Exklusivinterview: Big Data vs. Automatisierung?

Wenn IT auf OT trifft – Wie GE das Amazon der Prozessindustrie werden will

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? Was wird Ihre Kernbotschaft auf der Namur-Hauptsitzung 2017 im November sein?

Reimelt: Nochmals, Digitalisierung wird nicht die Fortsetzung der Automatisierung. Dazu bedarf es offener Strukturen, bei der andere mitmachen, um die rasante Geschwindigkeit der Digitalisierung nicht zu verschlafen. Wir sollten uns alle nochmals hinsetzen und unsere Lehren aus dem Consumer-Internet ziehen. Die offene und harte Diskussion, was dafür wirklich notwendig ist, wird derzeit noch nicht in aller Schärfe geführt. Viele erschrecken vor den gewaltigen Veränderungspotenzialen, die teilweise auf uns zukommen. Mit einem konservativen Ansatz kommen wir da nicht weiter. Wenn wir heute eine Fabrik definieren, dann können wir auf das kleinste Asset runterblicken. Warum aber sollte man sich auf die Bewertung einer Komponente oder eines Prozesses beschränken, wenn deutlich mehr Daten und Informationen zur Verfügung stehen? Warum wollen wir uns limitieren auf die Automatisierung des Prozesses? In vielen Bereichen ist doch die größte Variabilität der Rohstoff. Am Beispiel der Lebensmittelproduktion ist das gut aufzuzeigen: Die Kunst heute Lebensmittel herzustellen ist es, aus ungleichen biologischen Rohstoffen weltweit ein einheitlich gleiches Produkt herzustellen. Der größte Einflussfaktor liegt dabei sicher nicht im Prozess. Ein anderes Beispiel: Wir haben inzwischen Prozesse in 30 Brauereien nur über Big-Data-Analysen optimiert, obwohl man noch vor wenigen Jahren den Brauprozess als Kunst definiert hat. Dabei haben wir die Kennlinien bzw. die Gauß‘sche Verteilung des Fermentations- bzw. Maischetanks reduziert und den Optimierungsprozess in den optimalen Bereich verschoben. Big Data par Excellence.

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? Hört sich spannend an. Was muss passieren, dass diese Themen in der Chemie schneller adaptiert werden?

Reimelt: Wir sind am Anfang einer Reise und das schwierigste dabei ist immer der erste Schritt. Vorsichtige Schritte in der Chemie und anderen Prozessindustrien sind ja nachvollziehbar. Aber wir erkennen, dass viel mehr Unternehmen bereits erste Schritte unternommen haben, als es vielleicht den Anschein hat. Der amerikanische Markt ist in puncto Transformation sicher etwas aggressiver als hierzulande. Das ist auch gut so, solange wir es hier nicht verschlafen.

Herr Prof. Reimelt, vielen Dank für das Gespräch.

Dieser Beitrag ist zuerst auf dem Portal unserer Schwesternmarke PROCESS erschienen.

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