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Digitalisierung

Die Robotersteuer ist vom Tisch

| Autor/ Redakteur: Jürgen Schreier / Julia Moßner-Klett

Bedroht die Digitalisierung unsere Arbeitsplätze? Diese Frage wird seit einiger Zeit heftig diskutiert – ebenso eine Abgabe auf Roboter, um die Arbeitsplatzverluste zu kompensieren. Allerdings wird diese Idee vom europäischen Parlament jetzt ad acta gelegt.

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(Bild: Pixabay.com)

Während die neue US-Administration mit einer sogenannten Border Adjustment Tax die einheimische Industrie stärken, um Arbeitsplatze sichern oder sogar zu repatriieren, wird auf EU-set einiger Zeit Modelle einer Abgabe auf Roboter oder deren Nutzung oder „Haltung“ – kurz Robotersteuer - diskutiert. Ziel einer solchen Steuer: Die negativen Folgen der zu erwartenden Arbeitsplatzverluste für die Sozialversicherungssysteme und das Staatssäckel sollen ausgeglichen werden. Die luxemburgische Sozialistin Mady Delvaux hatte dem EU-Parlament 2016 einen Bericht vorgelegt, der neben Rechtsfragen rund um den Robotereinsatz auch eine solche „Maschinensteuer“ thematisierte.

Politik muss Arbeitnehmer nicht vor Robotern schützen

Nun scheint diese vom Tisch, wie der Maschinenbauverband VDMA am 16. Februar 2017 mitteilte. Da EU-Parlament will die Idee einer Robotersteuer nicht weiter verfolgen. Patrick Schwarzkopf, Geschäftsführer Robotik + Automation im VDMA, freut sich: „Es ist eine gute Entscheidung des EU-Parlaments, sich gegen eine Robotersteuer auszusprechen, die sich als Job-Killer erwiesen hätte. Europäische Unternehmen brauchen moderne Technologien, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Deswegen darf ihr Einsatz nicht erschwert werden. Es ist eine unsinnige Vorstellung, dass Arbeitnehmer von der Politik vor Robotern geschützt werden müssten. Vielmehr helfen neue Technologien, Arbeitsplätze in Europa zu halten.“

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Ähnliche Ansichten vertritt die vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Deren Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt, der im Amtsunion auch die Geschäftsführung des bayerischen Metall- und Elektroarbeitgeberverbands (bayme) innehat, äußerte sich kürzlich im Rahmen einer Diskussionsrunde der Friedrich-Ebert-Stiftung wie folgt: „Eine Robotersteuer ist technik- und innovationsfeindlich. Sie mindert die Bereitschaft aller Beteiligten, sich auf die moderne Arbeitswelt einzulassen und führt zu Abwanderungstendenzen von innovativen Unternehmen.“

Statt Besteuerung die Chancen der Digitalisierung nutzen

Nach Auffassung von Brossardt solle man offensiv die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. So müssten die Aus- und Weiterbildung durch Qualifizierungsangebote an die digitale Arbeitswelt angepasst werden. Außerdem sei es erforderlich, die digitale Innovationskraft der Unternehmen und ihre Arbeitsplätze zu erhalten und zu steigern – zum Beispiel über eine verbesserte steuerliche Forschungsförderung. „Wenn uns das gelingt, profitieren Arbeitnehmer und Beschäftigungssuchende von der Digitalisierung. Und wir halten unser Land im digitalen Zeitalter international an der Spitze“, erklärte der vbw-Hauptgeschäftsführer bei der Diskussionsrunde der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Arbeitsplatzverluste im „großen Stil“ durch die Digitalisierung fürchtet Brossardt nicht: „Trotz großer technischer Fortschritte gibt es in Deutschland heute vier Millionen mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigte als noch 1991. Auch die Automatisierung in den letzten Jahren hat keine Arbeitsplätze verdrängt, sondern dafür gesorgt, dass Jobs in Deutschland erhalten blieben. Im Zuge der Digitalisierung schaffen wir nicht nur neue Produkte und Geschäftsmodelle, sondern auch interessante neue Tätigkeiten und Berufe“, argumentiert der Arbeitgebervertreter. „Die Arbeit stirbt nicht aus“, so Brossardts Fazit. „Sie verändert sich, und zwar zum Besseren.“

Robotikverband IFR sieht positive Arbeitsplatzeffekte

Auch beim Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF in Stuttgart rechnet man in naher Zukunft mit keinen namhaften Arbeitsplatzverlusten durch das immer weitere Vordringen der Robotertechnik in Wirtschaft und Gesellschaft. Die Statistiker des internationalen Robotikverbands IFR haben sogar eine positive Beschäftigungswirkung der „Roboterisierung“ ausgemacht.

Nicht nur in den USA hatten die Roboterinstallationen der letzten Jahre – zwischen 2010 bis 2015 wurden 135.000 neue Industrieroboter installiert und allein im Automotive-Sektor 230.000 neue Stellen geschaffen - einen positiven Effekt auf die Beschäftigung. In der deutschen Automobilindustrie nahm die Zahl der Beschäftigten mit der Roboterautomation ebenfalls zu: Das Plus lag nach IFR-Angaben im Zeitraum 2010 bis 2015 bei durchschnittlich bei 2,5 % – der operative Roboterbestand stieg gleichzeitig um durchschnittlich 3 % pro Jahr.

Der positive Effekt der Automation auf die Arbeitsplatzentwicklung wird von einer aktuellen Studie des Zentrums für Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim, in Zusammenarbeit mit der Universität Utrecht bestätigt. Im Kern führen sinkende Produktionskosten, die aus dem Robotereinsatz resultieren, zu günstigeren Marktpreisen. Die damit steigende Nachfrage schlägt sich dann in neuen Stellen nieder.

Auch höher qualifizierte Tätigkeiten werden automatisiert

Eher pessimistisch geben sich die MIT-Wissenschaftler Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee in ihrer Studie „The Second Machine Age“, die keineswegs nur klassische Industriejobs durch die Digitalisierung und das Vordringen von Robotern und künstlicher Intelligenz bedroht sehen, sondern zunehmend auch höher qualifizierte Tätigkeiten, die dem White-Collar-Bereich zuzurechnen sind. Kognitive Routinearbeiten seien bereits von der „Computerisierung“ erfasst und einem erhöhten Lohndruck ausgesetzt, so Andrew McAfee in einem Interview mit der Zeitschrift Technology Review.

Zu ähnlichen Erkenntnissen kommt der amerikanische Informatiker Martin Ford, der in seinem Buch „Rise of the Robots: Technology and the Threat of a Jobless Future“ die USA vor einer gigantischen Rationalisierungswelle sieht. Neben Industriejobs stehen für ihn auch Dienstleistungstätigkeiten – unter anderem im Handel, im Transportwesen, in der Medizin, in der Krankenpflege und im Bildungsbereich - zu Disposition.

Deshalb sollten seiner Meinung nach die gesellschaftlichen Auswirkungen der Automatisierung über ein sogenanntes bedingungsloses Grundeinkommen abgefedert werden, das sich modellhaft an die vor Jahrzehnten von dem US-Ökonomen Milton Friedman propagierte „negative Einkommensteuer“ anlehnt.

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