Industrial Usability

Technik darf leicht sein – für alle

| Autor: Karin Pfeiffer

Der Usability-Ansatz schält den Kern aus den vielen funktionellen Schichten und klärt so den Blick auf Zusammenhänge.
Der Usability-Ansatz schält den Kern aus den vielen funktionellen Schichten und klärt so den Blick auf Zusammenhänge. (Bild: © zapp2photo - stock/fotolia.com)

Usability erzeugt Einfachheit, der Prozess dahin allerdings ist höchst komplex – zumal sich viele Akzente setzen lassen, je nach Kontext. Ohne geht es auf jeden Fall nicht Richtung Industrie 4.0, da sind sich die Experten einig. Und womöglich lassen sich mit Blick auf die Nutzer sogar unbekannte Innovationspotenziale aufspüren?

Während so einige noch mit der Vorstellung einer Industrie 4.0 hadern, kommt aus der Ecke der Ergonomie eine Art Gebrauchsanweisung, an der sich Unternehmen orientieren könnten: Experten wie Clemens Lutsch von Centigrade zufolge kann Usability als Kompass für die digitale Transformation dienen – und dabei jede Menge Mehrwert aufspüren.

Höhere Effizienz, Produktivität und Rendite und zugleich weniger Informationsdichte, die Reduzierung aufs Wesentliche -und Freude am Machen: Für all das stecken den Experten zufolge jede Menge Hebel in Industrial Usability – der Nutzungsqualität, die unweigerlich auch mit dem Nutzungserlebnis, der User Experience (UX), einhergeht. „Hinter Usability verbirgt sich das Ziel, die Bedienung interaktiver Produkte intuitiv, leichter erlernbar und damit effizient zu gestalten“, erklärt Prof. Claus Oetter vom VDMA Fachverband Software und Digitalisierung in Frankfurt am Main. Inzwischen gingen die ersten Hersteller sogar weiter: „Auch die Maschinenbedienung (HMI) soll Spaß machen, den Benutzer motivieren und ein positives Gefühl vermitteln.“ User Experience beschreibe ein positives Nutzererlebnis, das der Anwender bei der Bedienung eines Produkts erfährt.

Und das gilt vielen Automatisierern als vielversprechender Ansatz, damit Mehrwerte nun auch dort fließen, wo der Wertschöpfungsprozess bislang an einer Mensch-Maschine-Schnittstelle (Human Machine Interface oder kurz: HMI) wie an einer Barriere endete – oder sich die relevanten Daten irgendwo in den Systemen verliefen.

Siemens arbeitet an User Interface Design 4.0

Siemens hat zur Digitalisierung vor zwei Jahren eine Umfrage bei 300 Entscheidern aus der Industrie durchgeführt. 80 Prozent nannten als Hauptaspekt für Usability die Visualisierung komplexer Prozesse, 74 Prozent das Verarbeiten von Maschinen- und Sensordaten. Visualisierung sei dabei aber nicht als ein Spezialthema für Designer zu sehen, ordnet Axel Platz, Corporate Technology und User Interface Design bei der Siemens AG, die Ergebnisse ein. „Vielmehr betrifft der Aspekt den Kern dessen, was man schlagwortartig User Interface Design 4.0 nennen könnte, nämlich als Folge der Digitalisierung der Umgang mit großen Datenmengen und komplexen Informationen.“ Kernthemen von Industrie 4.0, an die sich manche Hersteller deshalb erst allmählich heranwagen.

„Mit Industrie 4.0 steigt die Komplexität in der Automatisierung“, erklärt Guido Hettwer, Vorsitzender der Geschäftsleitung Vertriebe Europa Mitte bei der Bosch Rexroth AG, was als ein wesentlicher Treiber gilt. „Damit ist die Usability für den Anwender wichtiger denn je. Geeignete Tools und einfache Methoden ohne aufwendige Schulungen und Spezialkenntnisse werden somit zum zentralen Thema bei der Beherrschung der Technik und ihrer Möglichkeiten auf allen Ebenen.“ Usability hilft, Mitarbeiter zu befähigen – in Zeiten des Fachkräftemangels ein echter Benefit und im Hinblick auf die Anforderungen von Industrie 4.0 ohnehin.

Ergänzendes zum Thema
 
Axel Platz von Siemens: "Von Daten zu Taten"
Wenn der arbeitende Mensch und sein Wohlbefinden in den Mittelpunkt rückt, Künstliche Intelligenz zum neuen User Interface avanciert und Visualisierung zum Kern für den Umgang mit großen Datenmengen der Industrie wird - dann sind Experten mitten im Thema Industrial Usability. Axel Platz, Corporate Technology und User Interface Design bei Siemens, skizziert die aktuellen Entwicklungen.

„Usability ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Maschinen und Anlagen ihre volle Leistungsfähigkeit entfalten können“, nennt Prof. Dr.-Ing. Roman Dumitrescu, Geschäftsführer it’s OWL Clustermanagement und Direktor Fraunhofer Institut für Entwurfstechnik Mechatronik IEM einen weiteren Treiber. Und Prof. Claus Oetter flankiert: „Neue Technologien schaffen es immer schneller, in der Industrie Fuß zu fassen. Dabei muss Technik nicht kompliziert sein.“ Attraktive Produktgestaltung etwa werde auch im Maschinen- und Anlagenbau zunehmend sehr positiv wahrgenommen. „Viele Hersteller überlegen daher, wie sie einfache Oberflächen-Konzepte aus dem Verbraucherbereich auf ihre Produkte übertragen können.“ Oetter zufolge haben viele Maschinen- und Anlagenbauer inzwischen erkannt, dass Funktionalität nicht alles sei. „Sie muss auch beim Benutzer ankommen. „Deshalb kümmern sich immer mehr Hersteller um das Thema Usability.“ Ein Wettbewerbsfaktor also, und offenbar kein geringer.

Einige Trends kristallisieren sich derzeit deutlich heraus. „Touch und Multitouch-Panel, modernes GUI-Design in Hightech-Anmutung haben sich durchgesetzt“, weiß Dr. Elke Deubzer vom Fachinstitut PMO Usability Engineering und Organisationsentwicklung. „Tablets und Smartphones sind inzwischen für ausgewählte Aufgaben und Nutzergruppen state of the art.“ Aktuelle Trends seien Gamification mit hippen Game-Controllern aus dem Spielebereich wie etwa Virtual-Reality-Brillen (VR) und Augmented-Reality-Anwendungen (AR). Auch Entwicklungen wie Sprachsteuerung und selbstlernende Algorithmen zählt Dr. Deubzner dazu. Sie nennt es angewandte Künstliche Intelligenz: „Hier wird ausprobiert.“

Dabei geht zwar auch um das Look & Feel, das die Smartphone-Ära stark prägt, aber beileibe nicht nur. Der Usability-Ansatz schält den Kern aus den vielen funktionellen Schichten und Strukturen komplexer Systeme und klärt so für den Anwender den Blick auf Zusammenhänge.

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