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Skyunited Trauben unter der Rohrleitung

Redakteur: Robert Weber

Zwei ehemalige Lufthanseaten tauschten die Boeing gegen den Kopter und fliegen seit eineinhalb Jahren in Werkshallen und unter freiem Himmel ihre Runden. Die Aufgaben: Leckagen an Rohrleitungen zu finden, Sichtkontrollen an Anlagen durchzuführen oder Hotspots in der Photovoltaikanlage auszumachen. Die Einsätze faszinieren bis heute vor allem die Belegschaft der Kunden – Traubenbildung nicht ausgeschlossen.

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Wenn der Kopter von Skyunited Leckagen im Betrieb aufspürt, dann sorgt die Technik schnell für Aufsehen in der Fabrik.
Wenn der Kopter von Skyunited Leckagen im Betrieb aufspürt, dann sorgt die Technik schnell für Aufsehen in der Fabrik.
(Bild: Skyunited)

Von Drohnen will Sönke Maria Stadermann nichts wissen – viel zu militaristisch und sprachlich negativ besetzt. Der Geschäftsführer von dem jungen Unternehmen Skyunited aus Hamburg spricht lieber von seinen Koptern, wenn er seine Fluggeräte den Kunden oder der Öffentlichkeit präsentiert. Seit 2012 bietet er zusammen mit seinem Geschäftspartner und Freund Jens-Peter Fröhlich Dienstleistungen mit seinen Koptern (Durchmesser von rund 50 cm bis hin zu 1,60 m und wiegen von 2 kg bis zu 11kg.) oder auch RPAS (Remotely Piloted Aircraft Systems) genannten Objekten an und vor allem die Industrie setzt verstärkt auf die neue Technik der früheren Lufthansa-Mitarbeiter. „Mittelständler und Großunternehmen vertrauen auf unsere Expertise“, erklärt Stadermann stolz, der vor zwei Jahren fasziniert aus den USA zurückkehrte und im Drohnen-Markt riesiges Wachstumspotenzial witterte. Einen Billionen-Dollar-Markt prognostizieren mittlerweile auch Finanzanalysten der Technik und die Produktion der Drohnen läuft weltweit auf Hochtouren. Neben dem US-Militär war es im zivilen Bereich vor allem die Traumfabrik Hollywood, die den Durchbruch forcierte. Für atemberaubende Aufnahmen setzten die Filmcrews in der jüngsten Vergangenheit auf die leichten Fluggeräte. Die teure Hubschraubermiete sparen sich seitdem viele Regisseure für Film und Fernsehen ein. Von Hollywood nach Hamburg war es dann nur noch ein kleiner Schritt. Doch Fröhlich und Stadermann fokussierten vor zwei Jahren die reale Welt. Mit ihren Flugobjekten identifizieren sie Schwachstellen in den Rohrleitungen, an Stromtrassen, Windparks oder Fehler in den Photovoltaikmodulen bei Solarparks.

Die Angst vor der Drohne

Doch der industrielle Einsatz der Technik fasziniert nicht minder als wilde Actionstreifen von der US-Westküste. Wenn das Skyunited-Team sein kleines Fluggerät mit 1,05 m Durchmesser und 40 cm Höhe zwischen den Produktionsstraßen aufbaut, dann bildet sich schnell eine Traube von Schaulustigen um den Piloten an der Fernsteuerung und den Operator, der die hochauflösende Kamera unterhalb des Kopters bedient und den Flug mit überwacht. Hilfskräfte aus dem Team sperren ab und verteilen fleißig Handzettel, um die Menschenmenge über den Flug zu informieren und Zweifeln entgegenzutreten. „Wir spionieren nicht, wir fliegen mit einem definierten Auftrag“, erklärt Stadermann. Die NSA-Debatte schürt immer noch Ängste vor Drohnen oder eben Koptern. Der Hanseat beruhigt: „In den Vorgesprächen mit dem Kunden definieren wir mithilfe von Geodaten die Flugroute, programmieren dann den Kopter, richten das Fluggebiet ein und vermessen die definierten Punkte – auch Sperrzonen berücksichtigen wir.“ Bis zu 15 Minuten fliegt der Kopter, dann müssen neue Akkus her. In drei Minuten wechselt der Pilot die Batterien aus.

Auf dem Flug durch die Werkshalle dokumentiert das System den Verlauf der Rohrleitungen. Eine Optris-Wärmebildkamera mit einer Bewegungsfreiheit von 360 Grad schießt Fotos oder filmt den Flug.

Enge Leitungssysteme sind für die Flieger laut Piloten kein Problem, denn die Auflösung der Kamera kann aus bis zu acht m Entfernung scharfe Bilder in Full-HD-Qualität liefern. Auf Gerüste, Leitern und Rüstzeiten kann der Kunde zukünftig verzichten, versprechen die Flieger. Schwierig zu erreichende Rohrverläufe sind für den Kopter kein Problem. Rund 50 bis 80 % Ersparnis gegenüber konventionellen Instandhaltungs- oder Wartungsvarianten versichern die Norddeutschen ihren Kunden. Rund 3000 Euro am Tag kostet das Team samt Kopter. Vor allem Energiemanager, Bauingenieure oder Facility-Beauftragte nutzen die Dienstleistung von Skyunited, denn nach dem Flug reichern Stadermann und seine Mannschaften die Fotos oder Filme bei Bedarf an und liefern dem Kunden 3D-echt Fotomodelle von seinen Rohrleitungen oder der Bausubstanz. Zum Einsatz für das Modelling kommt die Software AGI Soft Foto Scan. Im nächsten Schritt der Verarbeitung setzen die Flieger auf eine Freeware. Cload Compare bietet die Möglichkeit, vorhandene Modelle (sogenannte Punktwolken) quasi übereinander zu legen (Referenzmodell und aktuelle Datei) und dann zu matchen. Durch ein Farbsystem sind dann Unterschiede in den Modellen zu erkennen. Der Vorteil dieses Zusammenspiels: Kleinste Beulen, Risse, Rostschäden und Leckagen können besser erkannt werden. Das Modell kostet nochmal 125 Euro pro Stunde extra. Die generierten Daten des Fluges sind Eigentum des Kunden. Skyunited bevorratet auf Wunsch die Informationen, um in weiteren Flügen direkt auf Vergleichsdaten zugreifen zu können.

Ergänzendes zum Thema
Wärmebildkamera
Leichtgewicht für die Fabrikinspektion

Kopter und Kameras? Ja, warum nicht. Schon früh erkannte die Optris GmbH als Hersteller von berührungslosen Temperaturmessgeräten das Potenzial von Koptern im zivilen Bereich und entwickelte eine entsprechende Wärmebildkamera. Der Vorteil der Kamera liegt auf der Hand: Sie ist extrem leicht und klein. Laut Hersteller ist sie die kleinste messende Wärmebildkamera ihrer Klasse. Mit einer Messgeschwindigkeit von 80 Hz und einer optischen Auflösung von 382 x 288 Pixel liefert sie Echtzeit-Wärmebilder in Höchstgeschwindigkeit. Die Infrarotkamera eignet sich mit einer thermischen Empfindlichkeit von 40 mK speziell zur Detektion minimaler Temperaturunterschiede, was vor allem in der Qualitätskontrolle von Produkten und in der medizinischen Vorsorge unverzichtbar ist, heißt es in einer Produktbeschreibung. Minimale Temperaturunterschiede aufzuspüren gehört zur Aufgabe von Skyunited und deshalb vertrauen die Flieger auf die Lösung aus Berlin und nutzen sie als mobile Anwendung. Die kompakte Infrarotkamera verfügt über einen Temperaturmessbereich von -20°C bis 900°C. „Die Inspektion von Solarfeldern stand im Fokus bei der Entwicklung der Kamera“, erklärt Torsten Czech, Produkt Marketing Manager von Optris, „wenngleich uns die heutigen Einsatzgebiete in der Industrie, Landwirtschaft und Raumvermessung nicht weniger faszinieren.“

Doch nicht nur innerhalb der Fabrikhalle fliegen die Kopter. Auch unterm freien Himmel lohnt sich der Einsatz, so die Anbieter, denn viele Unternehmen nutzen ihr Hallendach als Kraftwerk und installierten in der Vergangenheit Photovoltaik-Anlagen. Die Wartung der riesigen Anlage können die Norddeutschen übernehmen. Das Geschäft mit den Fluggeräten ist begehrt und seit Monaten sprießen die Unternehmen wie Pilze aus dem Boden. Doch Stadermann warnt: Viele Wettbewerber am Markt entpuppen sich als schwarze Schafe, denn sie erfüllen nicht die gesetzlichen Rahmenbedingungen für den kommerziellen Einsatz von Drohnen oder Koptern im deutschen und internationalen Luftraum. Nicht jeder darf mit seinen Fluggeräten durch den Himmel kreuzen. Skyunited muss und hält sich an das strenge Luftfahrtgesetz und muss sich für den Einsatz der großen Kopter mit über fünf kg Eigengewicht Einzelgenehmigungen der Behörden einholen. „Wir waren und sind Lufthanseaten und deshalb setzen wir bei der Sicherheit auf die höchsten Standards“, so Stadermann. Immerhin können die Fluggeräte in bis zu 5000 m Höhe operieren und bis zu 60 km/h schnell fliegen. Neugierige Blicke sind da vorprogrammiert.

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