Smart Metering legt neue Vertrauensbasis Online-Verfügbarkeit von Verbrauchsdaten beeinflusst das Verhalten

Redakteur: Wolfgang Leppert

Mündige Kunden, der Siegeszug der Kommunikationstechnologie und die wachsende Sorge über eine drohende Klimakatastrophe: Politik und Verbraucher zwingen die Energieversorger zum Umdenken. Doch nur mit Imagekampagnen und Investitionen in erneuerbare Energien lässt sich die Situation auf Dauer nicht stabilisieren. Der Kunde muss befähigt werden, die Konsequenzen seines Tuns in Echtzeit zu verfolgen. Der Schlüssel dazu liegt in der Online-Verfügbarkeit von Daten über Energieverbrauch und Energiekosten.

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Haben die „fetten Jahre“ für die Energieversorger nun ein Ende? Wer die politischen Diskussionen, die von der EU vorangetriebene Marktöffnung und die Bestrebungen zur Entflechtung von Erzeugung, Übertragung und Verteilung verfolgt, möchte dies glauben. Noch ist es aber nicht soweit. Noch sehen sich Verbraucher mit stetig steigenden Energiekosten konfrontiert. Und es droht weiteres Ungemach: CO2-Abgaben, wie sie die Schweiz seit Jahresbeginn erhebt, könnten die Kosten für die Verbraucher noch weiter in die Höhe treiben.

Die Versorger fühlen sich zunehmend in der Rolle des Prügelknaben. Mit ganzseitigen Inserate-Kampagnen versuchen sie, ihre „grüne Verantwortung“ zu dokumentieren. Ob dies reichen wird? Aus Sicht der Zählerindustrie lautet die Antwort: nein. Der Gesetzgeber sowie zunehmend anspruchsvollere Kunden werden den Status quo auf Dauer nicht mehr akzeptieren.

Dieses Nein stützt sich auf Trends, wie wir sie in anderen Ländern feststellen. In Schweden hat der Gesetzgeber beschlossen, dass der Energieverbrauch Haushaltkunden monatlich und auf der Basis der tatsächlichen Verbrauchsdaten in Rechnung gestellt wird. Wirtschaftlich lässt sich dies nur mit einer Automatisierung des Ableseprozesses erreichen. In Großbritannien will die Regierung mit ihrem im Jahr 2007 erschienenen „White Paper“ ab 2010 nur noch Smart Meters zur Neuinstallation zulassen. Schon jetzt soll jeder Endkunde von seinem Versorger eine Im-Haus-Anzeige fordern können, die ihm seinen aktuellen Verbrauch, seine Energiekosten und möglicherweise auch die bei der Erzeugung emittierten Treibhausgase aufzeigt. Und in den USA hält die von der Regierung 2005 erlassene „energy policy act“ die Bundesstaaten an, Smart Metering mindestens zu prüfen. In einzelnen Bundesstaaten findet derzeit ein flächendeckender Roll-out statt.

Hinzu kommt die Verfügbarkeit zuverlässiger Kommunikationstechnologien zu bald schon vernachlässigbaren Kosten. Das Internet, die Netze konkurrierender Mobilfunkanbieter und das traditionelle Kupferkabel bieten sich als zumeist noch nicht bis an ihre Kapazitätsgrenzen genutzte Datenautobahnen an. Und selbst im Haus sind WLAN, ZigBee und PLC heute fast schon gängiger Standard, der sich zur Schaffung völliger Datentransparenz und bald auch zum energie-effizienteren Steuern von Geräten nutzen lässt.

Technisch macht das Bewirtschaften und Steuern solcher Datensätze und -mengen keine Probleme. Telekom-Gesellschaften und Banken verfügen über jahrzehntelange Erfahrung im Handling großer und größter Datenmengen. Anbieter von Smart oder Advanced Metering-Infrastruktur bieten Lösungen für die effiziente Erfassung und Verarbeitung der Informationen aus hunderttausenden von Energiezählern. Der digitale „Fingerabdruck“ ist etabliert. Er bietet Gewähr für Datenrückverfolgbarkeit. Dies garantiert, dass die Informationen dem jeweils richtigen Kunden zugeordnet werden können.

Innovative Energieversorger sehen diese Entwicklung als Chance zur Profilierung im härter werdenden Wettbewerb. Ihr „Business Case“ für Smart Metering rechnet sich insbesondere dann, wenn das System die Datenerfassung und -verarbeitung gleich für mehrere Energieträger automatisiert, also für Elektrizität und Gas sowie für Wasser und Wärme.

Hinzu kommt, dass diese Technologie eine neue Ära der Kundenbeziehung einläutet. Statt nur bis zur Steckdose, zum Wasserhahn oder Heizkörper gelangt die Leistung des Versorgers plötzlich bis zum Kunden — und dort zu seinem empfindlichsten Organ: der Brieftasche. Dies geschieht, indem die Verbrauchswerte in einer verständlichen Größe angezeigt werden: Euro und Cent. Wer sieht, wie sich sein aktuelles Verhalten finanziell auswirkt, wird sich unweigerlich nach Sparmöglichkeiten umsehen.

Wer sich als Versorger dem verschließt, der läuft Gefahr eines nachhaltigen Imageschadens. Dieses Risiko steigt, wenn die Energiekosten weiter in die Höhe schießen und die Verbraucher kaum Möglichkeiten haben, diese Kosten zeitnah zu beeinflussen.

Die Prozesskette beim Advanced Metering: Der größte Nutzen ergibt sich, wenn auch der Endverbraucher etwas davon hat. (Archiv: Vogel Business Media)

Der Ausweg aus dieser Situation heißt Innovation. Nur wer den Mut aufbringt und in neue Lösungen investiert, kann dieser Sackgasse entrinnen. Doch welcher Weg führt hier ans Ziel? Jeder Anbieter von Advanced Metering-Infrastruktur kennt den besten Weg und verfügt über die richtigen Produkte, um seinen eigenen Unternehmensgewinn zu optimieren. Doch langfristig rechnet sich das nur, wenn auch der Endkunde eine neue Lösung akzeptiert und sich deren Vorteile zunutze macht. Der Rat an Energieversorger ist daher simpel: Investieren Sie in jene Lösung, die auch ihrer Familie zuhause den größten Nutzen verschafft!

Transparenz ist der besteMotor für Veränderung

Es gilt der Grundsatz, dass sein Verhalten eher verändert, wer über dessen Konsequenzen Bescheid weiß und sich mittels Verhaltensänderung einen Vorteil verschaffen kann. Ein schönes Beispiel liefert die Doku-Soap eines australischen Fernsehsenders. Kurz die Ausgangslage: Zwei Durchschnittsfamilien versuchen ihren Alltag energiebewusster zu gestalten. Über Wochen wurden sie von einem Kamerateam bei ihrem Streben beobachtet, Kilowattstunden, Trinkwasser und Benzin einzusparen, um die wöchentlich ambitiöseren Sparziele erreichen zu können.

Zu Beginn standen den Eltern und ihren Teenager-Kindern keinerlei Hilfsmittel zur Verfügung. Im Verlauf der Sendung wurde bei ihnen ein ecoMeter installiert, der in Echtzeit die Verbrauchswerte für Elektrizität und Wasser sowie die bei der Stromproduktion in Kohlekraftwerken anfallende Menge an Treibhausgasen anzeigt. Erst mit dieser Technik schafften es die Familien, die „grauen Energiefresser“ zu identifizieren und zu eliminieren. Über die Zeit wurden in hitzigen Diskussionen am Familientisch neue Strategien diskutiert und vereinbart, mit denen sich die immer ambitiöseren Sparziele erreichen ließen: Fahrgemeinschaften für Familienmitglieder, Waschpläne für Zeiten billig verfügbarer Energie oder duschen anstelle ausführlicher Schaumbäder waren nur einige der Konsequenzen.

Was hier überspitzt im australischen Vorabendprogramm gezeichnet wurde, zeigt klar: Nur wer weiß, wofür er wie viel Energie braucht und welches die daraus resultierenden Konsequenzen sind, ist bereit sein Verhalten anzupassen. Wem dabei dann auch noch Kostenersparnisse winken, der lässt sich nochmals leichter zur Verhaltensänderung bewegen.

Von der Steckdose in die Köpfe vordringen

Damit wird klar: Smart Metering respektive Advanced Metering-Infrastruktur bringt dann den größten Nutzen, wenn auch der Endverbraucher etwas davon hat. Bleibt der Zähler im dunklen Keller und die Leistung des Versorgers in der Dose stecken, ist der Nutzen zweifelhaft.

Erst wenn es dem EVU gelingt, seinen Service von der Steckdose ins Bewusstsein seines Kunden zu bringen, wird sich Smart Metering für alle auszahlen. Alle, das heißt in diesem Fall Energieversorger, Endkunde und Umwelt. Denn wer den Nutzen hat, wird die Energie effizienter einsetzen. Und eine effizientere Nutzung seitens des Verbrauchers ermöglicht dem Versorger effizientere Prozessführung. Effizientere Prozessführung schließlich ermöglicht es, den Wert einer Kilowattstunde und damit der eigenen Dienstleistung aufzuwerten.

Herbert Brunner ist Geschäftsführer der Landis+Gyr GmbH mit Sitz in Nürnberg sowie Stellvertretender Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Energietechnik.

(Archiv: Vogel Business Media)

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