Industrie 4.0, IIC und IoT Cisco will pragmatisch handeln

Autor Ines Stotz

Die Diskussion um das Thema Industrie 4.0 wird von verschiedenen Seiten aus angegangen. Der wesentliche Unterschied: Im mittelstandsgeprägten Deutschland ist der Ausgangspunkt die Produktion mit ihren Prozessen – die sich künftig noch besser vernetzen und steuern lassen sollen. In den USA, wo in den letzten Jahrzehnten Produktions-Kapazitäten eher abgebaut wurden, sind es vor allem die die großen IT- und Netzanbieter, die in die Industrie vordringen, um neue Märkte zu erschließen.

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Alleine in der Industrie werden IT-Investitionen in Höhe von 14 Mrd. Dollar bis zum Jahre 2020 von Experten vorausgesagt.
Alleine in der Industrie werden IT-Investitionen in Höhe von 14 Mrd. Dollar bis zum Jahre 2020 von Experten vorausgesagt.
(Bild: Cisco)

Manfred Bauer kennt alle Welten und kann dies bestätigen. Er hat seine berufliche Laufbahn bei Siemens im Energie- und Automatisierungsbereich begonnen, war danach einige Jahre bei Microsoft tätig und arbeitet nun seit sieben Jahren bei Cisco. In seiner Funktion als IoT Sales Lead für Deutschland kümmert er sich um die Implementierung des Internet of Things in die deutsche Organisation. Begeistert hat im Gespräch erläutert, wie großartig er es findet, dass diese verschiedenen Welten jetzt zusammenwachsen.

„Das ist für mich wie eine persönliche Lebensschleife.“ Er sieht den Trend Industrie 4.0 - was selbstgesteuerte Prozesse verspricht, die schnell und automatisch auf neue Anforderungen, Aufträge oder Störungen reagieren - weit darüber hinausgehen. „Denn bereits jetzt wird praktisch alles mit jedem verknüpft: Prozesse, Daten, Objekte und Menschen.“ Dieses Internet of Everything (IoE) wird gemäß Cisco in Deutschland bis 2022 ein Wertschöpfungspotenzial von etwa 700 Mrd. Euro bieten. Alleine in der Industrie werden IT-Investitionen in Höhe von 14 Mrd. Dollar bis zum Jahre 2020 von Experten vorausgesagt.

So ist der Frankfurter bei einem Unternehmen wie Cisco genau richtig. Denn es ist nicht nur ein Netzwerk- sondern kompletter IT-Anbieter. „Wir sind vom Rechenzentrum bis hin zur Automatisierung ganzheitlich aufgestellt, mit dem Schwerpunkt Plattformen zu schaffen und zu integrieren.“ Interessant, wie wir in der Redaktion finden und wollten es genauer wissen.

Herr Bauer, wie sieht denn bei Cisco das Zusammenwachsen von IT und Automatisierung aus?

Wir kommen sehr stark aus der Informationstechnik und haben dort gelernt Sicherheits- und Netzwerk-Architekturen sowie Serversysteme zu bauen und Rechenzentren richtig zu vernetzen. Auf der Automatisierungsseite bieten wir mittlerweile ein komplettes Industrieportfolio. Bestehend aus Switchen, Routern und Gateways für die Anbindung von Sensoren; aber auch vorbereitende Data-Analytikplattformen, Lokalisierungsplattformen für Werkzeuge sowie für Wireless-Produkte. Nun sehen wir, dass IT und Automatisierung immer mehr zusammenwächst.

Was sagen Sie dabei zum Thema Standardisierung?

Wir sind gar nicht so weit weg vom Thema Standardisierung und Normung wie viele denken. In Europa arbeiten wir zum Beispiel sehr eng mit Siemens zusammen. Unsere Switches sprechen deshalb auch Profinet.

Was heißt das?

Unsere Switches sind so ausgelegt, dass sie verschiedene Protokollebenen unterstützen. Was Cisco von anderen Herstellern unterscheidet. Wir wollen eine universelle Automatisierungsplattform schaffen, auf der wir Applikationen laufen lassen können, die wir aus der IT kennen, aber mit der wir etwa auch Maschinenansteuerungen unterstützen, zum Beispiel eine Simatic S7 oder eine andere SPS. Mit anderen Worten: solch ein Switch ist sowohl mit Industrial Ethernet wie Profinet ausgerüstet, aber auch mit Standard-Ethernet.

Wozu braucht man das?

Ein wesentlicher Punkt ist es, durchgehende Sicherheitsarchitekturen zu realisieren. In der klassischen Automatisierung haben wir bis heute oftmals eine sehr fragmentierte Sicherheitsstrategie. Man hat vielleicht eine Firewall installiert, aber innerhalb der Automatisierung wenige Absicherungen.

Die neuen Industrie-4.0-Konzepte fordern eine hohe Flexibilisierung. Maschinen werden als Service in die Automatisierungskette geliefert. Das heißt, dass der Zulieferer, der diese Maschine betreut, auch darauf zugreifen will. Dazu muss er dann zum Beispiel auch Sensordaten auslesen. Und das bedeutet, dass eine Automatisierungskette, die bisher abgeschottet war, plötzlich ständig mit Zulieferern verbunden ist. Hier braucht es Sicherheitsmechanismen bis an die Maschine, die heute in der IT schon realisiert sind. Das tun wir.

Noch einmal zurück zu den Normen. Cisco ist Gründungsmitglied des Industrial Internet Consortiums, kurz IIC. Was sind die Ziele?

Das IIC ist weniger eine Normierungsgruppe, wir versuchen vielmehr dort ganz pragmatisch standardisierte Referenzarchitekturen zu schaffen, um relativ schnell in die Umsetzung zu kommen. Alle Hersteller aus der Industrie, Software- und Netzwerkfirmen sind eingeladen, sich einzubringen – wie es bereits zum Beispiel SAP, Siemens und Bosch tun, um die durch Technologiesilos geschaffenen Hürden aus dem Weg zu räumen. Einfach gesagt: Das Konsortium will es den Unternehmen quer durch alle Industriezweige ermöglichen, Anlagen, Abläufe und Daten einfacher zu verknüpfen und zu optimieren. Uns geht es darum, schnell umsetzbare Ergebnisse zu erhalten, um so schnell einen Nutzen für den Kunden zu schaffen. Denn an eine Referenzarchitektur kann sich jeder relativ schnell andocken und mit diesen Strukturen arbeiten, während eine Normung deutlich länger dauert. Was trotzdem natürlich parallel notwendig ist. Aber das ist nicht der Kern des IIC.

Eine schnelle Handlungsfähigkeit steht also im Vordergrund?

Genau, die Handlung steht im Vordergrund und die Amerikaner sagen so schön ‚execution’, die Umsetzung. Das IIC versucht sehr schnell umsetzbare Ergebnisse zu schaffen.

Können Sie sich vorstellen, dass sich zwischen der Plattform Industrie 4.0 und dem IIC eine fruchtbare Zusammenarbeit entwickeln wird?

Ein klares Ja. Denn wir sehen keine Konkurrenzsituation, das ist ganz wichtig zu betonen. Wir wollen eine Partnerschaft und sind ganz offen für eine Zusammenarbeit. Industrie 4.0 hat ganz viele Aspekte und die können wir aus unserer Sicht nicht alle abdecken. Zum Beispiel wenn es um die Arbeit mit Robotern geht. Wir beschäftigen uns mehr mit dem Zusammenwachsen von IT und Automatisierung auf der Technologieebene.

Gibt es erste Beispiele?

Ja. Wir haben uns beispielsweise an der Smart Factory KL des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) beteiligt. Dabei handelt es sich um eine ganz pragmatisch komplett umgesetzte Architektur im laufenden Betrieb. In der Connected Factory befindet sich eine Infrastruktur, die wir mit gestaltet haben. Dazu gehören zum Beispiel unsere Industrie-Switches, Kameras für die Maschinenüberwachung und Server.

Wir müssen uns einfach immer wieder beweisen, dass wir zusammen mit anderen eine komplette Automatisierungsanlage ausstatten können. Schließlich muss sich in der realen Welt eine Vielzahl von Firmen kombinieren lassen, die jede für sich eine eigene Expertise hat. Es wird die Zukunft sein, diese heterogenen Welten zusammen zu bringen durch standardisierte Referenzarchitekturen, um damit eben auch den Mehrwert für den Kunden zu generieren.

John Chambers sagte in einem SZ-Interview, Deutschland habe das Zeug das erste große digitale Land zu werden?

Ja, genau darum geht es doch. Industrie 4.0 bedeutet Flexibilisierung der Fertigung, Losgröße 1 bedeutet eine Veränderung von starren hin zu flexiblen Systemen. Um das umzusetzen, müssen wir eben die klassischen Silos, also das Produktions- und das IT-Silo aufbrechen. Schon wächst IT und Automatisierung zusammen. Dafür brauchen wir verschiedene Skills. So weiß die IT beispielsweise, wie man gute Security macht. Die Automatisierer kennen sich mit Verfügbarkeit und mit der Komplexität von Robotern sowie von Echtzeitprozessen aus. Jetzt wird alles miteinander kombiniert. Dazu sagen die Amerikaner, Internet of Everything. Warum sich also nicht zusammentun? Dabei entsteht etwas richtig Tolles.

Das klingt ja sehr vielversprechend. Wo sind die Fallstricke?

Die Fallstricke lauern bei der konkreten Umsetzung. Hierbei sehe ich drei Kriterien, mit denen wir uns in den nächsten Jahren befassen müssen. Nämlich an ganzheitlichen Security-Architekturen arbeiten, Prozessbrüche schließen und in digitale Prozesse umwandeln. Zudem müssen wir zunächst einmal das ganze Thema IT sowie Automatisierung zusammenzubringen und Silos aufbrechen.

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