Auslandsstandorte

Deutsche Berufsausbildung erlebt in den USA einen Boom

| Autor / Redakteur: Stéphane Itasse / Stéphane Itasse

Bei Schunk durchlaufen die Azubis in den USA das gleiche Programm wie ihre Kollegen in Deutschland.
Bei Schunk durchlaufen die Azubis in den USA das gleiche Programm wie ihre Kollegen in Deutschland. (Bild: Schunk)

Das Konzept der deutschen dualen Berufsausbildung boomt in den USA. Waren es anfangs noch Großunternehmen, die es vorantrieben, setzen jetzt auch immer mehr Mittelständler darauf. Sogar die Politik hat das Thema entdeckt.

Der Fachkräftemangel kann auch in den USA eine Herausforderung sein, wie das Beispiel von BMW zeigt. Der Automobilhersteller fertigt seit 25 Jahren in Spartanburg (South Carolina) und hat dort aktuell über 9000 Beschäftigte. „Bis 2021 werden wir weitere 1000 Arbeitsplätze schaffen“, kündigte Harald Krüger, Vorstandsvorsitzender der BMW AG, anlässlich eines Festaktes zum Jubiläum des Werkes an.

Kammern unterstützen Ausbildung

Doch dafür muss der Automobilhersteller auch selbst aktiv werden. „Die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter ist ein Schlüsselfaktor für unseren künftigen Erfolg“, sagte Krüger weiter. Die Ausbildung im Werk Spartanburg basiert auf dem deutschen dualen Berufsausbildungssystem. In den vergangenen zehn Jahren hat BMW nach eigenen Angaben in Spartanburg mehr als 220 Mio. US-Dollar in die Aus- und Weiterbildung investiert. In den nächsten fünf Jahren sollen weitere 200 Mio. Dollar hinzukommen. Die Ausbildungsprogramme werden in Kooperation mit lokalen Hochschulen durchgeführt. Im 2011 gestarteten Programm „BMW Scholars“ werden derzeit rund 100 Auszubildende auf ihr Berufsleben im Werk vorbereitet.

Doch solche Summen, wie sie BMW für die Aus- und Weiterbildung investiert, sind für Mittelständler nicht zu stemmen. Auch der organisatorische Aufwand belastet kleinere Unternehmen. Aus diesem Grund hat die Deutsch-Amerikanische Auslandshandelskammer im Mittleren Westen (GACC Midwest) bereits 2015 ein duales Ausbildungsprogramm namens Icatt (Industry Consortium for Advanced Technical Training) ins Leben gerufen. Das Programm der Kammer mit Sitz in Chicago und einer Niederlassung in Detroit soll einen unternehmensorientierten Ansatz für die Ausbildung von Fachkräften bieten.

Im vergangenen Jahr zog dann die Deutsch-Amerikanische Auslandshandelskammer der Südstaaten (GACC South) mit Sitz in Atlanta nach. Die erste regionale Gruppe im Programm namens Georgia Consortium for Advanced Technical Training (GA Catt) startete in Coweta County mit dem dortigen Central Educational Center, dem West Georgia Technical College, dem Technical College System of Georgia und acht lokalen Herstellern.

Duale Ausbildung dauert drei Jahre

Beide Programme bieten eine Ausbildung von drei Jahren für verschiedene Industrieberufe und verbinden nach den Strukturen und Standards des deutschen dualen Bildungssystems die betriebliche und die theoretische Ausbildung. Gemeinsam ist ihnen, dass die Absolventen schon während der Beschäftigung bezahlt werden und branchenpezifische Kompetenzen erwerben. Der Abschluss beinhaltet einen Associate Degree sowie eine deutsche DIHK-Zertifizierung. Die Kosten tragen bei Icatt die Arbeitgeber, inzwischen wird das Programm auch vom Arbeitsministerium (DOL) und der Joyce Foundation finanziert, um Schulungen in ganz Illinois und darüber hinaus zu entwickeln. Bei GA Catt tragen neben den Ausbildungsunternehmen auch der Staat Georgia und das lokale Schulsystem zur Finanzierung bei, wie die Kammer berichtet. Beide Programme sollen es den Unternehmen ermöglichen, ihre eigenen Mitarbeiter zu entwickeln und fachliche Kompetenzstandards sicherzustellen, indem sie direkt in den Aus- und Weiterbildungsprozess einbezogen werden.

Unterdessen versuchen die deutschen Auslandshandelskammern und ihre Mitgliedsunternehmen, auch US-Hersteller für die Ausbildungsprogramme zu gewinnen. So hat beispielsweise die Hermle Machine Co. LLC zusammen mit Icatt eine Informationsveranstaltung in Franklin (Wisconsin) dazu abgehalten. „Ursprünglich wurde das Icatt-Programm in Illinois entwickelt, weil deutsche Unternehmen nach qualifizierten Mitarbeitern suchen, aber immer mehr US-Unternehmen schließen sich an, um einen Wettbewerbsvorteil zu sichern“, sagte Geneva Scurek, Manager Skills Initiative bei GACC Midwest. Doch auch die deutschen Unternehmen sind in den USA darauf angewiesen, ihre Konzeption der Berufsausbildung weiterzuverbreiten. „Damit Icatt eine Präsenz in mehr Bundesstaaten etablieren kann, sind Partnerschaften mit lokalen Hochschulen notwendig. Wir brauchen eine kritische Masse von zehn bis zwölf Auszubildenden, damit ein technisches College sagen kann: Ja, wir werden diese Kurse anbieten“, erläutert Manuel Merkt, Vice President Operations bei Hermle.

Trumpf nimmt die Ausbildung in die eigene Hand

Die Ausbildung in die eigene Hand nimmt lieber der Werkzeugmaschinenbauer Trumpf. „Es ist nicht leicht für uns, qualifiziertes Personal in den USA zu finden. Allein am Standort in Farmington sind rund 80 Stellen offen. Dieser Fachkräftemangel beschränkt uns stellenweise“, sagt Peter Höcklin, CEO von Trumpf USA. Das Unternehmen hat in der neuen Demofabrik in Chicago rund 30 Mitarbeiter (siehe MM 39), einer davon ist ein Auszubildender. „Für die Ausbildung unseres Azubis sind wir eine Kooperation mit einer lokalen Highschool eingegangen“, erläutert er. Und weiter: „Das Modell der dualen Ausbildung, wie wir es in Deutschland praktizieren, kommt hier in den USA sehr gut an. Sowohl unsere Azubis als auch die lokalen Highschools, mit denen wir dafür kooperieren, sind von diesem System begeistert.“

Keine Wahl haben deutsche Unternehmen, die ihren US-Standort außerhalb der geografischen Abdeckung dieser beiden Programme haben – sie müssen selbst aktiv werden. So hat der Präzisionsteilehersteller Leipold aus Wolfach im Schwarzwald bei der Erweiterung des Werks in Windsor (Connecticut) angekündigt, auf Fachkräfte aus den USA zu setzen. In einem eigenen Ausbildungsprogramm schult das Unternehmen seine Mitarbeiter nach deutschem Vorbild, zusammen mit dem örtlichen College durchlaufen sie eine Art duale Ausbildung.

Auszubildende können in die USA gehen

Noch weiter geht der Greif- und Spanntechnikspezialist Schunk, der seine Ausbildungsstandards weltweit vereinheitlicht hat. So will es das Unternehmen den Lehrlingen ermöglichen, bereits in der Ausbildung Erfahrungen über Landesgrenzen hinaus zu sammeln. Unter der Federführung des Kompetenzzentrums für Drehtechnik und stationäre Spannsysteme in Mengen im Landkreis Sigmaringen und zusammen mit der IHK Bodensee-Oberschwaben sowie der GACC South sei es gelungen, die duale Berufsausbildung auf das Schunk-Werk in Morrisville zu übertragen.

Am Standort der Schunk Intec USA sind es zwei Auszubildende, die, wie in Deutschland üblich, in Berichtsheften dokumentieren, welche Ausbildungsinhalte vermittelt und welche Tätigkeiten ausgeführt wurden. Bei entsprechenden Leistungen haben sie aufgrund des einheitlichen Ausbildungsrahmenplans die Möglichkeit, einen Teil der Ausbildung an einem deutschen Standort zu verbringen. Umgekehrt können künftig Auszubildende aus Deutschland einzelne Ausbildungsabschnitte in den USA absolvieren.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf unserem Partnerportal MaschinenMarkt.de.

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