Interview

MICA verbindet klassische Automatisierung mit den Ideen der Industrie 4.0

| Autor / Redakteur: Karin Pfeiffer / Robert Weber

„Unser Ziel ist es, ein Öko-System aus ganz vielen Entwicklern und Partnern zu schaffen, die MICA als offene Plattform nutzen, mitmachen und ausprobieren, damit Neues entstehen kann“. wünscht Dr. Jan Regtmeier von HARTING.
„Unser Ziel ist es, ein Öko-System aus ganz vielen Entwicklern und Partnern zu schaffen, die MICA als offene Plattform nutzen, mitmachen und ausprobieren, damit Neues entstehen kann“. wünscht Dr. Jan Regtmeier von HARTING. (Bild: Weber)

Sie kann nicht schneller steuern als eine SPS, aber sie kann das Beste aus beiden Welten herausholen und verbinden: MICA schlägt die Brücke zwischen IT und Automatisierung, rüstet nach und ergänzt um moderne Funktionalität. Einfach, frei und nach dem Baukastenprinzip. Produktmanager und Teamchef Dr. Jan Regtmeier erklärt im Interview, warum – und was noch alles in dem robusten Mini-Computer steckt.

Warum braucht die Industrie MICA?

Dr. Jan Regtmeier: Wir kommen selbst aus dem produzierenden Gewerbe und standen immer wieder vor einem Kernproblem: Bei den Maschinen und Anlagen der Industrie handelt es sich meist um echte Qualitätsprodukte. Sie haben deshalb oft auch eine Laufzeit von 20 bis 50 Jahren. Parallel dazu verändert sich in der IT jedoch alles sehr schnell, Software hat einen sehr kurzen Lebenszyklus. Jetzt kann ich, einfach in dem ich die MICA an die Maschinen schraube, diese beiden Welten zusammenbringen: Als Unternehmen kann ich also die Langlebigkeit meiner Maschinen wirklich nutzen und sie gleichzeitig mit dem stets aktuell verfügbaren Software-Stand ausrüsten. Aber nicht nur. Je nachdem, was sich verändert hat, kann ich die Maschinen vielleicht auch noch mal aufwerten und ihr ganz neue Funktionalitäten verpassen.

Neue Funktionen für alte Maschinen?

MICA ist im Kern ein Datensammler, der es schafft, die klassischen, oft jahrzehntealten Maschinen mit neuen Dingen wie dem Internet zu verbinden – und die Daten sowohl von der Maschine rauf in eine Datenbank oder Cloud zu schieben also auch Daten wieder zurück an die Maschinen zu bringen.

Das Schöne: Auf diese Weise lassen sich Maschinen optimieren, aufrüsten, nachrüsten, etwa um Funktionen erweitern wie die für eine vorausschauende Wartung oder Regelstrategien der SPS.

Wollen Sie mit MICA die SPS-Welt umkrempeln?

Nein, definitiv nicht. Die Automatisierungs-Technik ist eine extrem gute Lösung, wenn es darum geht, sehr schnell, sehr genau eine Maschine zu regeln und zu steuern. MICA ist eher eine Ergänzung, auch im Sinne von Vernetzung. Allerdings, im Vergleich zu SPS ist die MICA ein Ferrari.

Doch vor allem: Die MICA leistet den Brückenschlag zwischen zwei sehr unterschiedlichen Welten, die nicht miteinander sprechen können, weil sie einfach sehr unterschiedliche Sprachen sprechen. Die MICA übernimmt sozusagen die Funktion des Übersetzers zwischen den verschiedenen Welten der IT und Automatisierung. MICA spricht alle Sprachen. Wenn man so will: Mit der MICA bekommt der Informatiker ein Zuhause an der Maschine – ohne dass er die SPS anfassen muss. Und auch der Automatisierer kann auf der MICA in seiner gewohnten Umgebung arbeiten, wenn er beispielsweise aus den IT-Möglichkeiten schöpfen will: Big Data, Internet der Dinge, Industrie 4.0, RFID-Konzepte, Predictive Maintenance, um nur ein paar Anwendungsszenarien zu skizzieren.

Klingt sehr komplex – und soll doch sehr einfach sein. Wie das?

Da greifen zwei Ansätze ineinander: Zum einen ist die Bedienung sehr einfach und freundlich – so, wie wir es von unseren Smartphones gewohnt sind mit Apps, etwa für verschiedene Programmiersprachen, Datenbanken und Analyse-Tools. Und wir haben interessante Standardanwendungen schon vorkonfiguriert, die Software in sogenannten Containern verpackt, beispielsweise als fertige Datenbank. Und die steckt dann mit der MICA direkt an der Maschine.

Die Apps lassen sich einfach als Datei von www.harting-mica.com runterladen und auf die MICA kopieren. Dann noch mal starten, das war's auch schon.

So, wie sich jemand eine Wetter-App runderlädt?

Genau, mehr oder minder analog. Da kann sich jeder aber auch seine eigenen Container zusammenstellen, auch was ganz Neues bauen. Da kann Spannendes dabei rauskommen. Darauf hoffen wir sogar. MICA ist ein Open-Source-Konzept.

Es werden also von uns und auch aus der Open-Source-Community ständig neue Apps hinzukommen. Wir arbeiten zum Beispiel gerade an einem hadoop Container. Wie in einem App Store, aber frei verfügbar und in erster Linie für die Industrie.

Eine kunterbunte Applikationsvielfalt: Viele sind schon mal froh, wenn ihr ERP-System endlich funktioniert...

Wir kennen das auch. Gewachsene Strukturen im Maschinenpark, und in der Produktion wurde über Jahre sowohl mit IT nachgerüstet als auch auf „lean“ getrimmt. Da hört man vom Produktionsleiter eher ein „Bleib mir weg mit dieser Software“.

Aber die MICA kann offline laufen, muss nicht ins Produktivnetz eingreifen. Und das App-Konzept ist wirklich so einfach. Wie in einer Autowaschanlage: Ich kann das Standardprogramm laufen lassen oder die ein oder andere App hinzufügen wie Aktivschaum, Unterbodenschutz oder Nanowachs. Und eine App lässt sich wie auf dem Smartphone wieder löschen. Die Daten sind deswegen ja nicht weg.

Apps, der eine Teil der Einfachheit. Und der andere?

MICA ist eine Art Baukasten, ein bisschen wie bei Lego, wo ich verschiedene Elemente zusammenstecken kann. Bei MICA können das zum einen Software-Bausteine sein, etwa die Apps, die sich auch nach Bedarf in einem Container zusammenpacken lassen. Ähnlich wie die Funktionsblöcke, gewissermaßen die App des SPS-Programmierers.

Und je nachdem, welche ich zusammenstecke, erhalte ich entsprechende Funktionen und Möglichkeiten – für den Automatisierer und die IT. Auch die Hardware funktioniert nach dem Baukastenprinzip. So kann beispielsweise ein Teil der Platine individuell bestückt werden und auch die Steckverbindungen können angepasst werden. MICA ist kein monolithisches Komplettsystem. Man baut zusammen, wie man es braucht.

HARTING kommt nicht aus der Automatisierung, wie passen die Stecker zu MICA?

Sie haben Recht, unser Kerngeschäft sind sehr stabile Steckverbindungen, die 30, 40 oder auch 50 Jahre an der Maschine überleben. Und dieses Know-how, robuste Hardware herzustellen, war sehr, sehr wichtig für die MICA. Wenn ich an die Maschine möchte, muss ich dort auch robust auftreten. Sonst hilft mir die Lösung nicht.

Robuster als ein Raspberry Pi?

Die üblichen kleinen Computer sind nicht dafür gemacht, an der Maschine bei Staub, Öl und Spritzwasser durchzuhalten. auch nicht ein Raspberry Pi, der ist in der Regel ja im Kunststoffgehäuse. Die Anforderungen in der Industrie sind höher, etwa was Vibration, Schock oder elektromagnetische Verträglichkeit angeht. MICA ist gut eingepackt, die Elektronik industrietauglich gehärtet. Die MICA profitiert sozusagen von der Harting-Kompetenz von extrem robusten Gehäusen, Schnittstellen und Steckverbindungen.

Salopp formuliert könnte man sagen: die Elektronik vom Raspberry Pi, einmal industrietauglich gehärtet und dann noch mal extrem solide eingepackt. MICA kostet übrigens rund 500 Euro.

Woher kommt die Expertise fürs Open Computing?

Es haben sich insgesamt mehrere Dinge glücklich gefügt: auch gute, begeisterungsfähige Leute im Team und die Aufgeschlossenheit des Vorstandes. Wir konnten uns intensiv mit der IT-Welt und Themen wie dem Internet der Dinge, Big Data und Industrie 4.0 beschäftigen, dort Know-how aufbauen, Software entwickeln. Auch ausprobieren, etwa Entwicklungen aus der Maker-Szene wie Raspberry Pi und Beaglebone. Und die benutzen wir tatsächlich auch selber für unser Rapid Prototyping, da probieren wir viel aus.

Sie haben also rumgespielt...

…ja, und dazu wollen wir auch jeden ermutigen, weil bei diesen „Spielereien“ häufig neue Dinge entstehen und auch neue Gedanken. Dabei hat es uns übrigens eher geholfen, dass wir keine Automatisierer sind. Denn wenn man fachlich sehr in der Materie steckt, bringt man meist auch seine Historie mit ein. Seine eigenen Produkte etwa oder Schnittstellen, sein Weltbild von Standards oder Programmiersprachen. Das schränkt ein. Und diesen Nachteil hatten wir nicht. Unbelastet zu sein war ein zentrales Element. Wären wir in den klassischen Bahnen unterwegs gewesen, hätte das so nicht mit der MICA funktioniert.

Open Source – wo will HARTING damit eigentlich hin?

Unser Ziel ist es, ein Öko-System aus ganz vielen Entwicklern und Partnern zu schaffen, die MICA als offene Plattform nutzen, mitmachen und ausprobieren, damit Neues entstehen kann. Unsere Produktions- und Wirtschaftswelt ist mittlerweile komplex, die Herausforderungen kann kaum ein einzelnes Unternehmen mehr stemmen. Es ist der kooperative Gedanke, der weiterbringt. Stichwort Fertigungstiefe: HARTING gestaltet vom Rohstoff bis zum Produkt alles selber. Open Source heißt auch, nicht noch einmal selbst zu entwickeln, was es bereits auf hohem Niveau gibt. Das reduziert die Entwicklungszeit und verkürzt damit auch den Faktor Time to Market. Und Open Source kann eine Eigendynamik entwickeln, die zu ganz spannenden Entwicklungen führt. Darauf freuen wir uns. Sehr sogar.

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