Arbeit 4.0 bei SEW Vom Gamer zum Dirigenten der Wertschöpfung

Autor: Sariana Kunze

Der Umbruch der Arbeitswelt wird unter dem Begriff Arbeit 4.0 viel diskutiert, denn die Digitalisierung bringt Veränderungen für die Arbeitnehmer mit sich. Das Beherrschen vieler Technologien und kreatives Denken ist wichtiger denn je. Die Unternehmen müssen dabei umdenken und neue Wege gehen. Andre Frankenberg, Talent-Relationship-Manager bei SEW-Eurodrive, sprach mit elektrotechnik über die Umsetzung von Arbeit 4.0.

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Bei SEW Eurodrive werden die Arbeitnehmer im Umfeld von Arbeit 4.0 zunehmend als Dirigenten der Wertschöpfung gesehen.
Bei SEW Eurodrive werden die Arbeitnehmer im Umfeld von Arbeit 4.0 zunehmend als Dirigenten der Wertschöpfung gesehen.
(Phil Roeder, CC BY 2.0, flickr.com)

Andre Frankenberg, Talent-Relationship-Manager bei SEW-Eurodrive, gab elektrotechnik Auskunft über Sichtweise und Umsetzung von Arbeit 4.0 bei dem Antriebshersteller in Bruchsal.
Andre Frankenberg, Talent-Relationship-Manager bei SEW-Eurodrive, gab elektrotechnik Auskunft über Sichtweise und Umsetzung von Arbeit 4.0 bei dem Antriebshersteller in Bruchsal.
(SEW Eurodrive)

Herr Frankenberg, viele Arbeitnehmer sprechen im Zusammenhang mit Arbeit 4.0 häufig über das Horror-Szenario der menschenleeren Fabrik. Was denken Sie darüber?

Wir von SEW-Eurodrive glauben nicht an die menschenleere Fabrik und wir wollen sie auch nicht. Die Angst davor stand schon in den 1980er Jahren, bei der Einführung von CIM im Raum. Auch damals hat sie sich nicht bewahrheitet. Die Rolle der menschlichen Lösungsintelligenz lässt sich durch Technik nicht ersetzten. Im Gegenteil: die Smart Factory stellt unsere Mitarbeiter sogar in den Mittelpunkt. Die Kolleginnen und Kollegen in der Produktion fungieren zunehmend als Dirigenten der Wertschöpfung. Dabei werden unsere Produktionsmitarbeiter in der Fabrik von Morgen mehr und mehr als kreative Entscheider und Problemlöser gefragt sein. Klar, das bedeutet auch gleichzeitig, dass den Mitarbeitern in den Fabriken mehr Verantwortungs- und Gestaltungsfreiraum zugewiesen wird, was vielleicht nicht alle Mitarbeiter unbedingt möchten. Auf der anderen Seite fühlen sich die Mitarbeiter dadurch noch mehr wertgeschätzt und an das Unternehmen gebunden.

Wie macht sich bei SEW-Eurodrive die Digitalisierung für die Mitarbeiter bemerkbar?

Im Rahmen des Projektes „Schaufenster Industrie 4.0“ im Werk Graben-Neudorf bei Karlsruhe erleben unsere Mitarbeiter in der Produktion und Montage schon heute, wie sich die Digitalisierung auf ihre Arbeitsumgebung auswirkt. Mobile Montageassistenten sind via WLAN verbunden und werden zu einem Cyber-Physical-System. Diese selbstfahrenden Werkbanken begleiten und führen den Monteur durch sämtliche Arbeitsschritte in der Montagezelle. Die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt sind aber nicht nur in der Produktion zu spüren, auch die Wissensarbeit wird von der Digitalisierung immer stärker beeinflusst. Es gibt verschiedene Trends, auf die wir beispielsweise mit der Flexibilisierung und Individualisierung unseres Lernangebots reagieren. Das Wissen und das Lernen im „Moment of Need“ ist dabei eine große Herausforderung, die beispielsweise durch den Einsatz digitaler Lösungen bewältigt werden kann.

Welche Chancen sehen Sie für die Arbeitnehmer?

Industrie 4.0 bedeutet eine Investition in Zukunftstechnologien. Am Ende des Tages versprechen wir uns eine noch höhere Produktivität, aber auch das Erschließen von neuen Geschäftsfeldern. Für die Belegschaft ist das ein deutliches Signal, dass sich SEW-Eurodrive weiterhin zum Produktionsstandort Deutschland bekennt und den Arbeitnehmern auch in Zukunft einen sicheren Arbeitsplatz bieten will. Für den Berufsalltag sehe ich die Chance, dass Mitarbeiter immer mehr Technik nutzen werden, die sie auch privat verwenden: Smartphones oder Tablets unterstützen bei der Ausführung von bestimmten Tätigkeiten, indem sie an jedem Ort, zu jeder Zeit notwendige Informationen übermitteln können. Stichwort: Augmented Reality. Unsere Produktionsmitarbeiter werden zudem von den bereits erwähnten Assistenzsystemen körperlich entlastet, da diese Systeme sich an die körperlichen Gegebenheiten des jeweiligen Monteurs anpassen.

Die Belegschaften werden in Deutschland immer älter, die Nachwuchskräfte sind rar. Geht SEW neue Wege bei der Nachwuchs-Rekrutierung?

Bei der Rekrutierung verfolgen wir sowohl neue, als auch alt bewährte Wege. SEW-Eurodrive setzt auch in Zukunft auf Ausbildung und die Übernahme von Absolventen des Dualen Studiums. Darüber hinaus beschäftigen wir jedes Jahr mehrere externe Werkstudenten und Praktikanten, sowie Studenten die bei uns ihre Abschlussarbeit schreiben. Um die sehr guten Studenten ans Unternehmen zu binden, bieten wir zusätzlich das interne Förderprogramm Studentsworld an, welches auf den Berufseinstieg vorbereitet und die Studenten bis zum Ende ihres Studiums finanziell unterstützt. Des Weiteren sind wir sehr aktiv auf Karriere- und Hochschulmessen und bauen unsere Arbeitgebermarke stetig aus. Auf Fach- und Industriemessen, aber auch auf Kongressen, Foren und Konferenzen gehen wir zudem aktiv auf interessante Menschen zu und erweitern so unser Netzwerk zu externen Ingenieuren und Informatikern. Sicherlich werden wir auch den internationalen Arbeitsmarkt immer mehr ins Auge fassen.

Klingt eher nach alt bewährten Wegen. Haben Sie ein konkretes Beispiel für einen neuen Weg der Nachwuchsrekrutierung – wie der Gamescom?

Ob wir zukünftig auf der Gamescom unsere Mitarbeiter von Morgen finden, wäre natürlich ein spannendes Experiment – vielleicht lassen wir uns darauf auch mal ein. Ich gebe Ihnen aber Recht, dass vor allem bei der Ansprache von Informatikern neue Kanäle gefunden werden müssen. Für SEW-Eurodrive ist aber vorerst eher eine Messe wie z.B. die CeBIT interessant. Dort gibt es zahlreiche offene Fachforen, auf denen man Kontakte knüpfen kann.

Welche Fertigkeiten werden nach Ihrer Meinung bei dem Nachwuchs zunehmend wichtiger?

In der Produktion benötigen unsere Fachkräfte auch zukünftig eine solide technische Ausbildung, z.B. als Anlagenmechaniker oder Elektroniker. Aufgrund des höheren Automatisierungsgrads sollten natürlich Kenntnisse in der industriellen Kommunikation oder in der Steuerungstechnik Bestandteil der Ausbildung sein. Anders sieht es im Engineeringumfeld aus: hier müssen Ingenieure immer mehr interdisziplinär aufgestellt sein und dabei ein Verständnis von Elektronik, IT und Mechanik mitbringen. Vor allem in unserem Unternehmensbereich Innovation besteht ein zunehmender Bedarf an Ingenieuren mit fundierten Programmierkenntnissen. Eingebettete Systeme mit einer intelligenten Applikationssoftware tragen schließlich immer mehr zur Produktdifferenzierung bei. Die Softskills, kreatives Denken und selbstständige Lösungsfindung sind im Hinblick auf Industrie 4.0 wichtiger denn je.

Sind also unkonventionelle Denker und Gamer die Rising Stars bei Industrie 4.0?

Unkonventionelle Denker werden ja nicht erst seit Industrie 4.0 gesucht. Ich gehe davon aus, dass die meisten Unternehmen Mitarbeiter bevorzugen, die über den Tellerrand schauen können und ihre Kreativität einsetzen, um innovativ zu sein. Mit Industrie 4.0 ist der Tellerrand vielleicht nur etwas größer als zuvor, denn man muss über verschiedene Fachdisziplinen hinweg Lösungen finden.

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Über den Autor

 Sariana Kunze

Sariana Kunze

Fachredakteurin Automatisierung, Vogel Commnications Group GmbH & Co. KG