SEMI Europe/CIS Russischer Halbleitermarkt im Aufbau

Redakteur: Holger Heller

Die russische Regierung setzt mit Investitionen aus Eigenmitteln und der Hoffnung, dass ausländische Technologieunternehmen ihr Engagement mit einbringen, alles daran, ein Entwicklungsprogramm für die bisher vernachlässigte Halbleiterindustrie im eigenen Land zu etablieren.

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Der lang erwartete Aufschwung des russischen Halbleitermarkts stützt sich auf Hilfen der russischen Regierung, mit denen Elektronik-Entwicklungsvorhaben für Staatsprogramme vorangetrieben werden sollen. Dazu ist die Volumenproduktion von Halbleiterbausteinen vor Ort erforderlich. Vier dieser Programme beziehen sich auf die Medizintechnik, Bildung, den Wohnungsbau und die Landwirtschaft. Mit dem raschen Wachstum der Telekommunikation, dem vollständigen Übergang vom analogen zum digitalen Rundfunk bis zum Jahr 2015, dem russischen Global Navigation System (GLONASS), das im Jahr 2009 für die zivile Nutzung an den Start gehen soll, und den immensen Marktzuwächsen bei der Consumer-Elektronik, stehen die Aussichten für eine Halbleiterfertigung im eigenen Land nicht allzu schlecht.

Mit Mikron, dem größten russischen Halbleiterhersteller und Tochterunternehmen von Sitronics Microelectronics, wurde im Jahr 2006 ein Projekt ins Leben gerufen, dass Unterstützung von STMicroelectronics erhält. Erste Bausteine in 0,18-µm-Technologie sollen Ende 2007 aus dem Werk in Zelenograd auf den Markt kommen. Das anfängliche Produktionsvolumen beträgt laut Heinz Kundert, President der SEMI Europe/CIS, monatlich an die 1700 Wafer in 200-mm-Größe. „Im Laufe der Zeit werden dann weitere Module für die 90- und 65-nm-Fertigung hinzugefügt, von denen jedes Modul mit Investitionen in Höhe von 200 Mrd. US-$finanziert wird“, erklärte Kundert. Die Erweiterung beginnt demnach bereits im nächsten Jahr.

Das Projekt wurde so ausgelegt, dass zu 100% der russische Markt bedient wird. Die geplante Erweiterung der Produktionskapazitäten entspräche laut Kundert den örtlichen Kapazitäten im Bereich IC-Design, dem hervorragenden Entwicklungs-Knowhow der Ingenieure sowie dem prognostiziertem Marktwachstum.

Mit der Foundry Angstrem wird ein zweites Projekt durch Geldmittel der russischen Regierung aber auch durch den CPU-Hersteller AMD unterstützt. Der Ausstoß ist in etwa 3 bis 4 Mal höher als bei Mikron, dafür liegt der Fokus auf dem reinen, weltweiten Foundry-Geschäft mit 0,18-µm-Technologie. Die Geschäftsmodelle bei Angstrem und Mikron verhindern einen direkten Wettbewerb: Technologie und Bausteine unterscheiden sich bei beiden Herstellern. „Der Produktionsstart ist hier für 2008 anberaumt, Erweiterungen auf 90 und 65 nm erstrecken sich bis ins Jahr 2010“, fügte Kundert hinzu. Zu diesem Zeitpunkt sollen dann neben der Fertigung für den weltweiten Markt auch ständige Kapazitäten für den russischen Markt bereitgestellt werden.

Sonderwirtschaftszonen mit Steuervorteilen

Neben den beiden großen Projekten Mikron und Angstrem, die von Moskau aus geleitet werden, werden in der Region Sonderwirtschaftszonen mit staatlich garantierten Zoll- und Steuererleichterungen errichtet. Diese Technoparks erhalten ebenfalls finanzielle Unterstützung seitens der russischen Regierung und sollen u.a. im westrussischen Nizhny Novgorod (mit Investment-Partner aus Malaysia und Technologie-Partner aus Japan) sowie im Moskau-nahen Fryazino entstehen. Beide 300-mm-Anlagen zielen auf die System-in-Package-Fertigung ab – mit unterschiedlichen Applikationen und Märkten. Weitere Projekte in anderen Regionen sind geplant.

Neben der reinen Halbleiterfertigung zeichnen sich auch auf dem Gebiet des IC-Designs immer mehr Aktivitäten ab: Laut Kundert soll über das gesamte Land ein Netzwerk an Design-Centern etabliert werden. In Zelenograd soll außerdem eine Produktionsstätte für Fotomasken und eine Katalogisierungseinrichtung entstehen. Die Gesamtinvestitionen belaufen sich hierbei auf 1 Mrd. US-$.

Nano- und Solartechnik voranbringen

200 Mrd. Rubel (rund 6 Mrd. €) fließen in den kommenden acht Jahren in die Nanotechnologie. Bis Ende dieses Jahres würden bereits 130 Mrd. Rubel zur Verfügung stehen, teilte die russische Regierung mit, die sämtliche Mittel allein aufbringen will. Es wird aber davon ausgegangen, dass sich auch Investoren aus der Industrie diesem Forschungs- und Entwicklungsprojekt anschließen. Die Forschung bezieht sich vor allem auf die Cluster-, Oberflächen- und Halbleiterphysik und soll die Märkte Optoelektronik und Halbleiter in Russland weiter voranbringen.

Russlands Chemieindustrie will indes vom weltweiten Boom der Solarenergie profitieren. Gleich drei Unternehmen planen die Produktion von polykristallinem Silizium, das für die Herstellung von Photovoltaik-Modulen benötigt wird. Auf lange Sicht soll auch in die Fertigung von Wafern zur Energiegewinnung aus Sonnenlicht investiert werden. Zwar war im winter- und rohstoffreichen Russland die Sonnenenergie lange kein Thema. Doch inzwischen wollen sich russische Unternehmer zumindest als Zulieferer für westliche Hersteller von Photovoltaik-Zellen etablieren.

Mitte Dezember 2006 hat die Chemie-Gruppe Nitol ein Investitionsprogramm für die Herstellung von Polysilizium bekannt gegeben. Der Konzern plant bis Ende 2008 in Usolje-Sibirskoje bei Irkutsk eine Produktionskapazität von 600 t, die später auf 800 t ausgebaut werden soll. Dafür sind Investitionen von rund 38 Mio. € vorgesehen.

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