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Kabel und Leitungen

Agil und flexibel zur Datenleitung 4.0

| Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Sandra Häuslein

Lapp vollzieht einen Strategiewandel im Innovationsmanagement. Daraus resultieren einige Neuheiten rund um die elektrische Verbindungstechnik für Industrie 4.0. Wir verraten, was dahintersteckt.

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Mit Innovationen zur vorausschauenden Wartung (Predictive Maintenance) will Lapp vor überraschendem Ausfall von Maschinen und Anlagen schützen.
Mit Innovationen zur vorausschauenden Wartung (Predictive Maintenance) will Lapp vor überraschendem Ausfall von Maschinen und Anlagen schützen.
(Bild: Wolfram Scheible/Lapp)

Fragt man Unternehmer, welche Geschäftsmodelle ihnen beim Thema Industrie 4.0 einfallen, werden viele die vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance) nennen. Sie verspricht, dass Maschinen und Anlagen nie mehr überraschend ausfallen. Durch das kontinuierliche Sammeln von Betriebsdaten sollen drohende Defekte früh erkannt werden, damit man ein verschlissenes Teil austauschen kann, bevor es zu einem Stillstand in der Produktion und zu hohen Kosten kommt.

Auch Lapp arbeitet an Lösungen für die vorausschauende Wartung. Leitungen sind in der Regel sehr robust und langlebig, doch auch eine Leitung kann ausfallen. Oder sie wird bei einer routinemäßigen Instandhaltung ausgetauscht, obwohl sie noch in Ordnung wäre. Beides kostet unnötig Geld.

„Innovation bezieht sich weniger auf Produkte, sondern vielmehr auf alles was wir tun. Wir müssen Kreativität, Offenheit und Fehlerkultur einfordern und vorleben. Und auf der anderen Seite müssen wir Disziplin, klare Führung und Kritikfähigkeit fördern, damit es nicht bei einem reinen „Fail fast“ bleibt, sondern ein „Learn fast“ sichergestellt wird“, sagt Georg Stawowy, Vorstand Technik und Innovation bei Lapp.
„Innovation bezieht sich weniger auf Produkte, sondern vielmehr auf alles was wir tun. Wir müssen Kreativität, Offenheit und Fehlerkultur einfordern und vorleben. Und auf der anderen Seite müssen wir Disziplin, klare Führung und Kritikfähigkeit fördern, damit es nicht bei einem reinen „Fail fast“ bleibt, sondern ein „Learn fast“ sichergestellt wird“, sagt Georg Stawowy, Vorstand Technik und Innovation bei Lapp.
(Bild: Alpun Antonia Feldmeier/Lapp)

Datenleitungen überwachen

Wie man das vermeiden kann, hat Lapp auf der Hannover Messe 2019 gezeigt. Das Unternehmen hat ein System entwickelt, das Datenleitungen überwacht und aus nachlassenden Übertragungseigenschaften die Alterung und die voraussichtliche Restlebensdauer der Leitung errechnet. Vorausgegangen waren umfangreiche Versuche, um die geeigneten Parameter zu finden. Diese werden mit der Datenbank verglichen, in der Lapp über Jahrzehnte in zigtausenden Tests die Alterungseigenschaften seiner Leitungen erforscht und dokumentiert hat.

Die vorausschauende Wartung für Leitungen ist ein gutes Beispiel, wie Innovationsprozesse funktionieren und wo man sie optimieren muss. Weil die Lösung technisch anspruchsvoll war, konzentrierten sich die Entwickler lange Zeit ausschließlich auf die Technik. „Niemand hat sich gefragt, welche Kunden das brauchen und wie viel sie dafür zu bezahlen bereit sind“, erklärt Guido Ege, Leiter Produktmanagement und Entwicklung bei Lapp. „Auf der Hannover Messe war das Interesse dann riesig“, sagt Ege. „Nun wollen wir mit Pilotkunden ein passendes Geschäftsmodell dazu entwickeln.“

Prozess für disruptive Innovation

Dafür hat Lapp einen neuen Prozess für das Innovationsmanagement entworfen: den Innovation-for-Future-Prozess. Diese Herangehensweise eignet sich vor allem für radikale und disruptive Innovationen, die mit dem bewährten Stage-Gate-Prozess nicht zu steuern sind. Bei Stage-Gate gibt das Management bereits ganz zu Anfang Ziele vor, die schrittweise zu erfüllen sind – dazu gehören auch Einschätzungen über Umsatz- und Gewinnchancen. Doch wenn die Lapp-Entwickler Neuland betreten, gibt es diese Ziele möglicherweise noch gar nicht. In der Stage-Gate-Denke könnte das Projekt nicht starten, denn für etwas noch nie da gewesenes Gewinnerwartungen anzugeben, ist kaum möglich.

Der Innovation-for-Future-Prozess dagegen schafft Freiräume, neue Technologien und Geschäftsmodelle zu entwickeln, für die bislang erst vage Ideen existieren.

Lapp hat dafür drei Voraussetzungen definiert, die parallel zu erfüllen sind. Das Innovationsteam muss:

  • 1. eine technische Lösung entwickeln,
  • 2. mit mindestens einem potenziellen Kunden sprechen und
  • 3. einen Business Model Canvas erstellen, in dem alle neun Elemente ausgefüllt sind.

Doch das sind nur die Formalien. Der entscheidende Unterschied ist die Rolle des Managements. Statt bisher nur in definierten Intervallen „Ja“ oder „Nein“ zu einem Entwicklungsstand zu sagen, sind Führungskräfte künftig als Ideengeber und Unterstützer – neudeutsch: Enabler – gefragt. Sie knüpfen für das Innovationsteam Netzwerke und stellen das Budget bereit, womit nicht nur Geld gemeint ist, sondern auch zeitlicher Freiraum. „Stage-Gate ist damit aber nicht tot“, sagt Guido Ege. Es sei vielmehr im Innovation-for-Future-Prozess enthalten und für inkrementelle Innovationen, etwa für einen neuen Kabeltyp auf Basis eines Vorgängerprodukts, nach wie vor die Methode der Wahl.

Ergänzendes zum Thema
Simon Blake erklärt, warum Unternehmen eine gute Innovationskultur brauchen.

Simon Blake ist Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensberatung launchlabs in Berlin.
Simon Blake ist Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensberatung launchlabs in Berlin.
( Bild: Alpun Antonia Feldmeier )

3 Fragen an Simon Blake:

Innovation ist ein typisches Marketing-Buzzword – warum sollten es Unternehmen nicht nur als solches sehen?

Blake: Innovationen sind wichtig und machen im Idealfall unser aller Leben besser. Ohne Innovationen herrscht Stillstand. Wenn sich ein Unternehmen weiterentwickeln will, muss es innovativ sein. Konkret heißt das, ein Unternehmen muss es dauerhaft schaffen, auf Markt-, Nutzer- und Technologieveränderungen zu reagieren, mit ihnen umzugehen und sie zu nutzen - und zwar agil, schnell und flexibel. So kann es langfristig am Markt bestehen, Arbeitsplätze erhalten und neue schaffen sowie gesellschaftlich wie kulturell eine ganze Region mitversorgen.

Wie erreichen Unternehmen solch eine Innovationskultur?

Blake: Das ist bei jedem Unternehmen ein ganz individueller Weg. In der Regel beginnen wir mit einem ganz konkreten Projekt. Zum Beispiel erstmalig ein digitales Produkt auf den Markt bringen, oder sich als Arbeitgeber attraktiv für den Nachwuchs aufstellen. Während des Prozesses macht das Unternehmen positive und negative Erfahrungen und lernt daraus. Nach wenigen Schritten wird meist die Komplexität, die hinter so einem Prozess steckt, sichtbar. Bestenfalls erkennt das Unternehmen dann selbst, dass es ganze Strukturen ändern muss. Dann können wir den Wandel ganzheitlich angehen. Der Impuls dazu muss aber vom Unternehmen selbst kommen.

Das heißt, jedes Unternehmen sollte genau an dem Punkt beginnen, an dem es in dem Moment den größten Bedarf verspürt. Dann folgen immer weiter kleine Schritte, die es regelmäßig zu reflektieren gilt.

Welche Rolle nehmen Sie als launchlabs dabei ein?

Blake: Wir sehen uns als Enabling-Partner – also Möglichmacher. Das heißt, wir begleiten den Prozess und bauen bestenfalls Strukturen auf, damit sich das Unternehmen irgendwann selbst um Veränderungsprozesse kümmern kann. Dabei kommt es aber auch immer auf das Unternehmen selbst an. Lapp ist zum Beispiel ein sehr eigenständiges, selbstbewusstes Unternehmen, das den Anspruch hat, das Innovationsmanagement eigenständig aus sich heraus zu entwickeln. Unsere Unterstützung ist hier nur sporadisch notwendig. Bei anderen Unternehmen bilden wir Trainer aus und begleiten Prozesse viel enger.

Downsizing für Datenleitungen

Ein gutes Beispiel dafür ist Single-Pair Ethernet, ein Konzept, das ebenfalls mit Industrie 4.0 zusammenhängt.

Die Zahl der Datenverbindungen zwischen Maschinen steigt in Folge der Digitalisierung in den Fabriken rasant an, vor allem weil immer mehr Anlagen mit Sensoren ausgerüstet werden. Sie erzeugen große Datenmengen, die unter anderem für die vorausschauende Wartung nötig sind. Am meisten von diesem Vernetzungsboom profitiert Industrial Ethernet. Sieht man einmal von schnellen und hochauflösenden Kameras ab, senden viele der Sensoren nur kleine Datenmengen, etwa Druck, Temperatur oder ähnliche Messwerte. Dafür ist eine schnelle Cat.6A-Leitung völlig überdimensioniert, eine Leitung mit geringerer Datenrate tut es auch. Single-Pair-Ethernet-Leitungen haben deshalb statt vier Aderpaaren nur ein Aderpaar. Damit können Sie immer noch ein 1Gbit/s übertragen – statt zehn wie bei Cat.6A –, und das ist schnell genug für viele Anwendungen, außerdem sind sie dünner, platzsparender und kostengünstiger.

Single-Pair Ethernet ist weder technologisch noch vom Geschäftsmodell Neuland. Es ist eine Variante bestehender Leitungen, für die es wachsenden Bedarf geben wird. Daher war hier – anders als bei der neuartigen Lösung zur vorausschauenden Wartung von Leitungen – der Stage-Gate-Innovationsprozess genau passend. Die ersten Leitungen dieses Typs hat Lapp auf der Hannover Messe 2019 gezeigt.

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