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Gastkommentar Politisches Spannungsfeld der Digitalisierung der Arbeitswelt

| Redakteur: Robert Weber

Es gibt Menschen, die immer noch bestreiten, dass wir uns in einem weiteren industriellen Umbruch befinden. Zugegeben: man kann vortrefflich streiten, ob es wirklich die vierte industrielle Revolution (Industrie 4.0) ist, die gerade über uns hereinbricht, oder ob nicht vielleicht anders gezählt werden sollte. Aber darum geht es nicht. Es geht um das Verständnis, dass sich unsere Gesellschaft und unsere Arbeitswelt mitten in einem gewaltigen Umbruch befinden, die durch die Verbreitung von Digitalisierung, Computern und Internet ausgelöst wurde. Und es geht um die gesellschaftliche Diskussion und das Aushandeln der Rahmenbedingungen für diesen digitalen Wandel.

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Doris Aschenbrenner ist Leserin der elektrotechnik und engagiert sich in der Ausgestaltung der politischen Rahmenbedigungen für die digitale Arbeitswelt.
Doris Aschenbrenner ist Leserin der elektrotechnik und engagiert sich in der Ausgestaltung der politischen Rahmenbedigungen für die digitale Arbeitswelt.
(Bild: Susie Knoll)

Die Gewerkschaften haben die Tragweite der Veränderung verstanden. Das ist gut so. Denn die Arbeiterbewegung ist nicht nur im Zuge der ersten industriellen Revolution entstanden, sie hat insbesondere die weiteren technologischen Umbrüche in der Automatisierungsindustrie, wie die Einführung der Massenproduktion begleitet und mitgestaltet. Dieselbe Aufgabe hat sie heute. Auch die Politik hat diese Aufgabe, insbesondere die aus der Arbeiterbewegung entstandene Sozialdemokratie.

Durch die Digitalisierung wird Arbeit beschleunigt, flexibler, globaler und stärker kontrollierbar. Es ist verkürzt, hier nur die Risiken zu sehen und einem Veränderungsprozess negativ gegenüber zu stehen. Die Veränderung hat bereits begonnen, es gilt jetzt, die Chancen zu identifizieren und zu nutzen und gleichzeitig die Risiken abzufedern. Betriebliche Mitbestimmung, aber auch die Politik stehen vor der Herausforderung, dass Chancen und Risiken sich gegenseitig bedingen. Wir alle erleben, dass Arbeitszeit immer weniger einen klaren Beginn – die Ankunft am Arbeitsplatz – oder ein klares Ende – das Verlassen des Arbeitsplatzes – hat. Eine flexiblere Handhabung der Arbeitszeit wie zum Beispiel das digitale Arbeiten von unterwegs oder von zu Hause aus bietet Chancen für mehr Selbstbestimmung und eine bessere, individuelle Work-Life-Balance. Gleichzeitig steigt auch das Risiko wachsender Belastungen durch eine nahezu grenzenlos ausgedehnte zeitliche Verfügbarkeit, eine zunehmende Arbeitsintensität und eine drohende Selbstausbeutung.

Weiterentwicklung des Arbeitsrechts

Im Chancenszenario werden die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen zu teilhabenden Mitentwicklern dieser Veränderung, im Risikoszenario hingegen übernehmen sie die Verantwortung zur Erreichung von Effizienzzielen ohne Möglichkeiten der Teilhabe unter weitgehender Vernachlässigung ihrer Bedürfnisse. Wir wollen den politischen Rahmen dafür setzen, dass digitale Arbeit und deren Bedingungen verhandelt und vereinbart werden müssen. Ebenso gehen wir davon aus, dass soziale Standards guter Arbeit auch für die digitale Arbeit gelten. Dies gilt für die Mitbestimmung genauso wie für die tarifvertragliche Bindung oder den Kündigungsschutz. Um dies zu gewährleisten, bedarf es einer Weiterentwicklung des Arbeitsrechts und der Mitbestimmung, um Regelungslücken, die durch die Digitalisierung entstehen zu schließen.

> Doris Aschenbrenner ist Dipl. Informatikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Telematik e.V. Darüber hinaus ist sie netzpolitische Sprecherin der Bayern SPD.

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