ZVEI-Interview Hannover Messe 2013 Die vierte industrielle Revolution beginnt

Die Hannover-Messe steht unter dem Motto „Integrated Industry“. Mit dem eng damit verbundenen Begriff Industrie 4.0 befassen sich die verschiedenen Verbände bereits seit drei Jahren. Wir befragten dazu Dr. Siegfried Dais, Vorsitzender des Lenkungskreises der Plattform Industrie 4.0 der Verbände Bitkom, VDMA und ZVEI und Mitglied des ZVEI-Vorstands.

Dais Siegfried ist Vorsitzender des Lenkungskreises der Plattform Industrie 4.0 der Verbände Bitkom, VDMA und ZVEI sowie Mitglied des ZVEI-Vorstands.
Dais Siegfried ist Vorsitzender des Lenkungskreises der Plattform Industrie 4.0 der Verbände Bitkom, VDMA und ZVEI sowie Mitglied des ZVEI-Vorstands.
(Bild: ZVEI)

Warum befassen sich die Verbände mit dem Thema Industrie 4.0?

Dais: Der Begriff „Industrie 4.0“ steht für die vierte industrielle Revolution, die durch den Einzug des Internets der Dinge und der Dienste in die industrielle Produktion gekennzeichnet ist. Wir sind stark in der Produktions-, Automatisierungs- und eingebetteter Informationstechnik. Das zeigen wir hier in Hannover. Deutschland hat beste Voraussetzungen, eine Führungsrolle bei Industrie 4.0 zu übernehmen. Dabei gilt es, den traditionellen Kern der deutschen Industrie mit seiner international herausragenden Position zu verteidigen und auszubauen. Wir alle wollen Deutschland zum Leitanbieter und Leitmarkt innovativer internetbasierter Produktionstechnologien machen, der als Gewinner aus der vierten industriellen Revolution hervorgeht.

Warum stehen alle Verbände hinter diesem Thema?

Dais: Die Verbände Bitkom, VDMA und ZVEI stehen für die Ausrüsterbranchen der Industrie 4.0. Ihre Mitgliedsunternehmen liefern Maschinen und Anlagen, die Automatisierungstechnik, die Embedded Systems, die Software und die Internettechnologien, die künftig in Cyber Physical Production Systems zusammenwirken werden.

Welche Vorteile hat der Anwender konkret?

Dais: In dynamischen, echtzeit-optimierten Wertschöpfungsnetzwerken wird die Produktion hoch flexibel und hoch produktiv. Der Kunde kann noch im laufenden Produktionsprozess seine Bestellung nachjustieren. Im Idealfall kann Losgröße 1 zu den ökonomischen Konditionen eines Massenherstellers realisiert werden. Wenn die Produktionskapazität an einer Bearbeitungsstation nicht ausreicht oder dort eine Störung vorliegt, kann das Produktionssystem eine weitere oder eine andere dazubuchen. Die Produktion wird also auch robuster.

Wie unterscheidet sich der Begriff von dem der „Digitalen Fabrik“? Auch damit will man Produktionsprozesse verbessern und Ressourcen schonen.

Dais: Kern der Digitalen Fabrik waren zunächst die digitale Fabrikplanung und die verstärkte Nutzung virtueller Technologien. Die Digitale Fabrik basiert auf einer relativ starren, zentralen Top-down-Steuerung der Produktionssysteme. Von den aktiven, autonomen, sich selbst organisierenden Produktionseinheiten in den Netzwerken der Industrie 4.0 erhoffen wir uns noch erhebliche Optimierungspotenziale.

Haben Sie keine Angst, dass es ein Flop wird wie Mitte der 80er Jahre mit CIM?

Dais: Eigentlich nicht. Denn die Elektronik hat sich seit den 1980er Jahren enorm weiterentwickelt. Heute haben wir das Internet und hoffentlich bald überall Breitbandnetze. Wir haben preiswerte und massenhaft verfügbare hochauflösende Sensorik und leistungsfähige Aktorik. Die Rechenkapazität damaliger Computer steckt heute in einem Embedded System. Bei der Beurteilung von Top oder Flop darf man sich aber nicht von der Vorstellung leiten lassen, dass hier jemand irgendwann einen Schalter umlegt und die Revolution ist da. Die Industrie 4.0 wird in einem evolutionären Prozess entstehen, bei dem es darauf ankommt, auch bestehende Infrastruktur nachzurüsten und frühen Teilnutzen zu erzeugen. Wir machen gerade die ersten Schritte.

Ist die Zeit jetzt also reif für die komplette Integration von CAD, CAM, CIM, Internet und Intranet mit PPS, PDM, DMU sowie PLM in der Industrie?

Dais: Es geht nicht um eine komplette Integration aller heute gängigen Unternehmenssoftwaresysteme, sondern um wesentlich offenere und kommunikativere Systemarchitekturen. Künftige Systeme lassen sich viel besser als bisher an die Dynamik und Flexibilität moderner Produktionssysteme anpassen und bieten auch Schnittstellen für begleitende Dienstleistungsangebote und Geschäftsmodelle. (rs)

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