Home-Entertainment und Kommunikation Das Digital-Zeitalter hat gerade erst begonnen

Autor / Redakteur: Prof. Dr. Karlheinz Brandenburg / Wolfgang Leppert

Die Ressource „Daten“ steht in Zukunft nahezu unbegrenzt zur Verfügung. Wir stehen vor einer vernetzten und neu organisierten Medienzukunft – vom Homeserver über die Multimedia-Zentrale im Auto bis zu den grenzenlosen Ressourcen in den Weiten des Internets. Das Hauptproblem wird sein, sich im Mediendschungel zurechtzufinden; Suchalgorithmen und Empfehlungssysteme werden uns dabei helfen.

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Surround-Sound ist wohl nur Vorbote einer technischen Entwicklung, die vielleicht schon in wenigen Jahren den dreidimensionalen Raumklang ins Wohnzimmer bringt.
Surround-Sound ist wohl nur Vorbote einer technischen Entwicklung, die vielleicht schon in wenigen Jahren den dreidimensionalen Raumklang ins Wohnzimmer bringt.
( Archiv: Vogel Business Media )

Das Zeitalter der knappen Ressource „Daten“ ist vorüber. Mit Breitbandanschlüssen, die immer und überall zur Verfügung stehen – im Auto, unterwegs oder zuhause – stellt sich nicht mehr die Frage nach dem Zugang zu Unterhaltung und Information, sondern nach der Organisation der Datenmassen. Schon heute können wir mobil mit mehreren Megabit pro Sekunde mit den Weiten des Internets verbunden sein. Zuhause reicht es schon für Filme, die fast Kinoqualität erreichen. Dabei ist die technische Entwicklung der Breitbandzugänge noch lange nicht beendet. Es zeichnet sich ein Kampf verschiedener Technologien um den mobilen und stationären Zugang zum Kunden ab: WIMAX, Mobilfunk der 4. Generation, VDSL oder „Fiber to the Home“ sind nur einige Stichworte für künftige Systeme, mit denen dem Endkunden Bandbreiten bis in den Gigabit-Bereich zur Verfügung stehen. Der Aufbau der Infrastruktur braucht natürlich Zeit und Geld, aber von einer Knappheit an technischen Möglichkeiten kann nicht mehr die Rede sein.

Durch die hohe Bandbreite wird aber auch die Suche und Empfehlung von Daten immer wichtiger. Durch Tausende von Fernseh-Kanälen und Millionen von Videoclips und Musikstücken kann sich niemand mehr durchzappen – man braucht eine Orientierungshilfe. Diese kommt zum einen durch Technologien des Web 2.0, durch Empfehlungen von Freunden, oder Foren und Blogs geben Rat. Immer wichtiger wird aber auch die Semantik im Web, das automatisierte Suchen, der „Electronic Program Guide“, der die persönlichen Vorlieben kennt und entsprechend Filme, Musik und interaktive Dienste suchen kann.

Mehr Vielfalt und individuelle Services bei den Massenmedien

Fernsehen und Hörrundfunk stehen ebenfalls vor grundlegenden Änderungen. Es entstehen zunächst immer mehr Spartenkanäle für immer mehr Einzelinteressen, über legale Musikdownload-Dienste kann man unter Millionen von Musikstücken wählen – die Vielfalt wächst. All das führt in eine vernetzte und neu organisierte Medienzukunft: vom Homeserver über die Multimediazentrale im Auto zu Ressourcen in den Weiten des Internets. Es entstehen fortwährend neue Systeme: nach DVB-S/C/H und DAB jetzt DMB, DVB-S2/SH, DRM und so weiter. Jedoch wollen die Kunden nicht ständig neue Abkürzungen lernen, sondern Unterhaltung genießen und Information in allen Formen und zu allen Zeiten erhalten, egal wo sie gerade sind.

Die Medienbranche wird sich noch stark verändern müssen, aber im Jahr 2018 wird es die integrierten Services geben: Dabei wird die Konvergenz neben den Endgeräten auch die Dienste betreffen. Wir können beispielsweise die Nachrichten unserer Lieblingssender bestellen – in der Originalversion oder an die jeweiligen Vorlieben angepasst (weniger Sport, mehr Wirtschaft, mehr Nachrichten aus aller Welt). Man empfängt sie mobil oder zuhause, je nach abonnierten Services mit oder ohne Zusatzkosten. Die „große Flatrate“ bringt in Zukunft eine Vielfalt an Diensten auf die „mobile Unterhaltungszentrale“ (mit Telefonierfähigkeit) und überall dorthin, wo sich das Gerät drahtlos mit einem Bildschirm verbinden kann.

Auch Radiowellen haben in diesem Zusammenhang noch eine zentrale Bedeutung. Sie werden nach wie vor die günstigste Variante sein, um große Datenmengen parallel an Hunderttausende oder Millionen von Kunden zu übertragen. Wir werden auch Marken wie ARD, ZDF, PRO7 usw. noch kennen. Neben der althergebrachten Sendeweise für die „Couch-Potatoes“ wird es aber mehr und mehr individuelle Varianten – vom Endgerät unsichtbar aus den Sendungen des vergangenen Tages und dem Web-Angebot kombiniert – und On-Demand-Angebote geben.

Die umfassende Vernetzung wird zur Normalität

Schon heute gibt es Homeserver mit Speichermöglichkeit im Terabyte-Bereich, die hunderte Stunden Video und Jahre an Musik fassen können. Schwer vorzustellen, aber in zehn Jahren sind Speicher von vielen hunderten Terabyte normal. Zusammen mit einer schnelleren Netzanbindung sind damit persönliche Multimedia-Daten von überall erreichbar. Was die Digital Living Network Alliance (DLNA) und andere gerade beginnen, gehört dann zur Normalität. Jedes Radio, jeder Bildschirm oder Beamer im Haus kann auf alle Informationsangebote zugreifen: Tausende „Sender“, Lieblingsprogramme, Filme, Musik etc. Die Architekturen dafür entstehen bereits heute. Erste Systeme sind verfügbar, und die Weiterentwicklung wird im Wesentlichen die Usability und das hoffentlich nahtlose Miteinander verschiedener Gerätegattungen betreffen.

Ablösung von physikalischen Medien schreitet unaufhörlich voran

Musik und Filme als Download oder Stream (on demand) zum Kauf oder zur Miete, das kennen wir schon heute – in zehn Jahren wird dies der Normalfall sein. Medien emanzipieren sich von physikalischen Trägern, die CD und bald auch die DVD werden nur als Nischenprodukte weiterleben. Für manchen jungen Konsumenten ist dies heute schon Normalität.

Musik auf Wunsch als Download oder Stream: CD und DVD werden nur als Nischenprodukte weiterleben. (Archiv: Vogel Business Media)

All das geschieht nicht plötzlich über Nacht, aber erste Zeichen des Wandels sind bereits spürbar. Die neuen Vertriebsformen ermöglichen nicht nur den Einkauf vom Wohnzimmer aus, sondern erlauben ein breiteres Angebot und neue Chancen für Künstler ohne millionenschweres Werbebudget. Insbesondere die Musikindustrie ändert sich schon heute. Immer mehr Künstler und kleine Labels, die so genannten „Independents“, nutzen beispielsweise soziale Netzwerke wie MySpace oder Online-Vertriebspartner, um ihr wachsendes, vielfältiges Angebot zu vertreiben. Ihr Marktanteil in den USA ist innerhalb der vergangenen fünf Jahre bereits deutlich gestiegen.

Konsumiert wird auf Empfehlung, auch automatisiert

Durch ein vernetztes und überall verfügbares Medienangebot wird es für jeden Geschmack etwas geben. Diese Möglichkeiten können wir unter den Stichworten „Globalisierung“ und „Partikularisierung“ zusammenfassen. Jede Gruppe von Gleichgesinnten – sei sie auch noch so klein – kann sich im Internet organisieren, ihre Lieblingsmedien austauschen und hat eine weltweite Reichweite.

Das Hauptproblem wird aber sein, sich im Mediendschungel zurechtzufinden. Dabei werden uns Suchalgorithmen und Empfehlungssysteme helfen. Unter der Überschrift „Search and Discovery“ finden wir heute schon neue Dienste wie das Internetradio Pandora und den automatischen Playlisten-Generator MuFin MusicFinder. Hier werden die verschiedenen technischen Möglichkeiten deutlich: Auf der einen Seite helfen die Nutzer durch kollaboratives Filtern selbst bei der Auswahl der Medien mit, auf der anderen Seite sorgen Signalverarbeitungs-Algorithmen für die automatische Zusammenstellung der Lieblingsmusik, wenn das Endgerät gerade mal keine Internet-Anbindung – und damit Zugriff auf die Bewertungen anderer Nutzer – hat.

Auch in der Kommunikation werden sich viele Schranken öffnen

Von Skype kennen wir die Bildtelefonie bereits als normale Kommunikationsmöglichkeit. Ob Internet-Messaging oder Telefondienste, ob einfache Kommunikation oder virtuelle Meetings mit 3D-Video und -Audio: Alles, was für den Unterhaltungsbereich von Bedeutung ist, wird auch in der Kommunikation der Zukunft eingesetzt werden. Nach vielen Jahrzehnten der Beschränkung auf die als Mindestmaß festgesetzte Sprachqualität (Bandbreite 300 Hz bis 3400 Hz) werden sich in der Kommunikation endlich neue Möglichkeiten durchsetzen. Ob das mit oder ohne die jetzigen Großen der Kommunikationsindustrie geschieht, liegt auch an der Flexibilität der Telekommunikationsriesen gegenüber neuen Diensten und neuen Geschäftsmodellen. Technisch geht viel, was sich durchsetzten wird, entscheidet letztendlich der Markt.

3D ist der Megatrend für Audio und Video

Eine bessere Ton- und Bildqualität ist ebenfalls Teil unserer Medienzukunft. Surround-Sound und HDTV sind nur die Vorboten einer technischen Entwicklung, die nicht stehenbleiben wird. An vielen Stellen wird derzeit an 3D-Technologien gearbeitet, „3DTV“ ist dabei nur eines der Stichworte. Viele aktuelle Kinofilme entstehen schon heute als echte 3D-Modelle, die dann auf zwei Dimensionen, stereoskopisches Sehen oder in anderen Formaten gerendert werden, die Rauminformationen beinhalten. Dabei vermitteln heutige 3D-Video-Technologien immer noch den Eindruck einer künstlichen Welt und führen schon nach kurzer Zeit zu Ermüdung. Autostereoskopische Verfahren bringen Dreidimensionalität auch nach Hause, werden aber erst in einigen Jahren reif für den Massenmarkt sein. 3D ist ein Megatrend, dessen Vorboten wir schon heute in den Laboren sehen können und für dessen Realisation noch viel Forschungsarbeit geleistet werden muss.

Im Audiobereich ist die Technik schon weiter: Die von der TU Delft entwickelte Idee der Wellenfeldsynthese ermöglicht dreidimensionale Hörerlebnisse, die weit über die aktuelle Surround-Technologie hinausgehen. Für den realistischen Konzertklang in den eigenen vier Wänden fehlt bisher noch der Durchbruch in der Lautsprechertechnologie. In zehn Jahren aber können „klingende Tapeten“ Wirklichkeit sein – mit Hilfe des auf der Wellenfeldsynthese beruhenden IOSONO-Soundsystems wird der dreidimensionale Raumklang ins Wohnzimmer geholt. Ebenso gut werden akustische Störungen durch Gegenschall verringert.

Interaktive 3D-Welten vermitteln das täuschend echte Gefühl, in die Szenerie einzutauchen. Die heute noch künstliche Umgebung wird immer realistischer. (Archiv: Vogel Business Media)

Von den 3D-Technologien werden künftig nicht nur Filme und natürlich Computerspiele profitieren, sondern auch Kommunikationsmöglichkeiten wie Second Life oder alltägliche Anwendungen wie 3D-interaktive Gebrauchsanleitungen für all die Geräte, die wir sonst nicht verstehen. Und die Kombination aus Speicherplatz und Dreidimensionalität bringt nicht nur Spiele in Filmqualität, sondern auch weitere Anwendungen zwischen Film und Computerspiel, die mehr und mehr dem „Holodeck“ aus Star Trek gleichen: Ob reine Unterhaltung oder Interaktion — man wird immer das täuschend echte Gefühl haben, in die Szenerie einzutauchen und an einem anderen Ort zu sein.

Nicht nur die Technik bestimmt, was umgesetzt wird

Digitale Medien erlauben neue Formen der Kommunikation und Unterhaltung. Ob virtuelle, sich real anfühlende interaktive 3D-Welten oder Weblogs – wir beginnen gerade erst, die Möglichkeiten der digitalen Technologien zu verstehen. Die kreative Umsetzung der neuen Möglichkeiten wird uns Services und Medienformate bringen, die auch die beste Kristallkugel nicht vorhersagen kann. Die technischen Stichworte für zukünftige Home-Entertainment und Kommunikationstechnologien kennen wir schon heute: Vernetzung, Konvergenz sowie interaktive und immersive Systeme.

Die neuen Inhalte und Geschäftsmodelle können wir allerdings erst erahnen. Hier liegen auch die größten Schwierigkeiten in der Umsetzung: Technisch wird sehr viel möglich sein, aber auch die juristischen Rahmenbedingungen müssen stimmen und innovative Geschäftsmodelle entwickelt werden, um aus Ideen erfolgreiche Innovationen entstehen zu lassen.

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