Interview zu Smart City Auf dem Weg in die intelligente Stadt

Autor: Katharina Juschkat

Smart Cities versprechen eine einfachere, effizientere Stadt – aber was genau steckt hinter dem Konzept? Wir haben mit dem Experten Dr. Simon Wollenberg über die Hürden auf dem Weg zur Smart City gesprochen – und warum wir keine Angst vor ihr haben sollten.

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Die Stadt der Zukunft soll sauberer, einfacher und übersichlicher sein – wie realistisch ist das Konzept Smart City?
Die Stadt der Zukunft soll sauberer, einfacher und übersichlicher sein – wie realistisch ist das Konzept Smart City?
(Bild: ©jamesteohart - stock.adobe.com)

Car Sharing und Apps, die uns zum nächsten Parkhaus führen, sind mittlerweile Teil unseres Alltags – und ein erster Schritt zur intelligenten Stadt bzw. „Smart City“. Wir haben mit dem Experten Dr. Simon Wollenberg über die smarten Städte geredet – aber was genau erwartet uns eigentlich in der vernetzten Stadt? Der Gedanke hinter der Smart City ist ähnlich wie das Konzept „Smart Home“ – nur in ganz anderen Dimensionen. Verschiedene Bereiche wie Mobilität, Verwaltung, Gesundheit, Logistik, Energietechnik, usw. vernetzen sich miteinander und agieren intelligent – mit dem positiven Effekt, dass alles einfacher, effizienter und nachhaltiger läuft. Technisch möglich wird das durch die Entwicklung und Verbreitung immer leistungsfähigerer digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien.

Intelligente Straßenlaternen laden das E-Auto

So zumindest in der Theorie. In der Praxis steckt das Konzept noch in den Kinderschuhen – auch wenn es erste Erfolge zu berichten gibt: In Berlin beispielsweise hat der Senat schon im April 2015 eine Smart-City-Strategie beschlossen. Etwas verklausuliert beschreibt die Stadt in ihren Zielen, zu der Strategie gehöre unter anderem „der Ausbau der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Metropolregion Berlin-Brandenburg, die Steigerung der Ressourceneffizienz und Klimaneutralität Berlins bis zum Jahr 2050 sowie die Schaffung eines Pilotmarktes für innovative Anwendungen.“

Etwas konkreter präsentierten Aussteller auf der Messe „Metropolitan Solutions 2016“ in Berlin schon erste Lösungen dafür – etwa eine intelligente Straßenlaterne, die nicht nur über energiesparende, selbstdimmende LED-Lampen verfügt, sondern uns via Smartphone über freie Parkplätze oder Staus informieren kann. Via Sensoren können die Straßenlaternen in der ganzen Stadt die aktuelle Verkehrssituation erfassen. Eine weitere Lösung mit Straßenlaternen hat Ubitricity parat: Das Unternehmen hat ein Smart Cable entwickelt, mit dem Elektroautos an jeder Steckdose überall aufgeladen werden können – auch an Straßenlaternen. Durch die Simple Sockets soll damit das Problem der Infrastruktur für E-Autos der Vergangenheit angehören.

Smart-City-Konzept zu komplex?

Das sind bisher nur kleine Schritte Richtung intelligente Stadt – aber genau so werden Smart Cities entstehen, erklärt auch Dr. Simon Wollenberg im Interview mit der elektrotechnik. Dr. Wollenberg ist Rechtsanwalt, Manager und Fachanwalt für Verwaltungsrecht im Public Sector der KPMG AG Rechtsanwaltsgesellschaft und Experte für große Infrastrukturprojekte.

Herr Wollenberg, sind wir denn technologisch überhaupt schon so weit, eine Smart City zu bauen?

Die Technik existiert. Sie ist allerdings teilweise noch in einem Erprobungsstadium, etwa im Bereich Sensorik. Das ist jedoch nicht schlimm, da das Smart-City-Konzept ohnehin zu komplex ist, um alle Facetten gleichzeitig umzusetzen. Mangelnde Technologie ist daher kein Grund, sich dem Thema Smart City zu verschließen.

Man findet bereits in vielen größeren Städten Entwicklungen, die in Richtung Smart City gehen, beispielsweise Carsharing, Elektromobilität oder Bürgerbeteiligung bei der Verkehrsplanung. Das ist jedoch nur der Anfang. Verschiedene Pilotprojekte zeigen, was möglich ist, wie die Smart-City-Strategie von Berlin – oder München, das im September 2015 Teil des EU-Projekts „Smarter Together“ wurde. Allerdings kann noch viel mehr getan werden.

Welche Hürden gibt es auf dem Weg zur Smart City?

Die Hürden auf dem Weg zur Smart City sind nicht technischer Natur. Stattdessen fehlt es eher an einer gesamtstädtischen Strategie – und eine Strategie ist das erste, was eine Stadt braucht, um „smart“ zu werden. Weitere Hindernisse ergeben sich aus der Verteilung von Zuständigkeiten. Da werden übergreifende Projekte regelmäßig ausgebremst oder in Kompetenzfragen zerrieben. Das sollte sich ändern, wenn wir beim Thema Smart City nicht ins Hintertreffen geraten wollen.

Eine weitere Herausforderung ist, Steuerungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten zu erkennen. Die smarte Stadt kennt ihre Potenziale und weiß, welche Smart-City-Ideen zu ihr passen. Nicht jede Stadt kann das leisten. Deshalb werden Smart Cities oft von IT-Unternehmen vorangetrieben, während Städte eher passiv bei der Entwicklung bleiben. Das ist problematisch, weil die Unternehmen nicht in erster Linie die Interessen der Städte und Bürger im Blick haben, sondern streng wirtschaftlich handeln. Deshalb führt nicht jede Smart-City-Idee auch zu einer Verbesserung für die Bürger.

(Bild: ©jamesteohart - stock.adobe.com)

Eine intelligente Stadt, das klingt für viele nach der totalen Überwachung. Wie kann man den Bürgern den Datenschutz garantieren?

Das Thema Datenschutz muss bei Smart-City-Projekten immer beachtet werden, da die Smart City gerade von Datenfluss lebt. Zu einem Smart-City-Konzept gehört daher immer auch ein Datenschutzkonzept. Der Datenschutz ist jedoch kein Hindernis. Viele Smart-City-Projekte kommen ganz ohne personenbezogene Daten aus. Wer die Smart City richtig umsetzt, muss beim Datenschutz keine Abstriche machen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient das Thema Cyber Security. Eine Stadt mit zahlreichen Datenströmen muss sich gegen Cyberattacken wie Petya und WannaCry wappnen. Allerdings sollte uns das nicht davon abhalten, die Vorteile digitaler Systeme in der modernen Stadt zu nutzen. Wir brauchen stattdessen effektive Schutzsysteme, die mit den Gefahren aus dem Internet umgehen können. Also sichere Computernetze und Datenspeicher sowie Experten, die in der Lage sind, Hackerangriffen zu begegnen. Gefährlicher als die Raffinesse der Angreifer sind die Schwächen der Abwehr.

Sie sagen, eine intelligente Stadt entsteht in kleinen Schritten. Aber mit welchem konkreten Aufwand ist es verbunden, eine bestehende Stadt in eine smarte City zu verwandeln?

Der Aufwand hängt davon ab, welche Smart City-Aspekte man umsetzt. Wenn eine Stadt die E-Akte einführt, kann sie ein paar Wochen später die Hälfte aller Drucker abbauen. Ich war vor kurzem auf dem Bauamt, habe stundenlang im Amtszimmer Akten gelesen, mir dann 170 Seiten kopiert und anschließend mit Bargeld bezahlt. Mit der E-Akte hätte die Behörde mir die Unterlagen per Mausklick geschickt.

Andere Entwicklungen verursachen zunächst Aufwand. Der größte ist sicherlich die organisatorische Vernetzung. Die wichtigste Rolle spielt hierbei die öffentliche Hand. Viele Smart City-Aspekte setzen eine Infrastruktur voraus, die nur die Kommunen bereitstellen können. Physische Infrastruktur wie E-Ladesäulen etwa, oder virtuelle Infrastruktur wie E-Government-Lösungen und regulatorische Infrastruktur wie smarte Verkehrssteuerung. Hier müssen alle Behörden an einem Strang ziehen.

Kritische Fragen sind: Gibt es flächendeckend schnelles Internet? Wie sieht es mit der Förderung innovativer IT-Projekte aus? Weiß jede Behörde, was sie zu einer smarten Stadt beitragen kann? Die Vorreiterstädte haben hierfür eigene Planstellen mit übergreifender Zuständigkeit eingerichtet.

Die Technologien existieren bereits, auch Projekte sind schon am laufen – aber sind die Menschen schon bereit dafür?

Neue Angebote werden sehr schnell wahrgenommen. Hier in Berlin ist das Carsharing-Angebot in kürzester Zeit explodiert, nachdem ein Anbieter sich als Erster auf den Markt gewagt hatte. Ziel der Smart Cities ist es ja, das Leben der Menschen leichter und angenehmer zu machen. Stellen sie sich vor, es gäbe kein Verkehrschaos mehr, keine überquellenden Mülleimer im Park und keinen Ärger mit dem Ordnungsamt, weil die Stadt eine intelligente Steuerungsmöglichkeit gefunden hat. Sie hätten überall eine freie WLAN-Verbindung und könnten Ihre Verwaltungsangelegenheiten ohne Wartezeit über das Internet erledigen. Wer sagt da nein?

Aber natürlich sind intelligente Städte keine automatische Lösung für gesellschaftliche Probleme, das ist richtig. Smart Cities entwickeln sich mit der Zeit und verändern sich, je mehr Erfahrungen wir mit ihr und ihren Angeboten machen. Schließlich gilt: Am Ende sind Smart Cities nur so klug, wie die Menschen, die sie gestalten.

Vielen Dank, Herr Wollenberg.

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Über den Autor

 Katharina Juschkat

Katharina Juschkat

Redakteurin, Vogel Communications Group