Dequalifizierung vermeiden

So zählen Sie als Ingenieur nicht zum alten Eisen

03.07.12 | Autor / Redakteur: Bernhard Kuntz / Sariana Kunze

Trotz Ingenieurmangel werden ältere Ingenieure ausgemustert - aber warum eigentlich?
Trotz Ingenieurmangel werden ältere Ingenieure ausgemustert - aber warum eigentlich? (pixelio_Baumeister_Ing._Engelbert_Hosner,_EUR_ING)

Warum sind so viele ältere Ingenieure arbeitslos, obwohl die Industrie über einen Ingenieurmangel klagt? Analysiert man die Biografien von Stellensuchern, dann entdeckt man in ihnen einige Fallen, in die (nicht nur) junge Ingenieure keinesfalls tappen sollten, wenn sie eine begehrte Arbeitskraft bleiben möchten.

Günter Broszeit ist frustriert. Seit fünf Jahren bewirbt sich der 49 Jahre alte, arbeitslose Elektroingenieur auf offene Stellen – erfolglos. Und zu einem Vorstellungsgespräch? Hierzu wurde der Vater zweier Kinder in den vergangenen zwei Jahren nur noch von Zeitarbeitsfirmen eingeladen – „von echten Unternehmen nicht“.

Nur noch verbittert lachen kann Broszeit denn auch über die Klage vieler Industrieverbände, die deutschen Unternehmen könnten ihren Ingenieurbedarf nicht decken. „Die suchen alle frischgebackene Hochschulabsolventen. Mit 40, spätestens 45 zählt du als Ingenieur zum alten Eisen.“ Diese Erfahrung sammeln außer Broszeit Tausende seiner Berufskollegen. Aktuell sind in Deutschland circa 20.000 Ingenieure arbeitslos. Hiervon sind die meisten älter als 45 Jahre. Doch warum sind so viele ältere Ingenieure arbeitslos, während zugleich der VDI über eine „Ingenieurlücke“ von 80.000 Ingenieuren klagt? Offensichtlich werden so manche ältere Ingenieure, die früher begehrte Arbeitskräfte waren, von den Unternehmen heute eher als Ballast denn als wertvolle Mitarbeiter empfunden. Doch warum?

Wer nur im Maschinenbau fit ist wird zum Ballast

Eine Studie der TÜV Rheinland Group ergab bereits vor Jahren: Ein zentrales Manko vieler älterer Ingenieure aus Sicht der Unternehmen ist, dass vor allem in ihrer eigenen wissenschaftlich-technischen Disziplin fit sind – also zum Beispiel im Maschinenbau. Als recht niedrig stufen die Unternehmen hingegen oft ihr Know-how in den „angrenzenden technischen Disziplinen“ ein – zum Beispiel bei Maschinenbauern in den Bereichen Elektro- und Verfahrenstechnik. Auch ihrem Wissen bezüglich einer effektiven Gestaltung von Arbeitsprozessen und -abläufen geben sie eher schlechte Noten.

Ingenieure müssen sich fachlich breiter qualifizieren

Prof. Dr. Karl Müller-Siebers, Präsident der FHDW Hannover, hat hierfür folgende Erklärung. Heute sind aufgrund der „Omnipräsenz“ der Informationstechnologie „die Arbeits- und Kommunikationsprozesse in den Unternehmen ganz anders als vor zehn oder gar 20 Jahren gestaltet“. Außerdem entstehen heute „die meisten technischen Innovationen im Grenzland zwischen den verschiedenen technischen Disziplinen“. Deshalb, so sein Fazit, müssen Ingenieure heute fachlich breiter als früher qualifiziert sein.

Hinzu kommt laut Dr. Georg Kraus, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Dr. Kraus & Partner, Bruchsal: Wenn ältere Ingenieure eine neue Stelle antreten, dann müssen sie sich meist in neue Aufgaben einarbeiten. Also brauchen sie zum Teil ein anderes Know-how. Und viele Routinen aus ihrem alten Arbeitsfeld können sie nicht übertragen. Das mindert aus Unternehmenssicht den Wert ihrer Erfahrung.

Dessen sind sich viele ältere Ingenieure nicht bewusst. Sie stufen den Wert ihrer Erfahrung und ihres Fachwissens meist höher als die Unternehmen ein. Diese Erfahrung hat Alexander Walz, Geschäftsführer der Personalberatung Conciliat, Stuttgart, gesammelt. Ein Grund dafür: Wenn man Ingenieure auf Stellensuche nach ihrer Erfahrung fragt, dann denken sie vor allem daran, dass sie zum Teil bereits Jahrzehnte als Ingenieur gearbeitet haben. Das allein interessiert die Personalverantwortlichen in den Unternehmen aber wenig, betont Walz. Sie fragen sich bei älteren Bewerbern vor allem: Nahm der Stellensucher schon ähnliche Aufgaben wahr, wie sie in unserem Betrieb zu erfüllen sind? Und: Bringt er ohne längere Einarbeitungszeit die gewünschte Leistung? Ist dies nicht der Fall, schreiben sie ihm eine geringe Erfahrung und ein geringes Fachwissen zu.

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