Porträt

Eine Treppe kommt ins Rollen

| Autor / Redakteur: Rebecca Hornung / Simone Käfer

Eine Treppe, die Menschen in unterschiedliche Stockwerke bringt, ohne dass sie Muskelkraft einsetzen. Das war die Vision von Nathan Ames.
Eine Treppe, die Menschen in unterschiedliche Stockwerke bringt, ohne dass sie Muskelkraft einsetzen. Das war die Vision von Nathan Ames. (Bild: gemeinfrei (Rhythmuswege, pixabay) / CC0)

Sie ist aus unserem Alltag im Kaufhaus, am Bahnhof oder im Flughafen nicht mehr wegzudenken. Die Rede ist von der Rolltreppe, die dieses Jahr ihr 125. Jubiläum feiert. Ihre Anfänge jedoch kamen nur langsam ins Rollen.

Bereits 1859 hatte der Amerikaner Nathan Ames die Vision von beweglichen Stufen vor Augen. Er entwickelte das erste Konzept für Rolltreppen – im Fachjargon Fahrtreppen genannt – und meldete in Massachusetts ein Patent für die „revolving stairs“, zu Deutsch „umlaufende Treppen“, an. Seine Idee dahinter: Ein dampfangetriebenes umlaufendes Band aus Stufen befördert Menschen von einem Stockwerk in das nächsthöhere oder -niedrigere, ohne dass eigene Muskelkraft benötigt wird. Sollte das Band einmal stillstehen, kann man immer noch die Stufen wie gewohnt besteigen und kommt an sein Ziel. Zur damaligen Zeit schien die technische Umsetzung dieser Idee jedoch unmöglich und der Bedarf eines solchen Transportmittels eher gering, weshalb sie schnell wieder in Vergessenheit geriet.

Erst rund 30 Jahre später nahmen sich unabhängig voneinander drei weitere Erfinder der Idee von sich bewegenden Treppen an. 1892 ließ sich der amerikanische Ingenieur Jesse W. Reno aus Kansas einen „Endless Conveyor or Elevator“ patentieren. Er verzichtete auf die von Ames angedachten Stufen und entwickelte stattdessen ein schräges Laufband aus Holzplanken, dessen Zahnräder mithilfe eines elek­trischen Motors angetrieben wurden. Die Geburtsstunde der heutigen Rolltreppe lässt sich schließlich auf den 16. Januar 1893 datieren. An diesem Tag nahm Reno am New Yorker Bahnhof Cortlandt Street die erste Rolltreppe der Welt in Betrieb. Aufgrund der fehlenden Stufen glich diese zwar eher einem Rollband, erfüllte aber trotzdem die Funktion, Personen von einer Bahnsteigebene zu einer anderen zu befördern. Sein Rollband erwies sich als tauglich und wurde daraufhin auch an der Brooklyn Bridge aufgebaut. In den Jahren darauf gründete Reno die Electric Stairway and Conveyor Company.

Fast zeitgleich, fünf Monate nach Renos Patent­anmeldung, reichte auch der New Yorker Erfinder George­ Wheeler ein Patent für seinen „Elevator“ ein. Er übernahm das ursprüngliche Stufenprinzip von Ames, damit die Personen waagrecht und sicher stehen konnten, ergänzte aber einen Handlauf, der sich passend zu den Stufen bewegte. Wheeler war in seiner Vermarktung nicht sehr erfolgreich und konnte die Erfindung nicht in die Tat umsetzen, weshalb er 1898 sein Patent an den amerikanischen Erfinder Charles Seeberger verkaufte. Seeberger seinerseits tüftelte ebenfalls an Plänen für eine Rolltreppe und verstand es, seine und Wheelers Entwürfe zusammenzubringen. Er war es auch, der den englischen Begriff für Rolltreppe, escalator, kreierte, indem er das lateinische Wort für Treppe, scala, mit dem bereits bekannten Wort elevator kombinierte.

Die Rolltreppe geht in Serie

Mit dem Patent in der Tasche schloss Seeberger ein Fertigungsabkommen mit der Otis Elevator Company und baute 1899 den ersten Prototypen einer Stufen-­Rolltreppe. International bekannt wurde die Rolltreppe im folgenden Jahr auf der Pariser Weltausstellung. Zehn Jahre später verkaufte Seeberger seine gesamten Patentrechte an Otis, die 1911 auch Renos Electric Stairway and Conveyor Company übernahm. Mit den beiden Patentübernahmen und der steigenden Bekanntheit ging Otis in den 20er-Jahren schließlich in die Serienproduktion der Rolltreppen, wie wir sie heute kennen.

Am 22.12.1925 wurde bei Herrmann Tietz in der Leipziger Straße Berlins erste Rolltreppe in Betrieb genommen.
Am 22.12.1925 wurde bei Herrmann Tietz in der Leipziger Straße Berlins erste Rolltreppe in Betrieb genommen. (Bild: Berlin, Kaufhaus Tietz, Rolltreppe / Unbekannt / CC BY-SA 3.0)

Während in den USA schon unzählige Menschen mit der Rolltreppe auf- und abgefahren waren, wurde die erste in Deutschland erst 1925 in Betrieb genommen. Das Kölner Kaufhaus Tietz erkannte die Möglichkeit, seine Kunden bequem auch in die oberen Einkaufsetagen zu locken und investierte in die Anschaffung – zuerst in Köln und noch im selben Jahr in Berlin. Heute rollen in Deutschland rund 35.000 Treppen elektronisch auf und ab. Man nimmt es kaum wahr, aber die Rolltreppe unterliegt immer noch einem großen Einfallsreichtum. Inzwischen lassen sich kleine Extras hinzubestellen, wie ein Kühlaggregat, damit der Handlauf nicht überhitzt. Eine elektronische Wendeltreppe oder eine mobile Rolltreppe beim Zustieg in ein Flugzeug zeigen, dass die Unternehmen weiter an innovativen Lösungen arbeiten. Seit 2011 hält die Rolltreppe einer U-Bahn-Station in St. Petersburg den Rekord: Mit 137 m und einer Fahrzeit von knapp drei Minuten ist sie die längste durchgängige Rolltreppe der Welt.

Übrigens: Von Kindesbeinen an heißt es: „Rechts stehen, links gehen!“ Besonders in London zählt diese Regel zur britischen Etikette. Umso fassungsloser waren die Briten, als vor zwei Jahren ein Experiment die Personen dazu aufforderte, auf beiden Seiten stehen zu bleiben. Mathematiker berechneten, dass auf diese Weise rund 30 % mehr Menschen auf der Rolltreppe befördert werden könnten, da sich kein Rückstau auf der rechten, stehenden Seite bilden würde. Das Experiment läuft heute noch, gilt aber bereits als gescheitert, da links einfach niemand stehen bleibt. Ganz anders in China: In der Metropole Nanjing wurde vor Kurzem die Steh-und-geh-Regel abgeschafft. Nicht etwa, weil sich eine effektivere Nutzung der Rolltreppe beobachten ließ, sondern schlicht aus dem Grund, dass die Betreiber eine ungleiche Abnutzung auf der linken und rechten Seite der Rolltreppe feststellten.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf unserem Partnerportal Maschinenmarkt.de.

* Rebecca Hornung ist freie Mitarbeiterin aus 97076 Würzburg

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