Siemens Korrekturen am Energiewende-Konzept können 150 Mrd. Euro einsparen

Redakteur: Sariana Kunze

Die Kosten für den Umbau des Energiesystems in Deutschland sind zu hoch. Mit der gegenwärtigen Ausrichtung des Konzepts der Energiewende wird es nicht gelingen, Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Bezahlbarkeit in Einklang zu bringen. Es setzt zudem die falschen Anreize für Investitionen und Innovationen. Mit Korrekturen am Konzept der Energiewende könnte Deutschland nach Berechnungen von Siemens bis zum Jahr 2030 über 150 Mrd. Euro sparen und den weiteren Strompreisanstieg begrenzen, ohne dass es zu Einbußen bei denKlimazielen kommt.

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(Siemens)

Im Rahmen des Siemens Energiewende-Dialogs, der vom 3. bis 11. Juni 2013 in Berlin stattfindet, hat das Unternehmen einen Drei-Punkte-Plan mit konkreten Vorschlägen für eine kosteneffiziente Umsetzung der Energiewende vorgestellt. „Siemens steht hinter der Energiewende. Jedoch befindet sich das Projekt derzeit an einem kritischen Punkt. Wir brauchen Entscheidungen, die die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes auf lange Sicht erhalten. Unser Ziel ist ein nachhaltiges Energiesystem mit verlässlicher Versorgung und erschwinglichen Strompreisen“, sagte Peter Löscher, Vorstandsvorsitzender der Siemens. Ausgangspunkt des Drei-Punkte-Plans ist eine Analyse des Status quo der Energiewende: Hohe Strompreise belasten private Haushalte und Industrie gleichermaßen und gefährden die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland.

Für einen Privathaushalt lagen die Strompreise im Jahr 2012 knapp 40 Prozent höher als im Durchschnitt der Europäischen Union (EU), für Industriebetriebe um 20 Prozent. Die Umlagen für Erneuerbare Energien werden in diesem Jahr mit rund 16 Mrd. Euro einen neuen Höchststand erreichen. Die Kosten trägt im Wesentlichen der Verbraucher. Die Kohlendioxid-Emissionen (CO2) steigen trotz des konsequenten Ausbaus der Erneuerbaren Energien, da im Mix der Energieerzeugung zunehmend Kohlekraftwerke mit hohen CO2-Emissionen zum Einsatz kommen, um die witterungsbedingten Schwankungen bei der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien und den Wegfall der Kernkraft auszugleichen.

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Erneuerbare Energien Gesetz (EEG reformbedürftig

Viele deutsche Unternehmen sehen die Probleme ähnlich. Eine von Siemens durchgeführte Umfrage unter mehr als 250 Kunden verschiedener Branchen in Deutschland kommt zu dem Ergebnis, dass über 80 Prozent der Befragten das jetzige Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) für reformbedürftig halten. Als größte Herausforderungen für eine erfolgreiche Energiewende nennen mehr als 90 Prozent Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit. Siemens schlägt vor, bei der Energiewende auf ein festes Ausbauziel der Erneuerbaren Energien zu verzichten und stattdessen die CO2 -Reduzierung in den Mittelpunkt zu stellen. Stärker als bisher sollte dabei auf hocheffiziente Gas-und-Dampf-Kraftwerke (GuD) und auf Windenergie gesetzt werden. Ein modernes Gas- und Dampfkraftwerk verursacht mit Wirkungsgraden von über 60 Prozent weniger als die Hälfte der CO2-Emissionen eines neuen Kohlekraftwerks, und Windkraft ist auf dem besten Weg, künftig Strom so kostengünstig liefern zu können wie konventionelle Energieträger.Mit diesem Szenario würde sichergestellt, dass die deutschen Klimaziele erreicht werden. Gleichzeitig könnten die Investitions- und Betriebskosten für die Energiewende bis 2030 mehr als 150 Mrd. Euro niedriger ausfallen als bei einem ungebremsten Ausbau der Erneuerbaren Energien. Peter Löscher: „Das Klimaziel lässt sich bis 2030 mit weniger Erneuerbaren zu deutlich geringeren Kosten erreichen! Ein Strommix mit 40 Prozent Ökostrom – statt der geplanten 50 Prozent bis 2030 – ist sowohl ökologisch als auch ökonomisch sinnvoll.“

Für eine kosteneffiziente Energiewende hat Siemens einen Drei-Punkte-Plan erarbeitet. Dessen Eckpfeiler sind ein Umbau des Strommarktes, die Steigerung der Energieeffizienz und eine europäische Koordination der Energiewende.

1. Umbau des Strommarktes

Fünf Maßnahmen zum Umbau des Strommarktes sollen zu mehr Investitionssicherheit und Transparenz im Energiemarkt beitragen. Die ersten beiden Maßnahmen beziehen sich auf eine grundlegende Überarbeitung des EEG. Erneuerbare Energien sollen künftig ohne Subventionen am Markt bestehen. Die Regelungen für Anlagen, die bereits in Betrieb sind, bleiben jedoch unverändert, um Investitions- und Rechtssicherheit zu gewährleisten. Bislang haben Erneuerbare Energien Vorrang bei der Einspeisung ins Netz gegenüber konventionell erzeugter Energie aus GuD- oder Kohlekraftwerken.

Als erste Maßnahme soll anstelle dieses Einspeisevorrangs eine Einspeiseverantwortung treten. Anbieter von Strom aus Erneuerbaren Energien müssen ihren Strom künftig genauso zuverlässig vermarkten wie andere Stromerzeuger. Um ihre Lieferversprechen einzuhalten, müssen sie sich mit flexiblen Kraftwerken oder auch mit Speichern absichern. So entsteht ein Energiemarkt, bei dem nur die Strommengen abgenommen werden, für die es auch eine Nachfrage gibt.

Die zweite Maßnahme zielt darauf ab, dass die Förderung von Erneuerbaren Energien künftig stärker nach den Regeln des Wettbewerbs und damit kostengünstiger erfolgen soll. Eine Möglichkeit dafür sind Versteigerungen. So erhält beispielsweise derjenige Investor den Zuschlag für den Bau eines neuen Windparks, der die geringste Einspeisevergütung anbieten kann.

Als dritte Maßnahme regt Siemens eine europäische Regelung für die Reduzierung von CO2-Emissionen an, zum Beispiel über eine Stärkung des europäischen CO2-Zertifikatehandels. Außerdem wäre eine Flottenregelung für Kraftwerkparks nach dem Vorbild der Automobilindustrie ein wirkungsvolles Mittel, um den durchschnittlichen CO2-Ausstoß der Versorgungsunternehmen zu beschränken und die CO2-Emissionen weiter zu senken. Energieversorger mit einer Flotte aus veralteten Kraftwerken wären dann gezwungen, ihre CO2-Bilanz Schritt für Schritt zu verbessern. Der Vorteil: Langfristige und verbindliche Emissionsziele und Regeln für den Handel mit CO2-Zertifikaten bis 2030 geben den Kraftwerksbetreiben Spielraum, in die Optimierung ihres Kraftwerkparks und in neue Technologien zu investieren.

Eine vierte Maßnahme bezieht sich auf die Fixkosten des Stromsystems wie zum Beispiel die Netz- oder die EEG-Umlage. Der Siemens-Vorschlag sieht vor, diese künftig nicht mehr über den Strompreis, sondern über eine Fixkosten-Pauschale für die Anschlussleistung an das Stromnetz umzulegen. Damit werden alle Verbraucher, die das Stromnetz nutzen, gleichermaßen auch an dessen Kosten beteiligt – unabhängig davon, ob und wie viel eigenen Strom sie selbst erzeugen oder verbrauchen. Bislang haben zum Beispiel Hausbesitzer mit einer Solaranlage den Vorteil, dass sie nur einen geringen Anteil zum Unterhalt der Stromnetze beitragen, da sie geringere Strommengen aus dem Netz beziehen.

Die fünfte Maßnahme zielt darauf ab, die so genannte Winterreserve für Strom beizubehalten, um ganzjährige Versorgungssicherheit zu gewährleisten – auch dann wenn die Einspeisungen aus Erneuerbaren Energien geringer ausfallen. Die Bundesnetzagentur und die Netzbetreiber legen dazu eine bestimmte Strommenge fest, die als Reservekapazität für Spitzenlasten vorgehalten wird. Mittelfristig muss allerdings die politische Entscheidung getroffen werden, ob Deutschland wie andere Staaten einen Kapazitätsmechanismus einführt, um die Vorhaltung von Kraftwerken zu vergüten.

2. Steigerung der Energieeffizienz

Zu einer erfolgreichen und wirtschaftlichen Energiewende gehört auch das Stromsparen. Mit Anlagen, die weniger Energie verbrauchen, können steigende Strompreise zum Teil aufgefangen werden. Siemens plädiert für eine zügige Umsetzung der europäischen Energieeffizienz-Richtlinie in Deutschland. Denn in Sachen Energieeffizienz sind die Potenziale groß: So können bei Gebäuden mit energieeffizienter Technik Einsparungen bis zu 40 Prozent erzielt werden; bei Elektroantrieben in der Industrie lassen sich Verbräuche um bis zu 70 Prozent reduzieren. Steigerungen der Energieeffizienz setzen jedoch oftmals zunächst Investitionen voraus. Mit intelligenten Finanzierungsmodellen lassen sich Modernisierungen durchführen, ohne dass für den Kunden im Vorfeld Investitionskosten entstehen. Diese Kosten werden stattdessen ausschließlich aus den eingesparten Energiekosten bestritten. Als Ergänzung zu Energieeffizienz-Maßnahmen empfiehlt Siemens eine gezielte Verbrauchssteuerung. Das bedeutet, dass Verbraucher sich beispielsweise zu Spitzenlastzeiten vorübergehend freiwillig vom Netz abschalten und dafür über Sondervergütungen Anreize geschaffen werden.

3. Europäische Koordination der Energiewende

Die Energiewende ist als ein europäisch koordiniertes Projekt zu begreifen und in enger Zusammenarbeit der einzelnen Staaten voranzutreiben. Regionale und nationale Einzellösungen erhöhen die Kosten für alle Länder, die sich mit dem Umbau zu nachhaltigen Energiesystemen beschäftigen. Dass man bei der Ausgestaltung der Energiesysteme viel voneinander lernen kann, zeigt auch eine von Siemens gemeinsam mit der Unternehmensberatung McKinsey durchgeführte Studie. Sie stellt 20 internationale Lösungen entlang der gesamten Energiewertschöpfungskette vor – von der Stromerzeugung über die Verteilung bis zur Steigerung der Energieeffizienz in Gebäuden, der Industrie und dem Verkehr. So sind die USA beispielsweise führend bei der gezielten Steuerung des Stromverbrauchs über temporäre Reduzierung der Stromnachfrage. Dänemark und die Niederlande praktizieren bei der Modernisierung ihrer Energiesysteme erfolgreich die Versteigerung von Windparks.

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