Conquest 2006: Near- und Offshoring Grenzen überwinden – Konkurrenzfähig bleiben

Autor / Redakteur: Andreas Schmietendorf / Martina Hafner

Hinter dem Begriff Offshoring steht weit mehr als nur eine bloße Kostensenkung. Praktische Erfahrungen während einer fast 7-jährigen Kooperation mit einem bulgarischen Partner zeigten: Für eine langfristige erfolgreiche Zusammenarbeit gilt es vielfältige Einflußkriterien zu berücksichtigen.

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( Archiv: Vogel Business Media )

„Es gibt keinen Grund Auslandsinvestitionen grundsätzlich als Jobkiller für das Innland anzusehen“, stellte der Wirtschaftsweise Peter Bofinger fest. Was für andere Branchen wie der Automobilindustrie seit Jahren alltäglich ist, erzeugt in der Softwareentwicklung noch immer kontroverse Diskussionen. Die eigentliche Herausforderung für deutsche Softwareunternehmen besteht darin, konkurrenzfähig zu bleiben, was nur über eine stetige Erhöhung der Produktivität erreicht werden kann. Damit einher geht zwangsläufig die Industrialisierung der Softwareentwicklung mit einer zunehmend reduzierten eigenen Fertigungstiefe. Dafür bedarf es der Konzentration auf die eigenen Kernkompetenzen, strategischer Lieferanten und einer professionellen Vorgehensweise zur verteilten Entwicklung von Softwaresystemen. Darüber hinaus sollte das Offshoring nicht als platte Argumentation für einen Arbeitsplatzabbau herangezogen werden. Es gilt vielmehr die Chancen durch Offshoring im Sinne einer Ausweitung der geschäftlichen Aktivitäten zu erkennen.

Verschiedene Modelle des Near- und Offshorings

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Der Begriff des Offshoring wird in Offshore und Nearshore differenziert. Nearshore bezieht sich aus zentraleuropäischer Sicht auf die Auslagerung von Dienstleistungen ins (ost-)europäische Ausland. Beim Offshoring werden Aufgabenstellungen in den asiatischen Raum vergeben. Es lassen sich unterschiedliche Offshore-Modelle identifizieren, die äquivalent für das Nearshoring gelten:

  • Support-Modell: die Entwicklungsarbeit erfolgt ausschließlich in Deutschland. Mitarbeiter ausländischer Unternehmen werden direkt in die Projektteams integriert. In diesem Zusammenhang wird auch von Onside Offshore gesprochen.
  • Remote-Delivery-Modell: Softwareentwickler aus Deutschland spezifizieren das zu entwickelnde System exakt. Ein Offshore-Team (auch Offside Offshore) am ausländischen Standort realisiert die Software.
  • Transfer-Modell: Ein gemischtes Team realisiert die erste Version eines Softwaresystems, weitere Versionen werden dann von den Offshore-Partner eigenständig im Ausland umgesetzt.
  • Integrated-Modell: integrierte Teams arbeiten an einer Aufgabenstellung sowohl in Deutschland als auch am Standort des Offshore-Partners.

Erfahrungsbericht: Die Initialisierungsphase

Die dargestellten Modelle implizieren unterschiedliche Einsparungspotentiale, die sich auf die Kostenabschätzung eines neu zu implementierenden Softwaresystems auswirken. So impliziert das Support-Modell maximal 5% Kosteneinsparung, das Remote-Delivery-Modell maximal 35%, das Transfer-Modell mehr als 40% und das Integrated-Modell maximal 30% . Diese Werte resultieren aus eigenen Erfahrungen und korrespondieren sie mit den unter Taubner 2005 dargestellten Aussagen.

Für die Suche nach geeigneten Kooperationspartnern wurden im Jahr 1998 Evaluierungsprojekte gestartet, sowohl mit ost-europäischen als mit indischen Unternehmen. Mit den Projekten gingen folgende Zielsetzungen einher:

  • Qualifikation der eigenen Mitarbeiter für internationale Projekte,
  • Erhöhung der Produktivität innerhalb der Softwareentwicklung,
  • Schaffung „atmender Kapazitäten“ zur Überbrückung eigener Engpässe,
  • Reduzierung des Realisierungsrisikos,
  • Schnellere und vor allem gezielte Reaktion auf Kundenanforderungen,
  • Kosteneinsparungen innerhalb der Softwareentwicklung,
  • Test verschiedener Kommunikationskanäle (z.B. Videokonferenzen),
  • Test unterschiedlicher Vorgehensweisen zur verteilten Softwareentwicklung.

Nachdem die Evaluierungsprojekte beendet waren, etablierte sich eine Partnerschaft mit einem bulgarischen Unternehmen. Die Gründe für diese Wahl lagen im hohen Ausbildungsstand der bulgarischen Mitarbeiter, der geringen Distanz zwischen Deutschland und Bulgarien, einer marginalen Zeitverschiebung zwischen beiden Ländern, geringen kulturellen Unterschieden und der Möglichkeit einen neuen Vertriebsweg in dieser Region aufbauen zu können. Darüber hinaus wirkte sich die Integration akademischer Einrichtungen positiv aus. Wenn wir von einem Projekt sprechen, bedeutet dies, dass es einen expliziten Auftrag (kein Änderungsauftrag zu einer bereits in Entwicklung befindlichen Version) gegenüber dem Offshore-Partner gegeben hat. Bis zum Februar 2005 wurden im Rahmen der Kooperation insgesamt 25 solcher Projekte realisiert. Alle konnten in der vorgesehenen Zeit, dem veranschlagten Budget und in einer hohen Qualität realisiert werden.

In keinem Fall wurde das entwickelte System von der Kundenseite in Frage gestellt bzw. hinsichtlich der fachlichen und technischen Eigenschaften als unter den Anforderungen liegend bewertet.

*Prof. Dr.-Ing. Andreas Schmietendorf ist tätig an der Fachhochschule für Wirtschaft BerlinE-Mail: andreas.schmietendorf@ba-berlin.de und bei T-Systems International, Berlin.

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