Siemens Arbeiten im Nahen Osten

Autor / Redakteur: Dr. Thomas Isenburg* / Robert Weber

Deutsche Unternehmen verdienen ihr Geld weltweit. Doch das Projektmanagement im Nahen Osten unterscheidet sich von Aufträgen in Deutschland oder Westeuropa. Wie können Manager darauf reagieren?

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Das spanische Unternehmen Gamesa ist bislang Marktführer. Ein Grund nach den Aussagen der Spanier ist die gut funktionierende interkulturelle Kommunikation.
Das spanische Unternehmen Gamesa ist bislang Marktführer. Ein Grund nach den Aussagen der Spanier ist die gut funktionierende interkulturelle Kommunikation.
(Bild: Isenburg)

Die politische Großwetterlage und eine weiter voranschreitende Globalisierung geben die Richtung vor: Die Notwendigkeit sich auf andere Kulturen einzustellen, wird größer werden. Beispiele für erfolgreiche interkulturelle Großprojekte begleiten diesen Trend. Derartige Projekte stützen sich auf eine lange Geschichte, wie die Reisen Marco Polos und die Entdeckung Amerikas zeigen.

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Sind Technik, Termine, Ressourcen und Kostenplanung sowie Besonderheiten des Projektcontrollings weitgehend bekannt, geht es dann um die Beziehungsebene. Sprach-, Denk- und Verhaltensunterschiede treten in vielfältiger Weise auf.

Neue Herausforderungen im Projektmanagement

Gilt schon die Kommunikation zwischen Ingenieuren und Vertriebsleitern hin und wieder als Herausforderung, kommen hier noch die Besonderheiten diverser Mentalitäten hinzu. Zu koordinieren sind dann Sprach-, Denk- und Verhaltensunterschiede in vielfältiger Weise. Dies war bislang weitgehend internationalen Projekten vorbehalten, jedoch mit den Menschenströmen, die aus dem Nahem Osten zu uns kommen, könnte dies bald auch zu einer nationalen Herausforderung werden.

Bislang erreicht Deutschland einen Anteil von fast 10 Prozent am weltweiten Exportvolumen. Ein im besonderen Maße exportorientiertes Unternehmen ist die Siemens AG in München. Im Juni des Jahres wurde der bislang größte Deal der Firmengeschichte mit Ägypten vereinbart. Für acht Milliarden Euro wird Kraftwerkstechnik in das Land am Nil geliefert. Unterzeichnet wurde das Geschäft vom Ägyptischen Präsidenten Abd al-Fattah as-Sisi sowie vom Siemens-Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser im Beisein des Bundeswirtschaftsministers Gabriel. Der Besuch des Ägyptischen Präsidenten war in der deutschen Öffentlichkeit umstritten.

Nach vier turbulenten Jahren, beginnend mit dem arabischen Frühling über die Regierungszeit der Muslimbruderschaft bis zum Militärputsch und den anschließenden Wahlen, sehnt sich die Mehrheit der Ägypter nach Ruhe für die am Boden liegende Wirtschaft. Viel Militär und Polizei auf den Straßen sollen diesen Zustand sichern.

Siemens baut Rotorblattwerk in Ägypten

Aus dem Bundeswirtschaftsministerium kommen positive Töne: „Ägypten scheint wirtschaftlich den Wendepunkt geschafft zu haben. Unser bilateraler Haushalt hat sich letztes Jahr zum ersten Mal seit Langem wieder nach oben entwickelt“, so Karin Wagner aus dem Ministerium. Viele deutsche Firmen haben in Ägypten investiert. Trotz der Unsicherheit der letzten Jahre sind sie dem Land am Nil treu geblieben. Dabei stehen deutsche Unternehmen für Technologieführerschaft, die Ausbildung von Fachkräften und eine nachhaltige Entwicklung ihres Gastlands. Eine Chance, die Siemens nutzen möchte, indem es ein Rotorblattwerk in Ägypten baut. Hierzu äußert sich der Projektleiter für den Aufbau der Rotorblattfertigung Hannes Reuter: „Um Rotorblätter in der bei Siemens geforderten Qualität zu fertigen, sind Erfahrung und Fachkenntnisse notwendig. Wie an den anderen Standorten wird Siemens auch in Ägypten die Rotorblätter in einem Stück fertigen. Diese Produktionsmethode ist einzigartig und braucht natürlich auch erfahrene Mitarbeiter. Daher werden zunächst Kollegen aus anderen Standorten die Leitung der Teams übernehmen. So stellen wir einen Know-how-Transfer sicher, der vor allem in der Anlaufphase der Produktion sehr wichtig ist.“ Zur Besonderheit bei der Zusammenarbeit in Teams aus Christen und Moslems meint der Projektleiter des Großprojekts: „Als weltweit agierendes Unternehmen ist Siemens traditionell ein multinationaler und multiethnischer Arbeitgeber. Respekt und Toleranz hinsichtlich Herkunft und Religion gehören bei uns zum Arbeitsalltag – und wir erwarten sie von allen Menschen, die bei uns arbeiten.“

Wenn man die Buchhandlungen nach Titeln zum Thema internationales Projektmanagement durchsucht, herrscht überraschenderweise noch gähnende Leere. Eine Ausnahme ist die Publikation von Professor Manfred Kiesel: Internationales Projektmanagement. Der Professor der Fachhochschule Würzburg gibt seine Erfahrungen auch aus dem internationalen Vertrieb der Daimler AG wieder. Eine Aussage: „High-Context-Kulturen regeln das täglich Leben durch eine Vielzahl von Sitten und Gebräuchen die strikt befolgt werden. Der Verstoß wird sozial geachtet. Beispiele sind die japanische Kultur oder Kulturen mit einem starken religiösen Einfluss. Für Fremde wird es daher sehr schwierig, sich in einem anderen Kulturraum zu bewegen.“

Ein Beispiel, in dem diese Hürde schon genommen scheint, liefert der spanische Windanlagenbauer Gamesa. Etwa 400 km südlich von Kairo befindet sich der Windpark Gabal el Zaif an der Westküste des Golfs von Kairo.

Das Projekt trägt dazu bei, die steigende Energienachfrage des Landes mithilfe der dauerhaften Windenergieressourcen zu decken. Bei der Fahrt vom Touristenort Hurghada zum etwa 120 Kilometer nördlich liegenden Windpark entwickelt sich ein aufschlussreiches Gespräch mit dem Servicemanager des Parks José María Jimeno Pascual. Die Frage, warum Gamesa sich so erfolgreich engagiere, beantwortet der Spezialist für internationales Projektmanagement mit: „Es gibt eine kulturelle Nähe zwischen Spaniern und Arabern. Sie geht noch auf die Besetzung von Teilen Spaniens durch die Mauren zurück. Die Spanier kennen die arabische Lebensweise, Nordeuropäern fällt das schwerer.“ Das kulturell Besondere in der arabischen Welt sei die Religion, alles drehe sich um sie, sie sei bei allem zu beachten, meint der schon lange in Nordafrika lebende Mann weiter. Jimeno Pascual hält die Extremisten für das große Problem: „Unter 100 frommen Moslems ist ein Terrorist und er macht dann die Probleme.“

Hohes Engagement bei den Beduinen

Dies muss keine Einbahnstraße sein. So äußert der Islamwissenschaftler der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Ahmad Milad Karimi: „Es hat einen Zweck, dass es verschiedene Religionen gibt: Muslime sind aufgrund der Pluralität im Islam und ihrer historischen Verbundenheit mit dem Judentum und Christentum im Dialog geschult.“ Der Besuch des Windparks bestätigt diese Einschätzung. Im Kontrollzentrum arbeitet ein internationales Team, das für möglichst hohe Energieausbeuten sorgt. Die zumeist jungen Männer in blauen Overalls sind mit fröhlicher Anspannung bei der Sache. Fremde werden mit dem arabischen Friedensgruß Salam aleikum begrüßt, bevor mit zuvorkommender Höflichkeit Tee serviert wird.

Die Stimmung lädt zum mitarbeiten ein. Zum Team gehören auch noch auf dem Land lebende Beduinen. Jimeno Pascual kennt die Persönlichkeiten und die Stärken und Schwächen seiner Mitarbeiter genau. Sie versehen ihre Aufgaben mit leuchtenden Augen und großem Engagement. Nach seinem Erfolgsrezept befragt meint die Führungskraft: „Über alle Aufgaben wird offen gesprochen.

Dabei sollte nichts verschwiegen werden. Auch die private Situation wird bei Bedarf thematisiert.“ Kommuniziert wird in Englisch. Der Teamleader spricht kein Arabisch und sagt, er könne die Situationen fast immer einschätzen. Zu seiner Motivation meint der katholische Christ: „Die grüne Energie ist gut für die Zukunft, auch um die Welt für die Kinder zu schützen.“ Der Manager will seine Mannschaft zu Spitzenleistungen trainieren.

* *Thomas Isenburg ist freier Wissenschafts­journalist aus Herten.

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