Exklusivinterview: Big Data vs. Automatisierung?

Wenn IT auf OT trifft – Wie GE das Amazon der Prozessindustrie werden will

Seite: 3/5

Firmen zum Thema

? Und GE Digital will der Amazon der Industrie bei Industrie 4.0 bzw. IIoT werden?

Reimelt: Auch hier unterscheide ich mich. Ich finde in dem Zusammenhang den Begriff Industrie 4.0 nicht besonders passend, weil er uns fokussiert auf das, was wir in Deutschland besonders gut können – nämlich Herstellungsprozesse zu optimieren und zu automatisieren. Aber darum geht‘s nicht mehr. Der nächste Schritt geht weit darüber hinaus. Dafür braucht man eine Plattform. Jetzt frage ich Sie, wo ist das einzige relevante Ökosystem, um so etwas zu entwickeln? Genau, im Silicon Valley. Vor fünf Jahren haben wir uns dort angesiedelt und beschäftigen inzwischen 1800 Mitarbeiter vor Ort. Das Ergebnis ist Predix, die einzige operative Plattform mit 21 000 Entwicklern, 427 Partnern, über 100 Apps, vielen Anwendungsfällen und fast 10 000 Kunden. Wir sind der Meinung, dass wir nicht die Einzigen sein werden, die so eine Plattform anbieten, aber sie brauchen eine relevante Größe, um mit der notwendigen Entwicklungsgeschwindigkeit und den damit verbundenen Kosten mithalten zu können.

Bildergalerie

? Ist das nicht trotzdem Silodenken - auch von Ihrer Seite? Wäre eine neutrale, unabhängige Plattform nicht besser geeignet, ...

Reimelt: Natürlich nehmen wir unsere Predix-Plattform und setzen sie auch auf eine Amazon-Plattform oder auf eine Microsoft Azure. Aber das ist etwas ganz normales. 2012, nach etwa einem Jahr Entwicklung, haben wir festgestellt, dass wenn wir nicht eine komplett offene Plattform-Struktur schaffen, auf der jeder seine Prozesse abbilden und Software und Applikation schreiben kann, werden wir nie relevant sein. Das ist die ganz einfache Lernkurve, die wir aus dem Consumer-Internet mitbekommen haben. Und das ist der Unterschied zu allen anderen. Wir alle vergessen häufig: Die vier genannten US-Unternehmen sind größer als der gesamte deutsche Dax. Das Thema Industrie 4.0 und wie man es hierzulande oft definiert, bezieht sich zu sehr auf die Produktion. Das ist ein zu kleiner Ansatz. Die Fabrik der Zukunft definiert sich neu und wir müssen lernen, dass das über den Herstellungsprozess deutlich hinausgeht. Ob uns das gefällt oder nicht. Wir haben heute einen größeren Erlösstrom durch Service-Dienstleistungen und das Betreiben der Anlage, als durch den Bau einer Anlage. Ein Kunde möchte heute keine Anlage kaufen, sondern Outcome. Er möchte eine Performance-Garantie zum Festpreis über den Lifecycle von 20 und mehr Jahren. Das sehen wir in allen Branchen.

? Sind hierarchische Organisationen, lange Entwicklungszyklen, hoher Qualitätsanspruch bei geringer Fehlertoleranz, wie sie in den Prozessindustrien häufig anzutreffen sind, nicht ein Hemmnis oder wesentlicher Störfaktor?

Reimelt: Im Silicon Valley haben wir gelernt: Um Geschwindigkeit zu gewinnen, muss man simplifizieren. Bei GE nennen wir das Fast Works. Neue Prozesse und Entwicklungsprozesse konzipieren ohne hierarchische Strukturen. Das ist ein Lernprozess, der auf alle zukommt.

(ID:44633558)