Arbeitsmarkt Biographie eines arbeitslosen Elektroingenieurs

Redakteur: Franz Graser

Wäre der von den Industrieverbänden beschworene Ingenieurmangel Realität, dann dürfte es diese Biographie so nicht geben. Ein 55-jähriger Elektroingenieur aus dem Großraum München ist seit zweieinhalb Jahren vergeblich auf der Suche nach einem Job.

Die Agentur für Arbeit ist naturgemäß die erste Anlaufstelle bei für arbeitssuchende Menschen. Im Fall des von ELEKTRONIKPRAXIS interviewten arbeitslosen Elektroingenieurs konnten jedoch weder die Arbeitsagentur noch Kontakte zu Headhuntern noch eine Outplacement-Agentur weiterhelfen.
Die Agentur für Arbeit ist naturgemäß die erste Anlaufstelle bei für arbeitssuchende Menschen. Im Fall des von ELEKTRONIKPRAXIS interviewten arbeitslosen Elektroingenieurs konnten jedoch weder die Arbeitsagentur noch Kontakte zu Headhuntern noch eine Outplacement-Agentur weiterhelfen.
(Bild: gemeinfrei / CC0 )

Gebetsmühlenhaft weisen Wirtschaftsverbände auf den drohenden Mangel an Ingenieuren hin, der in den kommenden Jahren auf Deutschland zukommt. Anfang September prognostizierte der VDE einen Bedarf von mindestens 100.000 zusätzlichen Elektroingenieuren über die kommenden zehn Jahre.

Doch diese Zahlen werden immer stärker angezweifelt. Nach der Veröffentlichung der Studie meldeten sich im Online-Forum zahlreiche Stimmen zu Wort, die eine ganz andere Situation schildern. Ein anonymer User stellte zum Beispiel die Frage: „Warum gibt es allein in München immer noch Tausende hochqualifizierter, aber trotzdem arbeitslose Opfer diverser Siemens-Debakel, die Jahre nach ihrem Zwangsruhestand immer noch keine halbwegs angemessenen Job als Elektroingenieur gefunden haben?“

Nach Auskunft des VDI sind dies größtenteils Einzelschicksale, die möglicherweise mit mangelnder Flexibilität der Arbeitssuchenden oder zu hohen Gehaltsvorstellungen zu tun hätten. Michael Schanz, der Arbeitsmarktexperte des VDE, ergänzt, dass die Arbeitslosigkeit eventuell auch darauf zurückführen sei, dass sich die Ingenieure im Lauf ihres Berufslebens eventuell nur mit einer bestimmten Technik beschäftigt hätten, die inzwischen abgelöst worden sei.

Die Erfahrung eines 55-jährigen arbeitslosen Elektroingenieurs, der bereits seit etwa zwei Jahren auf Stellensuche ist, zeigt, dass noch andere Gründe eine Rolle spielen. Im Gespräch mit gab der Ingenieur zu Protokoll: „Eine immer wieder gemachte Erfahrung ist, dass die Arbeitgeber grundsätzlich auf der Suche nach einem Kandidaten sind, der zu 100 Prozent auf die Stelle passt. Eine 90-prozentige Passung wird schon nicht mehr akzeptiert, auch wenn die Einarbeitungszeit in die restlichen 10 Prozent vernachlässigbar wäre. Man sucht meiner Meinung nach lieber 10 Monate nach dem idealen Kandidaten, anstatt einen Bewerber für 2-3 Monate in ein für ihn neues Fachgebiet einzuarbeiten. Also ist für mich der Leidensdruck der Firmen noch nicht besonders hoch.“

Der betreffende Ingenieur, der 1990 sein Studium der Elektrotechnik mit dem Diplom-Ingenieur abschloss, war 24 Jahre lang in der Elektronikindustrie tätig, bevor er Anfang 2014 einen Auflösungsvertrag erhielt. Auf diesen ging er ein, um eine betriebsbedingte Kündigung zu vermeiden. In diesen 24 Jahren arbeitete er als Field Application Engineer sowie als Systems Engineer für unterschiedliche Anwendungsgruppen, zum Teil mit weltweiter Produktverantwortung. Darüber hinaus war er an drei Erfindungen beteiligt.

„24 Jahre Erfahrung werden nicht honoriert“

22 Monate lang betreute ihn eine Outplacement-Agentur. Darüber hinaus ergaben sich Kontakte zu Headhuntern. Im Gespräch mit den Arbeitsmarktexperten ergab sich die Erkenntnis, dass „24 Jahre Erfahrung nicht honoriert werden. Die Grenze liegt bei 10-15 Jahren. Wer länger dabei war, muss also auf diesem Gehaltsniveau wieder einsteigen.“

„Vorurteile gegen ältere Ingenieure sind noch die Norm“

Den vom VDE beobachteten Trend, der Arbeitsmarkt sei gegenüber älteren Ingenieuren in den letzten Jahren „deutlich besser beziehungsweise fairer geworden“, kann der betroffene Elektroingenieur nicht nachvollziehen: „Das Vorurteil des "unflexiblen, unmotivierten, teuren und anspruchsvollen Alten" ist in der Industrie immer noch die Norm. Dies kann man auch an der Anzahl der Bewerbungen auf ausgeschriebene Positionen ablesen, die überhaupt nicht beantwortet wurden. Ich würde den Anteil auf ca. 25 Prozent schätzen. Dabei ist auch bemerkenswert, dass ich für alle Positionen geeignet war; darauf hat schon die Outplacement-Agentur geachtet, ebenso wie auf die Qualität der Bewerbungsunterlagen.“

Der Betroffene fährt fort: „Daraus leite ich persönlich auch ab, dass eigentlich kein Mangel an Ingenieuren besteht. Sonst könnten es sich die Firmen nicht leisten, ihren Namen auf dem Markt durch ein solches Verhalten zu verbrennen. Denn etwas anderes tun sie nicht; da auch Bewerber heutzutage sehr stark vernetzt sind, gehen die Namen solcher Firmen natürlich auch um und schrecken ab.“

Die Erfahrungen des arbeitslosen E-Ingenieurs zeigen, dass der oft beschworene Ingenieurmangel in Teilen eine Fiktion sein dürfte: „Solange es sich Firmen leisten können, erfahrene Ingenieure mit zwei Dritteln des bisherigen Gehaltes mit Ende 50 nach Haus zu schicken und Bewerber jenseits der 50 fast nicht zu beachten, gibt es diesen Mangel in meinen Augen nicht.“

Deshalb stimmt er prinzipiell der These des DIW zu, das primär einen „Mangel an billigen Ingenieuren“ verortet. Auch die These, die Ingenieure hätten es selbst in der Hand, durch rechtzeitige Weiterbildung ihre Arbeitsplatzchancen zu verbessern, ist aus seiner Sicht nicht unbedingt haltbar.

Weiterbildung muss oft erkämpft werden

Denn vielfach würden es die Firmen versäumen, ihre vorhandenen Mitarbeiter weiterzubilden: „Wenn etwa eine neue Programmiersprache eingesetzt werden muss, halten viele Chefs erst einmal Ausschau nach einem neuen Mitarbeiter, der diese Sprache vielleicht auf der Hochschule gelernt hat, bevor sie auf den Gedanken kommen, ihre vorhandenen Mitarbeiter zu schulen. Einen ähnlichen Fall gab es auch in meiner Laufbahn: Als wir für ein Projekt von C++ auf Java umsteigen sollten, habe ich für einen einwöchigen Kurs für mich und meinen (vorhandenen) Mitarbeiter gefühlt länger kämpfen müssen, als wenn ich einen neuen Projektmitarbeiter haben wollte.“

Dieser Beitrag ist zuerst auf unserem Schwesternportal ELEKTRONIKPRAXIS erschienen.

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