Technologietransfer

Ukraine: Zertifizierungen im Krieg

| Redakteur: Robert Weber

Beim Stahlgießer Energomashspetsstal wollen die Verantwortllichen auch in Zukunft Energie einsparen.
Beim Stahlgießer Energomashspetsstal wollen die Verantwortllichen auch in Zukunft Energie einsparen. (Bild: EMSS)

Mit der ISO 50001 wollte Deutschland industrielle Entwicklungshilfe in der Ostukraine leisten. Die Zertifizierung steht, Einsparungen waren da, doch der Krieg beendet das Projekt. Firmen sind zerbombt und das politische Kalkül bestimmt den Alltag

Kramatorsk ist Frontstadt. Wenige Kilometer außerhalb der Industriestadt im Donezbecken verläuft die Grenze zwischen der Ukraine und dem von den russischen Separatisten besetzten Gebieten in der Ostukraine. Maschinengewehrfeuer flammt immer wieder auf, Militär und Rebellen liefern sich Scharmützel. Aber die ausgehandelte Waffenruhe hält und die Unternehmen leiden unter dem Schwebezustand. Die Region Donezk war bis 2014 das industrielle Zentrum der Ukraine. Die Schwerindustrie mit ihren Stahlwerken, Kohleschächten und Gießereien dominierte das Wirtschaftsleben und verbrauchte ein Fünftel der Energieressourcen des Landes. Viel zu viel, so Experten der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit. Im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung verfeuert die Ukraine viermal so viel Energie wie die Europäische Union und zählt weltweit zu den Topemittenten von CO2 .

Drei Millionen Euro für die ukrainische Industrie

Rückblick: 2010 verständigte sich die Europäische Union und die Regierung der Ukraine auf eine Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Handel und Energiefragen, denn vor allem die Abhängigkeit des Landes von russischem Gas, sorgte damals die Verhandlungspartner. Das Land rückte näher an den Westen. Auch die Bundesrepublik Deutschland leistete ihren Beitrag und startete ein Energie-Entwicklungshilfeprogramm. Drei Millionen Euro standen bereit, um in Partnerunternehmen jeweils ein Energiemanagementsystem nach ISO 50001 einzuführen. Einsparungen von bis zu fünf Prozent, versprachen sich die Projektpartner – auch ohne große Investitionen, obwohl man insgeheim wohl auch an einen Technologietransfer dachte und deutsches Energietechnikwissen herausstellen wollte. Beim Stahlgießer Energomashspetsstal, ein Unternehmen des russischen Firmennetzwerks Rosatom, stießen die deutschen Ideen auf großes Interesse.

Innerhalb von eineinhalb Jahren implementierte das Team um den Energiemanager Alexandr Vlasenko ein Energiemanagementsystem nach westlichem Vorbild mit Zertifizierung durch den TÜV Thüringen und dessen Partner in der Ukraine. Von Krieg sprach damals noch niemand in Kramatorsk. "Unser Ziel war es, die Energiekosten zu senken, die Emissionen zu verringern und dadurch die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen", erklärt Vlasenko rückblickend. Sein Unternehmen sei in Deutschland sicher EEG befreit, denn es zähle mit seinen Lichtbogenöfen zu den Großverbrauchern in der Region. Vlasenko kennt die Diskussionen in Deutschland und Europa. Seine Kunden seien an einer ISO 50001-Zertifizierung interessiert. Der Exportanteil von Energomashspetsstal liegt bei 20 Prozent. Zusammen mit den deutschen Partnern und Beratern installierte der Konzern 160 Messstellen für Strom, 60 Messstellen für Erdgas, acht Messstellen für Sauerstoff und sechs Messstellen für Druckluft und zwei Messstellen für Stickstoffe. Dazu kommt eine automatisierte Ein- und Ausschaltung der Außenbeleuchtung des riesigen Werksgeländes. Durch die Erfassung der Daten hinunter bis auf eine Maschine, konnten die Ukrainer Energie im zweistelligen Prozentbereich einsparen, heißt es im Abschlussbericht, auch dank Finanzhilfe aus Deutschland.

Lieber Daimler fahren, als in Druckluft investieren

Das Problem, so ein Ukraine- und Russlandkenner sei, dass die Unternehmen generell nur wenig investieren würden und sich die Geschäftsführer oder Eigentümer lieber neue deutsche Autos vor die Bürotür stellen würden, als für Maschinenparks Geld auszugeben. Er vermisse die Eigeninitiative, sowohl auf russischer als auch auf ukrainischer Seite. "Das ist alles noch ganz schön Planwirtschaft. Die Unternehmen warten auf Investoren oder Staatsfonds, die ihnen finanzielle Spielräume ermöglichen." Dazu kommt, die Herausforderung, so die Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, die nötigen investiven Mittel zu akquirieren. In der Ukraine existieren über multi- oder bilaterale Entwicklungsbanken zwar Kreditfazilitäten für Energieeffizienz. Auf Unternehmensseite fehlt jedoch das Know-how, um die erforderlichen Dokumente zur Beantragung von Krediten zu erstellen. Stand 2013. Und dann kam der Krieg. In Slowjansk schlugen die Granaten beim Projektpartner High Voltage Isolators ein und zerstörten weite Teile der Produktion. Krisen- statt Energiemanagement war gefragt, Energomashspetsstal in Kramatorsk blieb verschont. Beobachter vermuten, dass der russische Eigentümer, das Staatsunternehmen Rosatom, einen Beschuss der Produktionsanlagen verhinderte. Die Deutschen ziehen sich zurück. Das Projekt ist gestoppt. Der Abschlussbericht wird getippt. Was bleibt? Die Verantwortlichen von Energomashspetsstal wollen weitermachen, sind Vorbild. Der Energieverbrauch pro Tonne Schmelzstahl soll um 1,8 Prozent reduziert werden, der Stromverbrauch für das Heizen um fünf Prozent und der Gasverbrauch nochmal um fünf Prozent.

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