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Testboy Messgerätehersteller hat das Industriegeschäft im Fokus

Redakteur: Jürgen Schreier

Nach wie vor ist der Steckdosenprüfer Schuki jedem Elektroinstallateur ein Begriff. Doch der Hersteller Testboy in Vechta mit ausgedehnter Fertigung in Fernost setzt zunehmend auf die Industrie als Abnehmer für seine Messgeräte. Zu den neuesten Produkten im Programm gehört eine Wärmebildkamera.

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Horst Reysen, Testboy: „Wir wollen die Nummer 3 in Deutschland werden.“ Bild: Schreier
Horst Reysen, Testboy: „Wir wollen die Nummer 3 in Deutschland werden.“ Bild: Schreier
( Archiv: Vogel Business Media )

Welcome to Future, willkommen in der Zukunft – verkündet, von Computermusik untermalt und grellem Blitzgewitter begleitet, das Flash-Intro zum neu gestalteten Testboy-Webauftritt. Die zuckenden Blitze und die „elektrisierenden“ Techno-Rhythmen darf man durchaus programmatisch deuten, schließlich dreht sich bei dem im Jahr 1953 als Elektroinstallationsbetrieb gegründeten Unternehmen bis heute alles um das Thema Elektrizität. Schon 1960 nahm Firmenchef Ludwig Mers die Produktion von Mess- und Prüfgeräten auf – darunter auch die berühmten „Schuki“-Steckdosenprüfer, die ganze Generationen von Elektroinstallateuren begleiteten und dies wohl auch noch einige Zeit tun werden. Selbst bei ambitionierten Hobbyelektrikern erfreuen sich die Profigeräte dank ihrer unkomplizierten Bedienung nach wie vor größter Beliebtheit.

Doch mit Tradition allein und ein paar bekannten „Evergreens“ kann man nicht erfolgreich in die Zukunft gehen. Diese Erfahrung durfte auch Horst Reysen machen, als er 1993 die Ludwig Mers GmbH & Co. KG Elektrotechnische Spezialfabrik erwarb. „Es gab vier oder fünf alte Testgeräte mit simpler Technik“, erinnert sich der Firmenchef. „Was wir brauchten, waren neue Produkte, um weiter am Markt zu bestehen.“ Gesagt, getan. Zunächst ergänzte Reysen das Sortiment um importierte Private-Label-Produkte, zu denen sich dann rasch Eigenentwicklungen gesellten – beispielsweise Multimeter mit Taschenlampenfunktion. Zudem wurde die auftragsbezogene Fertigung – „kamen 100 Bestellungen herein, wurden 100 Geräte gebaut“ – durch die kostengünstigere Produktion von größeren Serien ersetzt.

Parallel dazu aktivierte der Chef alte Verbindungen nach Fernost. Dahinter stand zunächst einmal die Absicht, die Werkzeuge für die Gehäusefertigung preisgünstiger als bisher einzukaufen. Sein Ansinnen hatte Erfolg: „Heute werden alle unsere Werkzeuge in China hergestellt.“ Auf deren Qualität angesprochen, meint Reysen: „Natürlich sind sie nicht ganz so sehr auf Stückzahl ausgelegt, dafür aber um ein Vielfaches billiger als Werkzeuge aus deutscher Produktion.“

Chinesische Fingerfertigkeit in der Montage gefragt

Alleine bei der Werkzeugbeschaffung aus Fernost blieb es jedoch nicht. Dem allgemeinen Trend, Teile der Entwicklung und Produktion in (lohn-)kostengünstigere Gefilde der Erde zu verlagern, konnte sich auch Testboy irgendwann nicht mehr entziehen. Seit 1998 werden die meisten Testboy-Prüf- und Messgeräte in der chinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen hergestellt – „in unserem eigenen Werk, keinem Joint Venture oder irgendeinem Zulieferbetrieb“, wie Reysen mit Nachdruck betont. Denn auch bei „made in China“ zählt für ihn nur eines: Qualität. Und die hat man in der eigenen Fertigung bekanntlich am besten im Griff. Das mit modernster Technik ausgestattete „Outlet“ beschäftigt heute rund 120 Mitarbeiter, darunter viele geschickte Hände, denn für Montageaufgaben „gibt es nichts Besseres als die chinesische Fingerfertigkeit“, ist Testboy-Chef Reysen überzeugt.

Dabei ist diese Fingerfertigkeit in der „alten Heimat“ keineswegs verloren gegangen. Die beliebten „Schukis“, diverse ältere Produkte aus dem Testboy-Programm sowie technisch anspruchsvolle VDE-701/702-Tester für Wiederinbetriebnahmen werden nach wie vor in Vechta montiert. Alle Testboy-Produkte sind weltweit geschützt, TÜV-/GS-geprüft, Produktion und Vertrieb nach ISO 9000 zertifiziert. Auf die neueren Testboy-Geräte gibt es fünf, auf die älteren drei Jahre Garantie. Auch bei der Produktentwicklung setzt Firmenchef Reysen auf einen gesunden Mix aus deutscher und chinesischer Ingenieurskunst. 50% aller neuen Erzeugnisse entstehen an „Reißbrettern“ im Reich der Mitte, der Rest in Vechta oder bei einheimischen Ingenieurbüros. „Alle Neuentwicklungen sind hausgemacht und eigenfinanziert.“ Denn von Geldgebern unabhängig zu sein, darauf legt Reysen als echter Selfmade-Unternehmer ganz besonderen Wert.

Davon, wohin in den nächsten Jahren die Reise gehen soll, hat Reysen ebenfalls ganz klare Vorstellungen. „Wir wollen die Nummer 3 in Deutschland werden“, verkündet er selbstbewusst. Forcieren will er vor allem das Industrie- und Automotive-Geschäft, nachdem immer noch knapp 60% des Umsatzes auf den Elektroinstallationsbereich entfallen. Passende Produkte hat er schon im Köcher. Von den seit längerem schon im Portfolio befindlichen Signalgeräten (Industriesirenen, Blitzleuchten) sind dies ein Bremsflüssigkeitsmessgerät für Kfz-Werkstätten, ein so genanntes Leptoskop, mit dem Kfz-Sachverständige prüfen können, ob ein Fahrzeug neu- oder nachlackiert wurde, sowie Ultraschall-Dickenmessgeräte für den Werkstoffbereich.

Jüngstes Highlight im breiten Testboy-Angebot ist eine Wärmebildkamera, die ein sekundenschnelles Aufspüren von Defekten in elektrischen Anlagen wie Schaltschränken, Elektroantrieben, Maschinen oder Trafostationen ermöglicht und mit der man Wärmeverlusten an Gebäuden auf die Spur kommt. Dabei gibt sich Firmenchef Reysen keineswegs damit zufrieden, diese Kameras nur zu vertreiben. In Zusammenarbeit mit einem Hamburger Testhaus möchte Testboy das erste Unternehmen in Deutschland werden, das Wärmebildkameras kalibriert.

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