Vernetzte Infrastrukturen Gesundheitsmanagement von morgen

Autor / Redakteur: Jochen Franke, Christian O. Erbe / Dipl. -Ing. Ines Stotz

Information und Kommunikation bestimmen die Entwicklung der Medizintechnik und der Gesundheitsversorgung der Zukunft. Relevante Patienten-Informationen stehen jederzeit zur Verfügung und erlauben ein Gesundheitsmanagement über die Zeit statt punktueller Behandlung. Dies ist besonders für die wachsende Zahl chronisch Kranker und die an Zahl zunehmenden so genannter Zivilisationskrankheiten von Bedeutung. Wie sieht ein plausibles Bild der zukünftigen Infrastrukturen aus?

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Telemedizin hilft bei der hochwertigen Gesundheitsversorgung von morgen.
Telemedizin hilft bei der hochwertigen Gesundheitsversorgung von morgen.
( Archiv: Vogel Business Media )
Medizin wird zu einem Gesamtprozess aus schneller Diagnostik, umfassender Information, zielgerichteter Therapie und langfristigem Gesundheitsmanagement. (Archiv: Vogel Business Media)

Für die weitere Entwicklung des Gesundheitsmarktes ist der Dreiklang von Prozessoptimierung, eHealth und Vernetzung von großer Bedeutung. Davon kann besonders der ständig wachsende Anteil der Weltbevölkerung profitieren, der in Städten lebt. Gerade hier werden die Anforderungen an die Gesundheitsinfrastruktur in den nächsten Jahrzehnten deutlich zunehmen. Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und verschiedene Formen der Demenz sind dabei nicht nur in den Industrieländern sondern auch in den Schwellenländern und Wachstumsregionen der Welt Krankheitsbilder mit steigender Bedeutung. Gleichzeitig fehlt in den meisten städtischen Regionen der Schwellenländer und den neu entstehenden Mega-Cities eine ausreichend leistungsfähige Gesundheitsinfrastruktur.

Durch den Fortschritt der Medizin wird die medizinische Behandlung immer stärker zu einem Gesamtprozess aus schneller Diagnostik, umfassender medizinischer Information, zunehmend individualisierter Therapie und langfristigem Gesundheitsmanagement. Je nach ihrem aktuellen Gesundheitszustand werden die Patienten in Zukunft unterschiedlich intensive Versorgungsformen in Anspruch nehmen. Die Akutbehandlung in Krankenhaus oder Arztpraxis ist dabei nur ein Element in einem Prozess, welcher nicht den jeweiligen Behandlungsschritt, sondern das Management der Gesundheit des jeweiligen Patienten in den Mittelpunkt stellt.

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Die Prognosen zur Altersentwicklung der Bevölkerung in Deutschland sagen für das Jahr 2050 einen Anstieg des Anteils der über 60-Jährigen von etwa einem Viertel auf ein Drittel der Bevölkerung voraus. Der Anteil der über 80-Jährigen wird sich sogar von heute knapp vier Prozent bis 2050 auf etwa zwölf Prozent verdreifachen! Die mittlere Lebenserwartung liegt derzeit bei 76 Jahren für Männer und 81 Jahren für Frauen und wird in Zukunft voraussichtlich weiter zunehmen. Weltweit spielt sich diese Entwicklung in den meisten Ländern in ähnlicher Form ab. Das ist zwar grundsätzlich positiv, gleichzeitig nimmt aber dadurch die Bedeutung der chronischen Erkrankungen zu. Für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung ergeben sich dadurch neue Herausforderungen. An die Stelle der akuten Behandlung eines bestimmten Symptoms treten die langfristige Betreuung der Patienten und das Management des Gesundheitszustandes des einzelnen Patienten.

Technologisch sind wir in der Lage diesen Anspruch zu erfüllen:

  • Wir können den Informationsaustausch zwischen medizinischen Leistungserbringern durch klinische Informations- und Planungssysteme unterstützen und relevante Patienteninformationen elektronisch speichern und verfügbar machen. In Deutschland wird die elektronische Gesundheitskarte in Zukunft einen wesentlichen Eckpfeiler für diese Funktion darstellen. Sie wird bundesweit einheitlich die verlässliche Identifizierung des Patienten und die Zuordnung der relevanten Informationen ermöglichen.
  • Wir können die Erfassung und Kommunikation medizinisch-diagnostischer Daten durchgängig elektronisch darstellen und zusätzlich mit wissensbasierten Systemen verknüpfen, die Ärzte und Pflegepersonal bei der Planung und Durchführung von Therapien unterstützen.

Integration von IT und Medizintechnik

Die Integration von IT und Medizintechnik macht moderne Verfahren der Diagnostik erst sinnvoll nutzbar. Ein moderner Computer-Tomograph erzeugt zum Beispiel kein einzelnes Röntgenbild mehr. Innerhalb einer Untersuchungsfrequenz von wenigen Sekunden entsteht ein Datensatz von mehreren Hundert Bildern, die innerhalb von Minuten als drei-dimensionale Darstellung des untersuchten Gebietes für die Diagnose zur Verfügung stehen. Damit erhöhen sich die diagnostische Aussagekraft und auch die Möglichkeiten zur detaillierten Planung einer Operation gegenüber früheren Verfahren fundamental. Gleichzeitig steigen aber auch die Anforderungen an Verwaltung und Kommunikation großer Datenmengen.

Gleichzeitig sind wir immer stärker in der Lage, Krankheiten in einem frühen Stadium zu erkennen und zu behandeln, den Erfolg der eingeleiteten Therapie zu überprüfen und die weitere Entwicklung des Gesundheitszustandes des Patienten zu überwachen. Die Forstschritte in der Gen- und Biotechnologie werden hier in den nächsten Jahren viele neue Möglichkeiten eröffnen. Bereits heute können wir Patienten telemetrisch in ihrer häuslichen Umgebung überwachen und betreuen sowie telemedizinisch Experten für die Diagnose konsultieren. Besonders für chronisch kranke Menschen und in ländlichen Regionen wird die Telemedizin in Zukunft helfen eine flächendeckende und qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung sicherzustellen.

Die Industrie arbeitet in allen diesen Bereichen an innovativen Produkten und Lösungen, welche uns den zuvor skizzierten Möglichkeiten näher bringen. Die Hälfte der Produkte der medizintechnischen Industrie ist heute jünger als drei Jahre. Der Innovationszyklus liegt selbst bei großen Investitionsgütern der Medizintechnik zwischen drei und fünf Jahren.

Um Prozesse im Gesundheitsmarkt erfolgreich zu steuern, müssen wir aber die medizintechnische Infrastruktur und die IT-Systeme miteinander vernetzen. Dafür muss auch die Ausrüstung selber auf einen technischen Stand gebracht werden, der eine Verknüpfung mit den IT-Systemen erlaubt. Wir brauchen aber auch ein besseres Zusammenspiel zwischen IT-Systemen und Medizintechnik. Diese Interoperabilität muss auf den bereits existierenden internationalen Normen und Standards aufbauen und über Systemgrenzen und Technologien hinweg wirksam sein. Der ZVEI und seine Mitgliedsunternehmen unterstützen diese Entwicklung sehr konkret durch ihre nachhaltige Unterstützung der internationalen Initiative „Integrating the Healthcare Enterprise“ (IHE) in Deutschland.

Wir können heute mit unserer Bank- oder Kreditkarte an jedem Geldautomaten weltweit Bargeld abheben oder von jedem internetfähigen Computer unsere persönliche E-Mail abrufen. In den meisten deutschen Krankenhäusern sind wir heute aber nicht in der Lage, die Informationen über einen Patienten elektronisch zusammenzuführen. Und wir sind noch viel weniger in der Lage, diese Informationen an ein anderes Krankenhaus oder eine Arztpraxis elektronisch zu übertragen. Dabei sind die erforderlichen Technologien bereits verfügbar. Anwender und Industrie beweisen das immer wieder in konkreten Projekten.

Innovative Konzepte in Deutschland umsetzen

Gerade für die Mega-Cities der Zukunft bietet die Industrie mit ihren Produkten und Lösungen für eine vernetzte Gesundheitsinfrastruktur die Chance eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung aufzubauen. Die deutsche Gesundheitswirtschaft hat dabei die Möglichkeit zum europäischen und internationalen Leitmarkt für innovative Gesundheitsversorgung zu werden. Die Kompetenz, Systeme und Prozesse zu sinnvollen Lösungen zu integrieren, erwerben wir aber nur durch die Umsetzung innovativer Konzepte im eigenen Land.

Die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen wird in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Die Herausforderungen der Gesundheitsversorgung von morgen werden wir nur über eine umfassende Modernisierung der Gesundheitsinfrastrukturen meistern können. Prozessoptimierung, eHealth und Vernetzung sind wichtige Faktoren für diese notwendige Modernisierung. Die Möglichkeiten zur Kostensenkung des individuellen Behandlungsfalles und zur Verbesserung der Qualität der Gesundheitsversorgung sind enorm.

Die Entdeckung der Röntgenstrahlen im Jahr 1895 ist einer von vielen Meilensteinen in der Entwicklung der modernen Medizintechnik. Seit dieser Zeit hat die medizintechnische Industrie mit immer neuen Innovationen die Grundlagen für die hochwertige Gesundheitsversorgung von heute geschaffen. Der ZVEI und seine Mitgliedsunternehmen werden sich wie in den letzten 90 Jahren dafür einsetzen, dass dieser dynamische Innovationsprozess weitergeht.

Gut positioniert - Gesundheitswirtschaft in Deutschland

Die leistungsfähige Gesundheitsinfrastruktur in Deutschland muss auf die Zukunft vorbereitet werden. (Archiv: Vogel Business Media)

Über 10% des deutschen Bruttoinlandsproduktes werden auf dem Gesundheitsmarkt erwirtschaftet. Über 4 Mio. Menschen sind rund um das Thema Gesundheit beschäftigt. In der Medizintechnik verfügt Deutschland über eine international wettbewerbsfähige Industrie, die über 60% ihres Umsatzes von fast 16 Mrd.€ pro Jahr im Export erzielt. Auch was Technologie und Innovation angeht, ist Deutschland gut positioniert. Im Jahr 2008 feiert der „Innovationswettbewerb Medizintechnik“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) 10-jähriges Jubiläum. Allein im Jahr 2007 sind auf einer gemeinsamen Veranstaltung des BMBF und der Verbände der deutschen Medizintechnik insgesamt 13 Projekte als Preisträger dieses Wettbewerbes ausgezeichnet worden.

HE — Integrating the Healthcare Enterprise - IT-Systeme zeigen Interoperabilität

(Archiv: Vogel Business Media)

IHE definiert auf der Basis internationaler Standards praxisorientierte Profile für die problemlose Integration von IT-Systemen unterschiedlicher Hersteller und einen reibungslosen Informationsfluss in Krankenhaus und Arztpraxis. Projektplanung, Investitionsentscheidung und Umsetzung werden damit deutlich einfacher. Auf der europäischen IHE-Testwoche im April 2007 in Berlin haben fast 300 Mitarbeiter aus über 60 Unternehmen die Interoperabilität von über 100 Geräten und IT-Systemen getestet.

Jochen Franke ist Vorsitzender des Fachverbandes Elektromedizinische Technik im ZVEI - Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V.

Christian O. Erbe ist Stellvertretender Vorsitzender des Fachverbandes Elektromedizinische Technik im ZVEI - Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V.

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