Boom-Markt China Deutsche Unternehmen lernen chinesischen Markt lieben

Autor / Redakteur: Frank Jablonski / Sariana Kunze

Die Märkte der Welt rücken stetig näher zusammen. Größter Magnet für Produkte und Produktionen bleibt dabei China. Doch der Blick auf Logistik-Kosten und Kundennähe reicht nicht mehr aus.

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Fingerzeig auf den BionicOpter. Solche Entwicklungen passen zur Strategie von Festo-Vorstand Dr. Eberhard Veit: Künftige Produktionssysteme müssen vernetzt und intelligent sein, so wie die künstliche Libelle von Festo.
Fingerzeig auf den BionicOpter. Solche Entwicklungen passen zur Strategie von Festo-Vorstand Dr. Eberhard Veit: Künftige Produktionssysteme müssen vernetzt und intelligent sein, so wie die künstliche Libelle von Festo.
(Bild: Jablonski)

Wenn aus Deutschland heraus Maschinen verkauft werden, sind die Wege zum Kunden meist angenehm kurz: Die Europäische Union und europäische Nachbarländer stehen für einen großen Teil der Nachfrage nach Maschinen und Anlagen von deutschen Produzenten. Der wichtigste Einzelmarkt für die im VDMA organisierten Unternehmen liegt mit einem Volumen von 17 Mrd. Euro jedoch etwas ungünstiger, nämlich im fernen China. Das zwingt viele Unternehmer seit Jahren zu einer Grundsatzentscheidung: Love it or leave it.

Immer mehr Firmen entscheiden sich dafür, den Markt zu lieben und gehen den nicht ganz risikolosen Aufbau einer Präsenz in China an, um vom immer noch um geschätzte sieben bis acht Prozent wachsenden Markt partizipieren zu können.

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Dass sich zwischen Shanghai und Beijing für Ausländer auch in Zukunft gute Absatzchancen ergeben werden, lässt auch das Ziel von Xi Jinping vermuten. Der Staatspräsident Chinas will gemeinsam mit dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei, ohne die politische Kontrolle zu verlieren, Reformen in Richtung mehr Liberalisierung, mehr Marktwirtschaft und mehr Wettbewerb verwirklichen. Das Bruttoinlandsprodukt soll auf weit über 6000 Dollar pro Kopf wachsen mit dem einfachen Prinzip „mehr Markt, weniger Staat“.

Automatisierung mischt mit

Da kommen Investoren wie der Automatisierungsexperte Festo wie gerufen. „Unser durchschnittliches Wachstum in China während der letzten zehn Jahre lag bei über 20 Prozent pro Jahr“, erklärt Dr. Hong Zhou, Geschäftsführer der Festo Production in China gegenüber MM MaschinenMarkt und betont die langjährige Bedeutung des Standortes für das Unternehmen.

Damit dieses Wachstum möglichst fortgeschrieben werden kann, hat Festo im letzten Jahr seine Produktionsfläche in China verdoppelt. Am Standort Jinan, der Hauptstadt der chinesischen Provinz Shandong, befinden sich heute eine Fabrik sowie ein Montage- und Logistikzentrum.

Bereits im Jahr 2007 hat Festo nach der Übernahme der Jinan Huaneng Pneumatic Company die Festo Production in Jinan gegründet. 2011 hat das Unternehmen begonnen, 20 Mio. Euro zur Modernisierung des Standortes zu investieren. Dabei erweiterte man die Produktionsfläche von 20.000 auf 46.000 m². Im laufenden Jahr nun beschäftigt das Werk in Jinan 1100 Mitarbeiter in der Herstellung von Automatisierungsprodukten.

Nicht nur regionale Bedeutung

Die Produktion wurde 2012 als elfte Produktionsstätte in das Netzwerk der Global Production Centres von Festo integriert. Für den Vorstandsvorsitzenden Dr. Eberhard Veit ein Beleg, dass das Werk „den strengen Ansprüchen an Qualität und Management bezüglich Produktion, Materialfluss und Service entspricht“. Die Investition soll weitere Projekte wie etwa die Einrichtung weiterer Produktionslinien für pneumatische und elektrische Antriebe sowie für pneumatische Ventile und Ventilinseln beflügeln.

Ein Trend ist laut Veit deutlich erkennbar: Viele chinesische Fertigungsunternehmen wenden sich ab von manuellen Tätigkeiten hin zu automatischen Herstellungsprozessen. „Dies bietet unglaubliche Wachstumschancen, von denen wir bereits profitieren und die wir in den kommenden Jahren weiter ausbauen werden“, bestätigt auch JJ Chen, Geschäftsführer von Festo Greater China. Er fügt hinzu: „Unsere Kunden in Asien erwarten Produkte und Lösungen auf demselben hohen technischen Niveau genauso wie kurze Lieferfristen, für die wir in Europa bekannt sind.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite mehr über die Automatisierung mit Robotern.

Automatisierung mit Robotern

Trotz immer noch sehr günstiger Lohnkosten gilt der Trend zur verstärkten Automatisierung in China auch und gerade für den Bereich Roboter-Technik. Einer der Kenner des Marktes, ABB Robotics, startete schon 1994 seine Aktivitäten auf dem chinesischen Markt. Elf Jahre später gründete ABB ein Forschungs- und Entwicklungszentrum für Robotertechnik in der Metropole Shanghai.

Beim Besuch der MM-Redaktion bei Victor Chen, Chef des Supply Chain Managements von ABB Robotics in Shanghai wird klar, dass diese Zahlen erst ein Anfang sein sollen: Die erst vor kurzem erweiterte Produktion platzt heute schon aus allen Nähten, sodass auch in angrenzenden Bereichen wie der Versandabteilung Platz für die Montage der Roboter freigeräumt werden musste.

Derzeit ist ABB nach eigenen Angaben der einzige multinationale Konzern in China, der in diesem Thema die gesamte industrielle Wertschöpfungskette aus Forschung und Entwicklung, Produktion, Vertrieb, Engineering und Service abdeckt. Hier entwickeln, produzieren und vermarkten 1300 Mitarbeiter des Unternehmens Roboterlösungen für die Automobil-, Konsumgüter- und Elektronikindustrie, für Gießereien und Schmieden, für die Metall- und Kunststoffverarbeitung, Solartechnik und Elektronik oder den Maschinenbau. 20.000 Roboter hat ABB Robotics Shanghai seit 2005 produziert.

Kooperation bringt entscheidenden Vorteil

ABB konzentriert sich auf die Weiterentwicklung der Steuerungstechnik für die Robotik sowie auf die Montage des Komplettsystems Roboter, sodass sich hier wiederum Ansätze für die Kooperation der internationalen Unternehmen bieten. Beispielsweise wurde aufgrund einer Anforderung von ABB Robotics in China von Festo Norwegen und ABB Bryne in Norwegen ein Wartungsmodul entwickelt, das hauptsächlich in Robotern für Lackieranlagen in Automobilfabriken der chinesischen Kunden eingesetzt wird.

Das gemeinsam entwickelte Purge Air Kit erzeugt einen Überdruck im Innern des Roboterarms und verhindert dadurch das Eindringen von Staubpartikeln und damit die Beeinträchtigung seiner Funktion. Eine kundenspezifische Lösung der Festo-Ingenieure dank ihrer Erfahrung bei pneumatischen Wartungsgeräten und ihrem Engineering-know-how.

Wie finden kleine Unternehmen den Weg nach China?

Weltumspannende Kooperationen sind jedoch längst nicht mehr nur den großen Unternehmen vorbehalten. So machte sich auch der mittelständische Sondermaschinenbauer Elme Automatika auf den Weg nach Fernost, um den chinesischen Markt zu erschließen. Die Ungarn besetzen mit ihren 60 Mitarbeitern und etwa sieben Millionen Euro Umsatz Nischen wie das Einbinden von Bildverarbeitungssystemen in Montage- und Prüfanlagen.

Inzwischen gelang es dem Geschäftsführer Dr. István Kovács aber auch, Maschinen und Montagelinien an chinesische Fabriken der internationalen Automobilzulieferer Bourns in Xiamen und Valeo in Shenzhen zu liefern. Dazu gehört eine Anlage zur Montage und Prüfung von Lenkradkomponenten. In der Anlage werden Kabel geschnitten und mit einem Laser gereinigt. Die Bauteile werden anschließend von einem integrierten Robotersystem weitertransportiert und mit Hilfe von Widerstands- sowie Laserschweißverfahren weiterverarbeitet und mit einem Kamerasystem geprüft. Auch hier Automatisierung in der Produktion wohin man schaut: Im Rahmen der Prüfung werden mechanische Messungen des Drehmoments, Hitzetests, elektrische Funktions- und Programmiertests sowie Kamera-Checks durchgeführt und schließlich Lasermarkierungen angebracht.

Die grundlegende Anforderung des chinesischen Marktes und seiner Partner, dieselben Komponenten und Module verfügbar zu haben wie auf dem Heimatmarkt bestätigt Kovács in diesem Zusammenhang: „Neben unserem preisattraktiven Angebot kamen wir bei der Ausschreibung deshalb zum Zug, weil wir in der Lage waren, dieselbe standardisierte Lösung zu bieten wie in Europa“.

Lesen Sie auf der nächsten Seite mehr über regionales Engineering.

Regionale Produktentwicklung und Ausbildung

Um einen weltweiten einheitlichen Standard zu sichern und künftig mehr und mehr individuell zugeschnittene Lösungen und Anwendungen auch aus China heraus anbieten zu können, muss auch in Ausbildung, Forschung und Entwicklung investiert werden. Noch einmal zurück zum Beispiel Festo: Die Konzernleitung um Vorstand Veit gründete nicht nur ein „Greater China Solution Engineering Centre“, das als Sparringspartner mit chinesischen Kunden gedacht ist, sondern investiert auch in die Ausbildung.

Das erste vollständige Schulungszentrum, das Festo außerhalb Deutschlands eröffnet hat, nimmt das deutsche System der dualen Ausbildung als Vorbild. Mitarbeiter werden im etwa eine Million Euro teuren und 1300 m² großen Schulungszentrum in Technik und Managementlehre geschult. Für die Qualifizierung anderer Zielgruppen wie zum Beispiel Teamleiter oder Ausbilder in Management, Qualität und Technologie wird ebenfalls analog zur heimatlichen Vorgehensweise mit Hochschulen und Instituten kooperiert.

Gemeinsam mit der Tongji University, der Zhejiang University, der Shanghai Jiaotong University und anderen wird Ausbildungsprogramme, die Vergabe von Stipendien und die Entwicklung besonderer Fähigkeiten investiert.

Auch das „Chinesisch-Deutsche Hochschulprogramm“ der Chinesisch-Deutschen Hochschule für angewandte Wissenschaften, die mit der Tongji University (CDHAW) verbunden ist, fördert Ingenieure mit einem multikulturellen Hintergrund. Nach Abschluss des Studiums an der CDHAW arbeiten die Studenten in ihrem Abschlussjahr an der Partneruniversität in Deutschland.

Gut ausgebildet in das internationale Netzwerk

Insgesamt haben 450 Studenten das Studium beendet, 80 % davon mit doppeltem Abschluss. Die Absolventen genießen ein hohes Ansehen bei den Industrieunternehmen in China und Deutschland.

Erst jüngst, am 18.10.2013, wurde in Shanghai ein neues Zentrum für Produktionstechnologie eröffnet (MM MaschinenMarkt berichtete). Das Institut für Produktionstechnik wbkl und das AMTC (Advanced Manufacturing Technology Center) werden künftig eng miteinander kooperieren, sodass insbesondere die chinesischen Aktivitäten der deutschen Industrie auch auf technologischem Gebiet vor Ort qualifiziert unterstützt werden können. Der Fokus des Zentrums wird erst einmal auf die Automobilproduktion gelegt: den Motorenbau die Zerspanungsprozesse und deren automatisierte Fertigungsanlagen für Zylinderkopf- und -block, Kurbelwellen und Nockenwellen.

In der Montage liegt der Fokus auf Roboteranwendungen im Karosserierohbau und im Innenausbau von Fahrzeugen. Ein Kompetenzschwerpunkt des Centers wird zudem die Applikationsentwicklung im Bereich der Industrierobotik sein. Die maschinelle Ausstattung des AMTC kann sich erst einmal sehen lassen:

  • 4-Achs-Bearbeitungszentrum (MAG Industrial Automation Systems)
  • Drehbearbeitungszentrum (Fives)
  • Koordinatenmessmaschine (Zeiss)
  • 6-Achs-Industrieroboter (ABB)
  • Montagesystem (Raymond)
  • 3-Achs-Hochgeschwindigkeitsfräsmaschine (DMG)
  • zwei Steuerungsumgebungen (Beckhoff und Siemens)
  • eine Montageinsel (Festo)
  • AGV als modernes Flurförderfahrzeug in die Ausstattung eingebracht.

Die Ausstattungsliste ist gleichzeitig ein Spiegel, zu sehen, welche Firmen sich intensiver beim Thema Ausbildung in China einbringen wollen. Auch bei der Eröffnungsfeier der Japanisch-Deutschen Produktion von DMG Mori am 18. Oktober in Tianjin betonte Präsident Dr. Masahiko Mori nicht den Wert der Investition (30 Millionen Euro) oder den geplanten Output der Produktion (100 Maschinen pro Monat), sondern zu Beginn seiner Rede legt er Wert auf die Feststellung, 200 junge, gut ausgebildete Mitarbeiter an Bord zu haben und betont, weiter intensiv an der Mitarbeiter-Entwicklung arbeiten zu wollen: „Das verlangt die gestiegene Nachfrage nach immer präziser arbeitenden Werkzeugmaschinen hier in China.“

Und auch im Fall von DMG Mori spielt die weltweite Vernetzung eine zentrale Rolle: Die Produktion in Tianjin produziert nicht ausschließlich horizontale Bearbeitungszentren für den chinesischen Markt, sondern auch Bauteile, die in Japan oder auf der anderen Seite der Erde in den USA verbaut werden.

Je mehr die Unternehmen die Vorteile der Globalisierung wie reduzierte Logistik-Kosten und kürzere Lieferzeiten ausschöpfen, desto klarer wird, dass die Zeiten der verlängerten billigen Werkbänke endlich sind. Und der Weg zu besseren Produkten und Engineering-Dienstleistungen führt über fleßige Roboter und gut ausgebildete Köpfe.

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