Anlässlich unseres 100-jährigen Bestehens präsentieren wir – elektrotechnik AUTOMATISIERUNG – die Pioniere der industriellen Automation. In einer exklusiven Berichtserie zeigen wir deren Errungenschaften. Mit den Wegbereitern der Automation lassen wir Technologien und Entwicklungen Revue passieren, betrachten die Gegenwart und wagen einen Blick in die Zukunft!

Industrie 4.0

Keine Panik bei der Digitalisierung

| Autor / Redakteur: Georg Stawowy* / Ines Stotz

Wer sich allein von den technischen Möglichkeiten treiben lässt, zieht aus der Digitalisierung noch lange keine Vorteile für die Kunden und läuft sehr wahrscheinlich mit hohem Tempo in die falsche Richtung.
Wer sich allein von den technischen Möglichkeiten treiben lässt, zieht aus der Digitalisierung noch lange keine Vorteile für die Kunden und läuft sehr wahrscheinlich mit hohem Tempo in die falsche Richtung. (Bild: ©Konstantin Hermann - stock.adobe.com)

Deutschland befindet sich in puncto Digitalisierung im Kriechgang, sagen viele. Doch schneller ist nicht immer besser. Vielleicht gibt es auch ein falsches Verständnis davon was digitaler Fortschritt ist. Ein Kommentar von Georg Stawowy.

Schon wieder eine Einladung zu einer Konferenz über die digitale Zukunft. Jeden Tag könnte ich meine Zeit bei Vorträgen zu diesem Megatrend verbringen. Leicht kann es einem schwindlig werden, wenn man nur den Visionären und Evangelisten zuhört. Am Rednerpult kommt die Zukunft schneller als man die Prozesse dafür organisieren kann. Wenn die Mikrofone ausgeschaltet sind, werden die Töne leiser und nicht wenige Kollegen beklagen einen Digitalismus, der wenig bringt – weder den Herstellern noch den Anwendern.

Rasch eine vermeintlich intelligente Funktion in ein Gerät einbauen, ein Big-Data-Projekt aus dem Boden stampfen oder überall Sensortechnik einpflanzen, ist noch keine Vorbereitung auf die Zukunft, von der wir wissen, dass sie neu und anders sein wird. Da gibt es viel Rausch, Bauerntricks und auch Schrott, der im Zuge der Digitalisierung schnell begonnen wird. Und noch schneller eine Datenflut zur Folge hat, die kein Programmierer leicht bewältigen kann.

Gerade die deutschen Mittelständler und Familienunternehmen sind bekannt für ihren Innovationsdrang. Aber auch dafür, dass sie Luftblasen zum Platzen bringen. Ganzheitlich werden sich Prozesse und Produkte sowie das Denken an den Arbeitsplätzen verändern müssen, wenn wir aus der Digitalisierung Vorteile für die Kunden ziehen wollen.

Digitalisierung ist das Mittel, zufriedene Kunden der Zweck

Dass Digitalisierung kein Selbstzweck ist, zeigt sich am besten an Amazon: Viele nennen das zweitwertvollste Unternehmen der Welt als leuchtendes Vorbild in Sachen Digitalisierung. Das stimmt zwar, ist aber nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich ist Amazon ein Logistik-Gigant. Bei Amazon bestellen wir nicht, weil uns der Webshop so gefällt, sondern weil es das Unternehmen schafft, die unmöglichsten Dinge fast immer innerhalb von 24 Stunden zu liefern. Genau diesen Service wollen die Kunden haben.

Die Tatsache, dass Amazon inzwischen eigene Packstationen aufstellt oder der Plan, Pakete mit Drohnen auszuliefern, zeigen, worin die Stärke von Amazon tatsächlich liegt. Ohne Digitalisierung wäre all das nicht zu managen, aber sie ist vor allem das Werkzeug, um eine schnelle und effiziente Supply-Chain zu ermöglichen.

Oder ein Flughafen: Digitalisierung bedeutet, dass eine intelligente Software die nahe Zukunft prognostizieren kann und die Prozesse danach ausrichtet, dass an allen Gates das richtige Personal steht und es zu keinen Verspätungen in der Abfertigung kommt.

Digitalisierung hängt nicht an mehr Computern und größeren Bandbreiten, sondern an den Prozessen – und sie ist nicht Selbstzweck, sondern sie muss einen neuen, spezifischen Kundennutzen schaffen.

Radikaler Kundennutzen

Dieser Kundennutzen steht bei Lapp im Mittelpunkt, wenn es um Digitalisierung geht, und wie bei Amazon sind Logistik und Supply-Chain-Prozesse ganz wesentliche Hebel, um Kundennutzen zu schaffen. Unsere Kunden können zigtausende Produkte online bestellen und unsere Verbindungslösungen (Kabel, Stecker, Zubehör, fertig konfektionierte Systeme) selbst konfigurieren. Und innerhalb Deutschlands erhalten sie das Bestellte innerhalb von 24 Stunden; in Europa dauert es kaum länger und auch weltweit profitieren unsere Kunden dank Produktionsstätten und Lagern auf mehreren Kontinenten von kurzen Lieferzeiten. Ein noch schnellerer Lieferservice würde den Kunden derzeit keinen weiteren Vorteil bringen. Aber die Identifikation der Produkte per QR-Code, das würde Vorteile bringen. Dafür werden wir weiter digitalisieren.

Wir sind radikal, wenn es um den Kundennutzen geht. Industrie 4.0 – was ich übrigens für eine tolle Marketinginitiative Deutschlands halte – bedeutet kürzere Innovationszyklen. Das schafft Druck. Doch wir wären kein führender Anbieter, wenn wir uns dem Wandel nicht stellen würden:

Wir sind Herrscher über unsere Technik und Lösungen im Verbindungsgeschäft. Deshalb bauen wir unser Portfolio aus, gehen tiefer in die Anwendungen rein und befähigen unsere Mitarbeiter, die Kunden zu beraten. Ziel ist es, dass wir überall, in jedem noch so komplexen Maschinennetzwerk, egal bei welchen Protokollen und Standards, Daten und Strom sicher und schnell von A nach B transportieren. Das versprechen wir als Verbindungsspezialist.

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Der Fortschritt ist eine Schnecke

Die Digitalkonzerne Facebook, Google & Co. wirbeln vieles durcheinander. Deutschlands Mittelstand, die Basis eines bereits langanhaltenden Wohlstands, wirkt im Vergleich langsam und zögerlich. Doch Veränderungen müssen nicht immer disruptiv passieren, viele Verbesserungen geschehen durch stetige Entwicklung. Der Maschinenbau und viele vergleichbare Industriebranchen sind weniger technologieverliebt als vielmehr anwendungsgetrieben. Die Veränderungsgeschwindigkeit wird dabei häufig überschätzt, auch in der Digitalisierung.

Nur keine Panik bei der Digitalisierung, das ist keine populäre Position. Ich halte mich an Peter Drucker, der sagte, es gibt nicht viel Nutzloseres, als effizienter zu machen, was man eigentlich gar nicht tun sollte. Deshalb schauen wir genau hin was wir wie und warum digitalisieren.

Der Fortschritt ist eine Schnecke, lautet ein bekanntes Sprichwort – die technischen Möglichkeiten entwickeln sich hingegen in rasender Geschwindigkeit. Heute Industrie 4.0, morgen Künstliche Intelligenz. Wer sich aber allein von den technischen Möglichkeiten treiben lässt, wird sehr wahrscheinlich mit hohem Tempo in die falsche Richtung laufen.

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BUCHTIPPDie Digitalisierung verändert die industrielle Fertigung grundlegend. Das Buch „Industrie 4.0 – Potenziale erkennen und umsetzen“ beschreibt mögliche Potentiale und konkrete Umsetzungsmöglichkeiten der Industrie 4.0-Anwendungen und dient dem Leser als praxisbezogener Leitfaden.

* Georg Stawowy, Vorstand für Technik und Innovation der Lapp Holding

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