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Arbeitssicherheit Acht von zehn Unternehmen in Deutschland unterschätzen die Unfallrisiken

Redakteur: Bernhard Kuttkat

Einer repräsentativen Umfrage von Dekra zufolge unterschätzen acht von zehn Unternehmen in Deutschland die Unfallrisiken in ihren Betrieben. Jedes dritte Unternehmen verstößt gegen geltende Vorschriften. Gerade kleine und mittlere Unternehmen blenden häufig das Unfallrisiko aus.

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„Kleine und mittlere Unternehmen blenden häufig das reale Unfallrisiko aus“, betont Detlev Forytarczyk, Leiter des Bereichs Arbeits- und Gesundheitsschutz der Dekra Umwelt GmbH. Bild: Kuttkat
„Kleine und mittlere Unternehmen blenden häufig das reale Unfallrisiko aus“, betont Detlev Forytarczyk, Leiter des Bereichs Arbeits- und Gesundheitsschutz der Dekra Umwelt GmbH. Bild: Kuttkat
( Archiv: Vogel Business Media )

Das kürzlich von Dekra in Stuttgart präsentierte Sicherheitsbarometer deckt Schwachstellen rund um Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit auf. Diese Studie erfasst Einschätzungen, Praktiken und Verhaltensweisen in Bezug auf Unfallprävention und Arbeitssicherheit. Insgesamt befragt wurden 400 Personen, die im Unternehmen für die Arbeitssicherheit zuständig sind. Die Ergebnisse überraschen: Rund 80% aller Unternehmen ignorieren Unfallrisiken am Arbeitsplatz und jedes dritte verstößt gegen geltende Vorschriften, so zwei wesentliche Ergebnisse dieser repräsentativen Umfrage.

„Es ist doch sehr überraschend, dass die wichtige Rolle der Unfallverhütung und des Arbeitsschutzes als Erfolgsfaktor in den Unternehmen so vernachlässigt wird“, wertet Markt Thomä, Leiter des Geschäftsbereichs Dekra Norisiko Industrial, die Ergebnisse dieses deutschlandweiten Sicherheitsbarometers. Besonders bedenklich sei, dass der Arbeitsschutz in vielen Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen grob vernachlässigt werde. So habe jedes dritte Unternehmen nicht die vom Gesetzgeber geforderte Gefährdungsbeurteilung durchgeführt. Und 40% der Befragten geben zu, sich nicht systematisch um die Vermeidung von Arbeitsunfällen und Ausfallzeiten zu kümmern.

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Kleine Unternehmen blenden Unfallrisiken häufig aus

Eine weitere wichtigste Erkenntnis, die sich aus der Befragung ergibt, ist: Die Intensität der Anstrengungen im Arbeits- und Gesundheitsschutz hängt stark von der Betriebsgröße ab. So unterschätzen besonders kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) mit bis zu 250 Mitarbeitern die Gefahren im eigenen Betrieb. 82% der Arbeitssicherheitsexperten in KMU sehen mehr Gefahren in den anderen Branchen. Bei Großbetrieben sind es 77%.

In der Realität ist die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls in den KMU allerdings doppelt so hoch wie in Großunternehmen. „Kleine und mittlere Unternehmen blenden häufig das reale Unfallrisiko aus“, betont Detlev Forytarczyk, Leiter des Bereichs Arbeits- und Gesundheitsschutz der Dekra Umwelt GmbH.

Bei branchenspezifischer Betrachtung der Ergebnisse zeigt sich, dass 49% der Befragte des Baugewerbes die Unfallrisiken im eigenen Betrieb höher als in anderen Branchen und damit durchaus realistisch einschätzt. Diese Selbsteinschätzung in der Bauwirtschaft zeigt eine Sensibilisierung für das Thema Arbeitssicherheit. Auch im Hinblick auf die Gefährdungsanalyse schneidet das Baugewerbe relativ gut ab, hat sie doch die meisten Gefährdungsanalysen erstellt. Bezüglich der Aktualisierung der Beurteilungen sind die Verantwortlichen der Baubranche allerdings am nachlässigsten.

In Deutschland ereignet sich alle 25 s eine Arbeitsunfall, der mehr als drei Tage Arbeitsunfähigkeit nach sich zieht. Es besteht also ein hoher Handlungsbedarf, zum einen, um die Arbeitnehmer besser zu schützen, zum anderen, um die dadurch entstehende enorme finanzielle Belastung für Unternehmen und Sozialsysteme zu verhindern. Rund 40 Mrd. Euro Ausfallkosten belasten nämlich jährlich die Wirtschaft.

Flut von Vorschriften erzeugt hohe Hürden

Dekra fordert denn auch eine wesentlich stärker ausgeprägte Präventionspolitik und eine Modernisierung der Arbeitsschutz-Regelungen. „Die Flut von Unfallverhütungsvorschriften darf nicht dazu führen, dass kleine und mittlere Unternehmen vor zu hohe bürokratische Hürden gestellt werden oder durch die laufenden Anpassungen des Regelwerks an den neuesten Stand der Sicherheitstechnik schlicht den Überblick verlieren“, mahnt Arbeitsschutzexperte Forytarczyk. Vorrangiges Ziel müsse es sein, Betriebe davon zu überzeugen, dass mehr Arbeitsschutz eine Investition ist, die sich lohnt.

Die momentane Flut von neuen Paragraphen, außer Kraft gesetzter Regelungen oder überholter Vorschriften führt mittlerweile oft geradezu zum Gegenteil dessen, was mit dieser Reform erreicht werden soll. Unternehmen erkennen die für sie relevanten Regelungen nicht mehr. Sie ignorieren unbewusst Gesetze oder führen erforderliche Maßnahmen falsch durch. „Die gestiegene Selbstverantwortung zur Erreichung der Arbeitsschutzziele erfordert neue Organisationskonzepte“, so Forytarczyk. Leistungsfähige und rechtssichere Arbeitsschutzsysteme erfordern Erfahrung, Spezialwissen und Praxisnähe.

Als Hauptmotive für Arbeitsschutzmaßnahmen werden vor allem die geltenden Vorschriften und die Reduzierung der Ausfallzeiten genannt. Der Produktivitätsgedanke – fällt der Mitarbeiter aus, kostet das das Unternehmen Geld – besitzt also keinen hohen Stellenwert.

Die Kosten durch Arbeitsunfälle liegen laut Bericht der Bundesregierung mit durchschnittlich 500 Euro pro Mitarbeiter und Tag enorm hoch. Dennoch geben nur 42% der Befragten als Ziel ihrer Präventionspolitik die Eindämmung von Produktionsverlusten an. Das zeigt: Der Zusammenhang zwischen Arbeitsunfall, damit verbundenen Produktionseinbußen und sowie den daraus resultierenden Gewinnverlusten wird von den Unternehmen nur unzureichend wahrgenommen.

Gut informierte Mitarbeiter sind der beste Arbeitsschutz

Außer dem technischen Arbeitsschutz sind gut informierte Mitarbeiter der beste Schutz vor Arbeitsunfällen. Mitarbeiter, die alle Arbeitsmittel korrekt bedienen können und über die möglichen Gefährdungen informiert sind, stehen einem deutlich geringeren Risiko gegenüber.

Als wirksamste Mittel zur Gewährleistung der Arbeitssicherheit bezeichnen denn auch 96% der Befragten die verstärkte Information der Mitarbeiter sowie vorhandene Flucht- und Rettungspläne. An dritter Stelle wird die Gefährdungsbeurteilung genannt.

Kleine und mittlere Unternehmen beteiligen mit 91% ihre Mitarbeiter überdurchschnittlich stark an der Unsetzung der Arbeitsschutzpolitik. Großunternehmen liegen mit 70% unter dem Durchschnitt. Auf die Frage, bei welcher Gelegenheit und in welchem Rahmen das Thema Arbeitsschutz besonders kommuniziert wird, antworteten 89% der Befragten mit den jährlichen Sicherheitsunterweisungen. 75% sprechen bereits bei der Einstellung eines neuen Mitarbeiters die Arbeitsschutzregeln und -maßnahmen an.

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