Industrie 4.0-Thesen „Eine Art Einstiegsdroge“

Redakteur: Robert Weber

In kleinen Schritten zum großen Wurf: Auf dem ersten Fachkongress Industrie 4.0 in der Praxis tauschten sich Experten und Besucher nicht nur über Technologien aus. Geschäftsmodelle, Arbeitswelten und Umsetzungswille: Wer vorne mitmischen will, muss nicht groß sein.

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(Bild: Matthias Ripp unter CC BY 2.0, Flickr.com)

Was ist eigentlich Industrie 4.0? „Schon mal gehört“, meint Jürgen Lutter. „Aber was genau? Da erwischen Sie mich auf dem Punkt.“ Wie dem Stadionsprecher des SC Paderborn geht es wohl den allermeisten. Der Begriff Industrie 4.0 ist noch schwer zu greifen, auch für die, die sich mit dem Thema beruflich beschäftigen. Eine Forschungsrichtung oder Technologie-Mix im Produktionsalltag, noch Vision oder schon Anwendung? „Wo stehen wir mit Industrie 4.0 in Deutschland?“

Genau dieser Frage ging auch der erste Fachkongress „Industrie 4.0 in der Praxis“ nach, auf dem sich Ende April rund 350 Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft trafen. Dazu hatte das Spitzencluster it's OWL (Ost-Westfalen-Lippe) nach Paderborn ins Heinz Nixdorf Museum/Institut und in die Paderborner Arena geladen. Der Kongress ergänzte erstmals das etablierte Industrie- und Wissenschaftsforum „Intelligente Technische Systeme“ und war reichhaltig mit konkreten Lösungsansätzen aus der Praxis bestückt. Mit der Themennachbarschaft zu Mechatronischen Systemen sowie Augmented & Virtual Reality, dem Fokus des rahmengebenden Forums, schufen die Organisatoren bewusst ein Umfeld für den lebendigen Austausch und Perspektivenwechsel rund um Industrie 4.0.

„Mit dem Schulterschluss aus Fabrikausrüstern, produzierenden Unternehmen und anwendungsnaher Spitzenforschung können wir zunehmend konkrete Lösungen für die vernetzte Produktion liefern“, erklärte Veranstalter Prof. Dr.-Ing. Jürgen Gausemeier, Vorsitzender des Clusterboards it's OWL und Vizepräsident der Acatech Akademie der Technikwissenschaften.

Wie eng sich Forschung und Praxis im Spitzencluster it's OWL vernetzen, schilderte Dr.-Ing. Ursula Frank von der Beckhoff Automation GmbH & Co. KG, Verl, mit dem Leitprojekt „Scientific Automation“, das gemeinsam mit Pilotpartnern neue ingenieurwissenschaftliche Erkenntnisse in die Standardautomatisierung integrieren soll. Neben Beckhoff dabei waren auf dem Kongress unter anderen Unternehmen wie Beckhoff, BorgWarner, Claas, d-SPACE, DMG Mori Seiki, Ed-Züblin AG, Fraunhofer Anwendungszentrum Industrial Automation, Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, Harting, ISI Automation, JanzTec, Miele, MSF Vathauer, Opel, Phoenix Contact, Weidmüller und Wittenstein. Ein bunter Branchenmix mit unterschiedlichsten Schwerpunkten wie intelligente Automatisierungslösungen, vernetzte Anlagen und Maschinen, selbstkorrigierende bionisch gesteuerte Fertigungsprozesse, autonome Serviceroboter, Sicherheitskonzepte, flexible Montage oder eine wandlungsfähige und selbstorganisierende Produktion.

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Der Schulterschluss scheint gelungen, wertet man die intensiven Gespräche der Teilnehmer zwischen den Vorträgen, Workshops und Präsentationen als Signal. Hatten die ersten Referenten zunächst einführend noch fest umrissene Definitionen parat, kristallisierten sich rund um den Begriff Industrie 4.0 im Laufe der Veranstaltung nach Ansicht vieler Teilnehmer immer mehr Facetten heraus. Dr. Stefan Gerlach vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), Stuttgart, etwa berichtete vom Projekt Kapaflex City, in dem ein „Schicht Doodle“ den Personaleinsatz flexibel steuert. Da bekommen Mitarbeiter Einsatzfragen auf ihre mobilen Endgeräte, entscheiden ähnlich wie in dem bekannten Open-Source-Kalendertool Doodle dezentral, kooperativ und eigenständig.

Was daran Industrie 4.0 sein soll, hing als Frage nicht lange im Raum. Gerlach vermittelte mit dem Schicht Doodle die Idee, dass es bei Industrie 4.0 nicht unbedingt gleich um den großen Wurf gehen muss. Wie sonst sollte eine Technologie, die noch im Entstehen ist, auch in kleineren und mittleren Betrieben Fuß fassen können? Oder überhaupt bei den Mitarbeitern ankommen? Gerlach: „Wir sehen den SchichtDoodle auch als eine Art Einstiegsdroge für den Employee Selfservice.

„Kleine Schritte“, hat sich deshalb beispielsweise Yavuz Sancar, verantwortlich für den Bereich Technologietransfer bei der regionalen Entwicklungsgesellschaft OWL GmbH in Bielefeld, als Erkenntnis mitgenommen. „Arbeitseinsatzplanung über das Internet, dass hatte ich nicht direkt als Industrie 4.0 gesehen. Weil ich vorher davon ausgegangen bin, 4.0 muss immer ein Bäm-Effekt haben. Hier hat sich gezeigt, dass es auch im kleinen Rahmen stattfinden kann.“

Rund 350 Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft trafen sich in Paderborn und diskutierten über Industrie 4.0.
Rund 350 Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft trafen sich in Paderborn und diskutierten über Industrie 4.0.
(Bild: Pfeiffer)

Nicht immer müsse das Rad gleich neu erfunden werden. In so mancher technischen Umsetzung steckt auch viel bewährte Technologie, etwa in dem Forschungsvorhaben CyProS, das Projektleiter Heiko Frank von der Wittenstein AG vorstellte. Bei dem Igersheimer Unternehmen kommen beispielsweise auch QR-Codes auf Anliefer- und Abholflächen und eine Tablet-Scanner-App für die Schaffung von Transparenz in der Intralogistik zum Zuge. „Was das mit Industrie 4.0 zu tun hat, so trivial wie es ist?“, regte Franke die Auseinandersetzung mit der Praxisnähe an. „Ich kann nur sagen: Gut so. Das kennen die Mitarbeiter. Eine Umsetzung in zu großen Schritten erzeugt nur Ablehnung.“

Und so ging es auch in dem Beitrag von Dr. Benjamin Kuhrke, Manufacturing Engineering Adam Opel AG, um Anwendungsfelder mobiler Endgeräte. IWEPRO heißt das Projekt bei Opel für eine intelligente, selbstorganisierende Werkstattproduktion, in dem Smartphones und Tablets die Fertigung effizient unterstützen könnten. Produktionszahlen aus dem Karosseriebau, der Lackiererei, Montage und Presswerk, losgrößenbezogen und Qualitätsdaten wie First time OK: „Heute kriegen wir das alles quasi in Echtzeit auf die Handys unserer Mitarbeiter“, so Kuhrke. „Da kann man schneller reagieren als ortsgebunden mittels PC.“

Dr. Eduard Sailer, Geschäftsführer der Miele & Cie. KG in Gütersloh, wiederum löste mit seinem Vortrag „Wettbewerbsfähige Unternehmen – Perspektiven von Industrie 4.0 für Produktion, Produkte, Geschäftsmodelle und Märkte“ bei manchen eine Art Aha-Effekt aus. Er berichtet von der wachsenden Konkurrenz durch Google Co., die sich zunehmend auf branchenfremden Märkten bewegen, etwa Amazon mit einem kleine Gadget, das meldete, wenn das Waschmittel in der Waschmaschine leer sei. „Wir sollten den Blick bei Industrie 4.0 weiterfassen als wir es gewöhnt sind. Was können wir Kunden bieten, wenn wir neue Technologien einführen oder sogar pushen?“ Produkte auf den Kunden hin maßzuschneidern sei im Automobilsektor ja bereits gang und gäbe. „Im Konsumgüterbereich hält das nun Einzug: Nutella mit persönlichem Namensetikett und Turnschuhe lassen sich zu Hause konfigurieren. Ich glaube, 4.0 hat durchaus das Potenzial, Technik griffiger zu machen. “ Überraschend war vermutlich weniger, dass neue Technologien und Anwendungen auch neue Geschäftsmodelle möglich machen. Doch dass mit dem Internet der Dinge der Wind im Wettbewerb aus ganz anderen Richtungen als der eigenen Branche wehen könnte, der Gedanke war vielen offenbar neu. Und er regte an. So wurde Sailers Beitrag so manchem Gespräch auch später noch intensiv weiter diskutiert.

Prof. Dr. -Ing. Reiner Anderl von der TU Darmstadt und Sprecher des wissenschaftlichen Beirats Nationale Plattform Industrie 4.0 arbeitete in seinem Plenum über „Strategische Innovationen und vernetzte Intelligente Systeme der Zukunft“ heraus, in welche Richtung sich die Prozesse der Geschäftsmodelle und Arbeitswelten von heute entwickeln: von traditionellen Innovationsprozessen hin zu Open Innovation, von der Wertschöpfung durch Produktions- und Lieferketten hin zu datengetriebener Wertschöpfung etwa, um nur einige der von ihm identifizierten Trends zu nennen. „Use Cases“, also Anwendungsszenarien seien da wichtig. „Denn natürlich will jedes Unternehmen wissen, wo es sich mit 4.0 verbessern kann.“

Existenziell auch einzelne Aspekte wie die Sicherheit im praktischen Einsatz: „Es darf zum Beispiel nicht passieren, dass wir in der Produktion ein Funkloch haben. Aber auch das Thema Privacy ist enorm wichtig“, veranschaulicht Prof. Anderl, wie komplex das Spektrum ist, wenn es um den Einstieg in Industrie 4.0 geht. Mobile Geräte wie Tablets und Smartphone zur Steuerung, die unsere Arbeitswelt verändern. „Die Wirtschaft muss ein Bewusstsein entwickeln für dies Technologien, sonst bekommen sie auch keine klugen Köpfe der neuen Generation, die sich dafür begeistern und bereits ganz anders dran herangeht.“

Über 80 Projekte mit Lösungsansätzen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten laufen inzwischen in den Programmen der Bundesministerien BMBF und BMWi. „Sie sind die richtigen Ansätze dafür“, meinte Prof. Dr.-Ing. Gausemeier. „Wir müssen jetzt passgenaue Angebote für den Technologietransfer in den Mittelstand schaffen und die Auswirkungen von Industrie 4.0 auf die Arbeitsbedingungen und Qualifikationserfordernisse erforschen.“ Er skizzierte Industrie 4.0 als ein Gestaltungsfeld mit verschiedenen Schlüsselfaktoren und Einflüssen, auch soziologischen für ein Szenario der „Balance von Mensch, Technik und Staat als Basis für den Erfolg“. Wie selbstbestimmt wollen wir agieren? Wie stark durchdringt die IKT unser Leben? Arbeitsrecht, Rolle der Internet-Giganten, Güterverkehr, Umgang mit geistigem Eigentum, Produktionsarchitektur, Wertschöpfungskonzeptionen: „Wir beschreiben das Umfeld, in dem wir mit 4.0 Geld verdienen werden“, so Gausemeier. „Darauf kommt es ja an.“

Den Unternehmenserfolg im Blick, das könnte über den lebendigen Gesprächen in Paderborn als ein Arbeitstitel gestanden haben. Mal schälte sich der Gedanke heraus, wenn sich die Macher aus der Praxis über Nachwuchsfragen austauschten. „Wie sieht die Bildung aus?“ überlegte etwa Prof. Dr. Dieter Grasedieck, Uni Essen – Klausenburg, aus Bottrop, der sich als Besucher auf dem Kongress auf den neuesten Stand bringen wollte. Mal wenn es darum ging, wie intelligente Maschinen mit dem Nachfragetrend nach individualisierten Produkten umgehen könnten. Losgröße 1 – dank Industrie 4.0 kein Problem?

Egal, wo die Anwendungsschwerpunkte oder Lösungsansätze liegen: Einig waren sich alle, wie wichtig Industrie 4.0 für den Standort Deutschland sein werde. Prof. Dr. Anderl brachte es auf den Punkt: „Mit Industrie 4.0 geht ein Ruck durch die Industrie und eine Aufbruchstimmung ist deutlich spürbar.“ Oder um es mit Stadionsprecher Lutter zu sagen, der am Abend die Teilnehmer des Kongresses zum entspannten Nachklang in der Paderborner Arena begrüßte: „Industrie 4.0 ist für mich ein innovatives Programm.“

Autorin: Karin Pfeiffer ist freie Journalistin aus München.

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