Friedrichstadt-Palast Ende einer technischen Ära – aufwändiger Umbau der riesigen Trafostation aus der DDR-Bauzeit

Redakteur: Reinhard Kluger

Der Energieverbrauch des Friedrichstadt-Palastes in Berlin ist gewaltig. Glanz und Glamour in Berlin benötigen Strom, und zwar soviel, dass es eine eigene Stromversorgungsanlage im Keller gibt. Was man an Technik 1983 in den Palast einbaute, gehörte zum Besten, was seinerzeit in der DDR verfügbar war. Erinnerungen an damals.

SHOW ME heißt die aktuelle Produktion im Berliner Friedrichstadt-Palast
SHOW ME heißt die aktuelle Produktion im Berliner Friedrichstadt-Palast
(Friedrichstadt-Palast/Bild: Götz Schleser)

Um der Funktion des Friedrichstadt-Palastes in Berlin als Unterhaltungstempel gerecht zu werden, wurden an die elektro-technischen Anlagen höchste Anforderungen in Bezug auf Netzgestaltung, Versorgungssicherheit, Energie- und Investitionskosteneinsparung sowie Bedien- und Wartungsbedingungen gestellt.

In der Trafostation erfolgte über drei Jahrzehnte reibungslos die Versorgung des Hauses mit elektrischer Energie. Und das Haus ist riesig. Viel größer als es manchem Betrachter von der Friedrichstraße aus gesehen erscheint. Der Revue-Gigant umfasst einen ganzen Straßenblock (80 Meter breit und 110 Meter tief) und eine umbaute Fläche von 195.000 Kubikmetern.

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Stets mehrere hundert Schaltertasten sicher im Griff

Über 100 Kilometer Kabel wurden vor der feierlichen Eröffnung am 27. April 1984 verlegt und mehrere hundert Schaltertasten von speziell geschultem Fachpersonal bedient. Wer in der verwirrenden Schaltervielfalt die richtigen zwei Knöpfe kannte, konnte mit zwei Klicks den ganzen Koloss schlagartig lahm legen.

Die Anlagen sind ein gewaltiges technisches Zeugnis ihrer Zeit. Auch wenn unter dem Intendanten Dr. Berndt Schmidt – bei aller Modernisierung auf der Bühne – seit 2008 viel Kraft und Aufwand für die Bewahrung der historischen Substanz aufgewendet wird, so muss diese ‚Industriegeschichte‘ nun doch neuester Technik weichen – zu groß ist die Bedeutung einer sicheren und effizienten Stromversorgung für die Existenz des Hauses.

Steven Coppenbarger dokumentiert historische Technik

Bevor die Anlagen unwiederbringlich ausgebaut, verschrottet und ersetzt werden, öffnete der Palast die schweren Sicherheitstüren und bat den US-Fotografen Steven Coppenbarger, die Trafostation im Kellergeschoss des weit verzweigten Gebäudes an der Friedrichstraße 107 zu dokumentieren. Heraus kamen faszinierende Bilder vom Ende einer technischen Ära.

Die etwa 360 qm umfassende Trafostation wird noch bis Mitte Dezember 2013 bei laufendem Showbetrieb und – toi toi toi – ohne Einschränkungen der Versorgungssicherheit saniert. Zwei vom Stromversorger Vattenfall temporär installierte Großtransformatoren in unmittelbarer Gebäudenähe garantieren den „geräuschlosen“ Übergang.

Ein Museum im Palast bewahrt historische Technik

Bauhistorisch und maschinentechnisch bedeutende Einbauten bzw. Einzelteile werden ausgebaut und Bestandteil eines internen (nicht öffentlich zugänglichen) „Palast-Museums“, in dem unter der Ägide des Intendanten Geräte, Maschinen, Mobiliar und Inventar aus der Bau- und DDR-Zeit für die Nachwelt erhalten bleiben soll. Zeitgenossen können den künftigen Wert von Dingen nur schwer beurteilen, das überlassen wir daher lieber der Nachwelt in 50 oder 100 Jahren.

Die technischen Bereiche im Friedrichstadt-Palast umfassen vor allem die Lichtregie, den Lasertechnikraum, Tonregie-, MS- und NS-Schalträume, Klimazentralen, den Batterieraum, die Heizzentrale, Kälteanlage, Telefonzentrale und Leitzentrale.

VEB EAB errichtete die Elektroanlagen

Die Gesamtheit aller elektronischen Anlagen trug dem modernen Gesellschaftsbau der 1980er Jahre Rechnung. Als Errichter der elektronischen Anlage im Palast wurde dem VEB Elektroprojekt und Anlagenbau Berlin (VEB EAB) durch das Amt für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung der DDR (ASMW) die höchste Qualitätsnote zuerkannt.

Die Basis dafür war die enge Zusammenarbeit mit der Aufbauleitung der Baudirektion Berlin, dem Ingenieurhochbau Berlin als GP, den Mitarbeitern des Friedrichstadt-Palastes, des VEB NARVA, des VEB Starkstrom-Anlagenbau Leipzig/Halle und den Kooperationspartnern des VEB EAB.

Elektrotechnik im Schrank

Arbeiten unter Hochspannung: Der Energieverbrauch des Friedrichstadt-Palastes ist gewaltig. Glanz und Glamour brauchen Strom. Soviel Strom, dass das Hauseigene elektro-technische Versorgungsanlagen im Keller hat. Über 100 Kilometer Kabel wurden hier vor der feierlichen Eröffnung am 27. April 1984 verlegt und mehrere hundert Schaltertasten seitdem von speziell geschultem Fachpersonal bedient.

Der Schrank hat es in sich: In der sogenannten Niederspannungs-Innenraumschaltanlage ISA 2000 tummeln sich unzählige Kabel, Stecker und Sicherungen in diversen Farben. Der Inhalt des grauen Einbaus war nicht ungefährlich und durfte nur im spannungsfreien Zustand sowie mit Helm, Gesichtsschutz und Handschuhen bedient werden. Insgesamt 48 dieser Niederspannungsabgangsfelder versorgten den gesamten Palast mit Strom.

Stelltransformatoren regelten die Helligkeit der Lichtwände

Ach, wie gut, dass niemand weiß…: So schwer wie eine Grevyzebra-Kuh erinnern die drei kupferfarbenen Stelltransformatoren mit ihren jeweils 430 kg Gewicht an Rumpelstilzchens böse Spindel. Sie standen jedoch nicht der armen Müllerstochter beim Spinnen von „Stroh zu Gold” zur Seite, sondern sie regelten die Helligkeit früherer Lichtwände auf der Hauptbühne sowie in der kleinen Revue (heute: Quatsch Comedy Club) vor Zeiten der heutigen LED-Nachfolger.

Die bei der damaligen Anlieferung im Jahr 1983 falsch adressierten (richtig: Friedrichstraße 107), gewaltigen Kästen sind ein eindrucksvolles Zeugnis ihrer Zeit. Auch wenn viel Kraft und Aufwand für die Bewahrung der historischen Substanz aufgewendet wird, so muss diese ‚Industriegeschichte‘ nun doch neuester Technik weichen – zu groß ist die Bedeutung einer sicheren und effizienten Stromversorgung für die Existenz des Hauses. Auf der linken Seite erkennbar die Hochspannungsschaltanlage, welche sämtlichen Strom

einspeiste und an vier Transformatoren weiterverteilte.

700 bis 800 Kilowattstunden in Spitzenzeiten

Die sogenannte Niederspannungshauptverteilung (NSHV) verteilte drei Jahrzehnte zuverlässig den Strom ins Haus. In Spitzenzeiten waren dies 700 bis 800 Kilowattstunden pro Stunde. Die schwarzen Flachlasttrennschalter (FLTA) mussten nur im Notfall zur Abschaltung der silbernen Technikhöhle betätigt werden.

Konsequent ragen die sechs kupferfarbenden Hochspannungs-Leistungsschalter zur Kellerdecke. Die mit Öl befüllten Umhüllungen bestanden aus harzgetränktem Hartpapier zur optimalen Isolierung. Wären diese nicht vorhanden gewesen, könnte der entstehende Lichtbogen beim Ausschalten gegebenenfalls nicht mehr beherrscht werden. Die Hochspannungs-Leistungsschalter können die millionenfache Leistung einer üblichen Haushaltssicherung mühelos beherrschen und führten bis zu 10.000 Volt durch ihre Kontakte.

Die Hüter des Palastes

Wie zwei Felse in der Brandung hüten Elektrotechnik-Chef Andreas Horn und Elektriker Paul Karlsch nicht ohne Stolz die riesige Trafostation aus der DDR-Bauzeit. Insgesamt 58 Jahre (28 + 30) sind die beiden nunmehr am Friedrichstadt-Palast tätig und behalten in der verwirrenden Schaltervielfalt den Durchblick. Paul Karlsch zog vor der Eröffnung auch einen Großteil der mehr als 100 Kilometer umfassenden Kabelorgie mit ein.

Zuverlässige Technik aus DDR-Tagen. Das Schutzrelais unterschied den Fehlerfall vom Normalbetrieb. Im Notfall trennte der Leistungsschalter das fehlerhafte Netzsegment vom restlichen Versorgungsnetz. So blieb der Friedrichstadt-Palast vor den Auswirkungen des Fehlers geschützt.

Fallklappenrelais zeigten Störungen an

Schraube locker? Keinesfalls. So unschuldig die rosafarbenen Keramikteile aussehen, so komplex waren ihre Aufgaben. Sie hielten den Laden zusammen und stellten die Spannung für unzählige Anzeigeelemente in den Katakomben des Friedrichstadt-Palastes bereit.

Insgesamt 50 Fallklappen-Relais zeigten Störungen an und änderten ihre sonst weiß-farbenen Zacken im Notfall in rot. Wurde der Fehler behoben, so wurden die Zacken wieder weiß, blieb er bestehen, so blieb er bis zur Fehlerbehebung schwarz. Schwarz-weiß-Denken mal

anders!

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