Gewerbegebiete Energie vom Nachbar?

Redakteur: Robert Weber

Dezentral soll die Energiewende funktionieren. In Gewerbegebieten könnten Unternehmen zusammenarbeiten, wenn es um Strom, Wärme oder Kälte geht. Doch die Unternehmen sind zurückhaltend. Energie ist noch zu billig.

Firmen zum Thema

Klingeln für Strom? Moderne Nachbarschaftshilfe könnte auch in Gewerbegebieten funktionieren.
Klingeln für Strom? Moderne Nachbarschaftshilfe könnte auch in Gewerbegebieten funktionieren.
(Bild: Daniel Ullrich unter CC-BY-SA 2.0 flickr.com)

Es war einmal ein Marmeladenunternehmer, der wollte zusammen mit seinen Nachbarn im Gewerbegebiet viel Energie einsparen. Die Ideen sprudelten. Ein Konzept folgte dem Nächsten, Pläne und Berechnungen wurden erstellt, doch eine gemeinsame Strategie beispielsweise für den Stromeinkauf und die Abwärmenutzung wurde am Ende verworfen. Der Bau eines Blockheizkraftwerks lohnte sich noch weniger. Desillusioniert widmeten sich die Unternehmer wieder ihren Stromtarifen und dem Alltagsgeschäft. Der Traum war leider geplatzt. Vorerst? Vielleicht, denn in Europa arbeiten zahlreiche Gewerbegebiete an neuen Formen der Kooperation vor Ort.

Die Energiewende setzt auf die dezentrale Versorgung, doch in deutschen Gewerbegebieten tun sich Unternehmer, Mieter und Kommunen noch schwer, die Energieversorgung gemeinschaftlich zu organisieren und auch zu finanzieren. Achim Neuhäuser von der Berliner Energieagentur kennt die Vorbehalte bei den Unternehmen. „Es geht nicht um Autarkie“, unterstreicht der Experte. Die Berliner Energieagentur will das Bewusstsein für Energieeffizienz unter den Unternehmern schärfen. „Energie ist nicht das Brot und Butter-Geschäft. In diesem Fall brauchen die Unternehmer unsere Unterstützung“, erklärt Neuhäuser. Hilfe brauchte auch der Berliner Großmarkt. Auf 330.000 m² bieten rund 300 Fachhändler dort ihre Waren an. Im Jahr sind das beispielsweise rund 200.000 t Obst und Gemüse. Strom, Wärme und Kälte lassen die Energiekosten nach oben schnellen, denn Frische braucht Klimatisierung. 13.000 MW Stunden Strom pro Jahr verbraucht der landeseigene Betrieb. Dazu kommt: „Das Versorgungsbild des Großmarkts war und ist sehr hetrogen“, erklärt Neuhäuser. Allein über 300 Messstellen identifizierten die Techniker im Laufe der Analysen. „Gewachsene Struktur eben“, lacht Neuhäuser.

Direktversorgung lohnt sich noch nicht

Sein Vorteil: Ein Parkmanagement verwaltet die Immobilien und hat sich einer nachhaltigen Entwicklung verschrieben. Im ersten Schritt installierten die Verantwortlichen eine Photovoltaikanlage mit 1,6 MW Leistung, die ins Netz eingespeist wird. „Eine Direktversorgung ist geplant, aber momentan durch den günstigen Mittelspannungstarif für die Mieter aber nicht wirtschaftlich. Die Lücke beträgt zwischen vier und fünf Cent“, so Neuhäuser, der aber optimistisch ist, dass man dieses Gap bald schließen könne. Die PV-Anlage war ein Erfolg auf den Dächern des Großmarkts. Doch ansonsten tun sich die Einsparexperten schwer, Mieter für Energieeffizienz zu begeistern und bis zur Investition zu begleiten.

„Oft fehlte den Mietern die Zeit, um über neue Ideen und Ansätze zu entscheiden“, berichtet Neuhäuser. Sein Vorteil: Das Parkmanagement stand hinter den Plänen und forcierte die Lösungen. Vorerst zurückstellen mussten sich die Verantwortlichen allerdings von einem Windrad, einem Blockheizkraftwerk und einer Holzhackschnitzelanlagen für die 1.500 t Holzabfälle, die jährlich auf dem Großmarkt anfallen. Die Technik war nicht finanzierbar. Anders sah es bei dem Austausch der Kältetechnik aus. Eine neue Kälteanlage im Fleischmarkt soll die Klimabilanz verbessern. Es sind vor allem die kleinen, überschaubaren und günstigen Projekte, die gerne umgesetzt werden. In anderen Gewerbegebieten ist die Ausgangslage oft noch schwieriger: gemietete Immobilien, ein zentrales Parkmanagement fehlt und Kapazitäten für die Umsetzung von Effizienzmaßnahmen sind begrenzt. „Das Interesse ist vorhanden, aber wir müssen Klinken putzen“, bestätigt Neuhäuser. Mit einem Parkmanagement zusammen, scheint es einfacher zu funktionieren. Energieeffizienz ist kein Selbstläufer. Allerdings: In Deutschland werden nur wenige Gewerbegebiete von einem Management betreut. Ausnahme bilden vor allem die großen Chemieparks, bei denen besondere Sicherheitsstandards eingehalten werden müssen. Das Berliner Projekt ist Teil des europäischen Ansatzes Go Eco und läuft noch bis Ende 2015. Dann sollen auch die neuen LED-Lichter im Parkhaus leuchten. Die alten Neonröhren mit 60 Watt mussten den modernen 35 Watt-Leuchten weichen, die sich innerhalb von drei Jahren rechnen.

Aus Dampf Strom gewinnen und versorgen

Auch im Industry Park of Sweden (IPOS) in Helsingborg arbeitet das Parkmanagement an der Effizienz und Nachhaltigkeit des Gewerbegebiets. In der offiziellen Werbebroschüre des Standorts nimmt das Thema Energie die ersten Seiten ein und zieht sich thematisch durch den Flyer. Das Ziel der Nordeuropäer: Verbesserung des Umweltschutzes und die Reduktion von Energiekosten. Überschüssige Energie, die in den Produktionsprozessen gewonnen wurde, wird den anliegenden Kommunen zur Verfügung gestellt. Rund ein Drittel der Fernwärme, die in Helsingborg verbraucht wird, stammt aus der Überschussenergie des benachbarten Industriegeländes IPOS. Die meiste Energie gewinnen die Schweden bei der Dampferzeugung zurück, heißt es in einer Pressemitteilung. Der Energieverbrauch des Parks liegt bei 500 GWh pro Jahr. Den schwedischen Ansatz mit dem Berliner Projekt zu vergleichen, macht wenig Sinn, denn in Helsingborg ist vor allem die Prozessindustrie angesiedelt. Doch das europäische Projekt bietet grenzüberschreitend Einblick in das Management von Energie in Gewerbegebieten. Davon profitieren Berliner und Schweden.

(ID:43150678)