Strompioniere im Allgäu Ein Provinzdorf lebt die Strom-Zukunft

Redakteur: Sariana Kunze

Einen Vorgeschmack auf die Energiewende, wie die Stromsysteme in Deutschland in den 2020er-Jahren aussehen könnten, bietet das Projekt IRENE in der Region Wildpoldsried bei Kempten im Allgäu. Mit Hilfe zahlreicher Mess-Stationen, regelbarer Netzelemente sowie sogenannter Software-Agenten balanciert hier ein Smart Grid Erzeugung und Verbrauch aus und hält das Netz stabil. Die Strompioniere von Wildpoldsried produzieren mit Photovoltaik, Biomasse und Windkraft bereits mehr als dreimal so viel elektrische Energie, wie sie selbst verbrauchen, und sie nutzen zudem Elektroautos.

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(Siemens)

Im Rahmen der Vertragsunterzeichnung im April 2011 in Wildpoldsried im Allgäu starteten Siemens und die Allgäuer Überlandwerk (AÜW) ein Gemeinschaftsprojekt, um ein intelligentes Stromnetz, ein sogenanntes Smart Grid, in der Praxis zu testen. Partner sind neben AÜW und Siemens die RWTH Aachen und die Hochschule Kempten. Der regionale Stromversorger AÜW stellt dafür einen Teil seines Stromversorgungsnetzes rund um Wildpoldsried, nordöstlich von Kempten, für das Smart-Grid-Pilotprojekt zur Verfügung. Siemens implementiert dort eine neu entwickelte Software, mit der sich die Energieverteilung besser planen und koordinieren lässt und das Netz effizienter betrieben werden kann. Dabei handelt es sich um ein vom Bundeswirtschaftsministerium gefördertes Projekt namens "IRENE", was für "Integration regenerativer Energien und Elektromobilität" steht. Das Projekt hat eine Laufzeit von zwei Jahren.

Allgäuer Gemeinde lebt mit Smart Grids schon in der Welt von Morgen

Der Anteil erneuerbarer Energiequellen an der Stromerzeugung hierzulande steigt unaufhaltsam. Smart Grids – intelligente Stromnetze – sind die Voraussetzung dafür, dass sich dieser oft schwankende Anteil an "grünem" Strom auch sinnvoll und energieeffizient ins Netz integrieren lässt. So steht beim Pilotprojekt in Wildpoldsried ein selbstorganisierendes Energieautomatisierungssystem von Siemens im Mittelpunkt. Die Gemeinde Wildpoldsried wurde ausgewählt, weil hier bereits deutlich mehr Strom regenerativ erzeugt als verbraucht wird. Das selbstorganisierende Energieautomatisierungssystem von Siemens sorgt nun dafür, dass die vielen Photovoltaikanlagen, Windturbinen und Biogasanlagen, die die AÜW inzwischen ins Verteilnetz eingebunden hat, sich im Sinne eines intelligenten Stromversorgungsnetzes betreiben lassen. Dies schließt den Aufbau einer Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge ein, die den umweltfreundlich erzeugten Strom – beispielsweise aus Photovoltaikanlagen – nutzen können. Die Elektrofahrzeuge können zudem als Stromspeicher genutzt werden. Eingebunden in ein Smart Grid speichern sie den Strom, wenn er im Überfluss zur Verfügung steht und speisen ihn zu Spitzenlastzeiten wieder zurück ins Netz.

Das A und O ist die Netzüberwachung

Im Gemeinschaftsprojekt der beteiligten vier Partner aus Wirtschaft und Forschung wird im nächsten Projektschritt gerade gemeinsam geplant, wo zusätzliche Messtechnik installiert werden muss, um kontinuierlich über den Zustand und die Auslastung des Netzes informiert zu sein. Die Messung von Strom und Spannung in engen Intervallen sowie lokalen Messstellen zugeordnet, bildet die Voraussetzung für eine effiziente Regelung des Netzes. Sobald die Messtechnik installiert ist, werden die Messdaten ausgewertet. Ziel ist es, die Siemens-Software mit den sich hier ergebenden Erkenntnissen optimal auf die Gegebenheiten in Wildpoldsried einzustellen.

„Das in Wildpoldsried geplante Smart Grid auf Basis unserer Technik bietet für alle Beteiligten Vorteile. Die Verbraucher können über verändertes Verbrauchsverhalten Kosten sparen; die Erzeuger können ihren Strom effizient vermarkten. Durch ein verbessertes Management der Balance zwischen Stromerzeugung und -verbrauch brauchen die Netzbetreiber nur noch wenig Leistungskapazität vorhalten, um Verbrauchs- und Angebotsspitzen abfangen zu können", sagte Richard Hausmann, Chef des Siemens-Konzernprojektes Smart Grid Application.

Ausbau der Leitungskapazität mit mehr Ruhe angehen

Michael Fiedeldey, Geschäftsführer von AllgäuNetz, verspricht sich von dem Pilotprojekt Lösungsmöglichkeiten für künftige Netz-Herausforderungen: „Wenn wir mit der Smart-Grid-Software von Siemens die Verbrauchs- und Angebotsspitzen in unserem Verteilnetz so abfangen können, dass wir hierfür weniger Leitungskapazität vorhalten müssen, verschafft uns das einen enormen Freiraum. Wir können den Ausbau unserer Leitungskapazität, um in den kommenden Jahren weitere Photovoltaik-, Windkraft- und Biogasanlagen einzubinden, mit mehr Ruhe angehen. Darüber hinaus werden wir unseren Kunden mit der Netz-Software in Zukunft deutlich attraktivere Leistungen anbieten können als bisher", so Michael Fiedeldey. Michael Lucke, Geschäftsführer beim AÜW, erwartet von dem Gemeinschaftsprojekt vor allem Vorteile für die Kunden: "Stromangebot und -bedarf werden über marktähnliche Regelmechanismen ausgeglichen. Wir sehen in dem neuen Gemeinschaftsprojekt einen enormen Vorteil für die Verbraucher, indem diese ihre Sparmöglichkeiten und wir als Erzeuger unser Leistungsvolumen optimal ausschöpfen."

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