservative Vertreter sprechen lieber von Freude an der Bedienung.

Ob Spaß oder Freude; die UX setzt auch schon bei der Auswahl oder der Konfiguration der Maschine an. Webplattformen mit Visualisierung unterstützen den Käufer bei der Auswahl. Nach der Konfiguration des Firmenwagens, surft der Kunde zum Werkzeugmaschinen-Konfigurator, dreht die Maschine, schaut sich das Innenleben an, fragt CAD-Daten ab und überlegt, unterstützt von der Technik, ob das Produkt zu seinen Prozessen oder seiner Architektur passt.

Rückblick auf den Industrial Usability Day 2015

Mit dem Pilotdesign zurück ans Band

Doch bevor es soweit ist, liegt hinter den UX-Designer ein langer Weg. Die Experten führen im Vorfeld einer neuen UX-Strategie zu einem Produkt Anwenderinterviews, beobachten Bewegungs- und Bedienmuster der Werker in ihren Prozessen und entwickeln daraus beispielsweise Konfiguratoren oder Bediensoftware. „Wir müssen den User verstehen und können ihn dann unterstützen“, berichtet Lehnert aus dem UX-Alltag bei Bosch Rexroth. Er und sein Team gehen mit dem Pilotdesign der Produkte dann auch wieder zurück in die Produktion, um noch mehr Anregungen zu bekommen. Lehnerts großer Vorteil: Die UX-Experten haben zahlreiche interne Anwender. So ein UX-Prozess kann dann aber trotzdem schon mehrere Wochen oder auch Monate dauern.

Fest steht aber auch für Lehnert: „Die Webwelt und die Smartphones forcierten in den letzten Jahren Usability und User Experience“, blickt Cadera zurück. Der Wunsch, die Smartphone-Interfaces auf die Fabrikwelt zu übertragen, verfestigte sich bei vielen Unternehmern. „Das Top-Management brachte die Smartphones in die Produktionsprozesse“, weiß Oetter. Ein neues Spielzeug für die Entwicklung war geboren. Und die Bedeutung von User Experience wächst weiter, auch wenn in der Industrie 4.0 vor allem die untereinander kommunizierenden Maschinen im medialen Fokus stehen. „Das Zielszenario M2M ist verlockend, aber wenn etwas passiert, ist es wichtig, dass jemand vor der Maschine steht“, erklärt Bosch-Mann Lehnert. Gute Usability sei gerade in der Industrie 4.0 mehr als schöne Bilder, so Oetter. Die Herausforderung für die UX-Experten wird es sein, die richtigen Daten, zu richtigen Zeit und für die richtige Person aufzubereiten und angepasst darzustellen. „User Experience ist das Gesicht der Big Data“, fasst Oetter zusammen. Dadurch entstehen neue Geschäftsmodelle für Automatisierungsanbieter oder Sensorikhersteller. Condition Monitoring-Anwendungen gehen schon in diese Richtung. Doch durch die Mülltrennung in den Daten vergrößert sich die Komplexität. „Userrollen müssen genau definiert werden“, fordert Cadera. Damit ein Condition Monitoring–Programm einfacher für den Werker wird, erhöht sich der Aufwand für den Einrichter, mahnt er. Das Ziel der UX-Designer ist eine Bedienunterstützung beispielsweise durch Handlungsempfehlungen am Bedienpanel oder auf dem Tablet. Allerdings, Studien belegen auch: Viele Unternehmen scheuen sich noch vor Big Data-Projekten oder Industrie 4.0-Szenarien. „Eine gute Oberfläche ist die Voraussetzung für Industrie 4.0 und schafft Akzeptanz, denn sie zeigt persönlichen Nutzen auf“, meint Andreas Beu von Smart HMI aus Meerbusch. Gelingt mit guter UX der Durchbruch bei Industrie 4.0?

Menschen kaufen weiterhin die Maschinen

Doch wie kann der Erfolg von UX gemessen werden? Einen ROI-Wert, den sich immer noch viele Geschäftsführer wünschen, können die Fachleute nicht berechnen. „UX ist ein Querschnittsthema“ gibt Beu zu bedenken. Anwenderinterviews und positive oder kritische Aussagen von Kunden können ein Indiz für die Zufriedenheit sein. Universitäten forschen schon seit einiger Zeit an Messinstrumenten für UX, aber es wird immer schwierig bleiben, die Ergebnisse auf Euros herunter zu brechen, heißt es im Expertenkreis. UX ist ein Softfaktor im Vertrieb. „UX ist ein Abgrenzungsmerkmal und kann Kaufentscheidungen beeinflussen“, meint Lehnert. Der Bosch Rexroth-Mitarbeiter könnte Recht haben, denn am Ende kaufen immer noch Menschen die Maschinen.

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