Interview zur Industrie 4.0 Standard-Debatte „Wille zum Kompromiss kann RAMI und IIC zusammenbringen“

Autor Sariana Kunze,

Wettbewerber oder Partner? Über das IIC wird viel diskutiert. Vor allem die Standard-Debatte um die Referenzarchitekturen RAMI 4.0 und IRA reißt nicht ab. Viele Lösungsansätze scheinen vorstellbar, doch wann und ob das IIC und die Plattform Industrie 4.0 zusammenarbeiten, steht in den Sternen. Die elektrotechnik-Redaktion hat deshalb mit dem „Mann im Auge des Sturms“, Dr. Peter Adolphs, über seine Sicht der Dinge zur Industrie 4.0 Standard-Debatte gesprochen.

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( Shaking Hands / Vincent Diamante, flickr.com / BY-SA 2.0)

Dr. Adolphs, als Geschäftsführer bei Pepperl+Fuchs, Mitglied im ZVEI-Führungskreis Industrie 4.0, Sprecher AG 1 für die Plattform Industrie 4.0 und Vorsitzender des Ausstellerbeirates SPS IPC Drives stecken Sie ja sozusagen im Mittelpunkt des Geschehens, wenn es um die aktuelle Diskussion um Industrie 4.0 Standards geht. Wie ist der aktuelle Stand?

Das Thema Industrie 4.0 ist nicht nur in aller Munde, sondern es ist deutlich erkennbar, wie Fortschritte erreicht werden. Ein wesentlicher Meilenstein in diese Richtung ist sicherlich das Referenzmodell RAMI 4.0, welches nach hartem Ringen als Standard in der kompletten deutschen Industrie anerkannt wird. Dabei ist es mir wichtig zu betonen, dass es uns erstmals gelungen ist, die starke Automatisierungsindustrie, vertreten durch den ZVEI, mit den großen IT-Unternehmen an einen Tisch zu bekommen und ein gemeinsames Statement abzugeben. Dies sollte man trotz aller Kritik, dass alles noch viel schneller und besser sein könnte, nicht vergessen.

Ein Artikel des Manager Magazins berichtete, die Referenzarchitekturen der Industrie 4.0 Plattform und des IICs seien nahezu deckungsgleich und die deutschen Standards würden sich durchsetzen. Als Falschmeldung von elektrotechnik.de enttarnt, wurde diese Neuigkeit in den Sozialen Medien schnell als Ente 4.0 betitelt. Auf der Vorpressekonferenz zur SPS IPC Drives sprachen Sie über die große Diskussion mit den Amerikanern und dass Deutschland klare Vorstellungen von der Automatisierung der Zukunft hat. Vorstellungen, die sich nicht mit denen der Amerikaner decken. Was sind für Sie die gewichtigsten Unterschiede?

Fest steht, dass mit RAMI 4.0 und dem amerikanischen IIRA zwei Referenzarchitekturen im Frühjahr veröffentlicht wurden. Wir haben uns in diversen Gremien der Plattform Industrie 4.0 mit IRA beschäftigt und sind zu der Erkenntnis gekommen, dass grundlegende Ideen in beiden Konzepten durchaus kompatibel sind. Ein ganz wesentlicher Unterschied ist das Ziel beider Architekturen. IRA adressiert sämtliche IoT-Aktivitäten von Smart Home über Smart Car bis zur Industrie, weil es aus Sicht von Softwareanbietern geschrieben ist, die primär die überlagerte Cloud-Software im Auge haben. Wir hingegen kommen aus der konkreten Erfahrung der produzierenden Industrie und haben diese in einen IoT-Ansatz eingebaut, der ausschließlich auf die produzierende Industrie zielt. Insofern sehe ich RAMI durchaus als eine Fokussierung der grundlegenden IoT-Ansätze auf die Belange der produzierenden Industrie.

Vorstellungen von der Automatisierung der Zukunft sind gut, aber haben die deutschen Unternehmen auch eine Vorstellung von neuen Geschäftsmodellen?

Sicherlich stehen wir damit noch am Anfang. Das liegt aber auch daran, dass wir als Automatisierer es üblicherweise mit geschlossenen Anlagen zu tun haben, wo alle Komponenten und Aggregate einem Eigentümer gehören. In einem solchen Set-up sinnvolle neue Geschäftsmodelle zu finden, mit denen man Geld verdienen kann, ist nicht einfach. Deshalb müssen wir meines Erachtens über das klassische Umfeld der geschlossenen Fabrik hinaus blicken. Ein Ansatz wäre sicherlich das Aufsetzen von automatischen Geschäften zwischen Fabriken verschiedener Eigentümer mit automatischen Bieter-Verfahren. Ich glaube aber, dass sehr viel einfachere Ansätze zunächst Realität werden.

Glauben Sie, dass wegen der Unterschiede ein gemeinsamer Standard mit dem IIC überhaupt möglich ist?

Ich meine, dass man mit ein wenig Willen zum Kompromiss RAMI und IIC zusammenbringen kann. Es müssen zum einen die grundlegenden Spielregeln für die gesamte IoT-Welt definiert werden und zum anderen die Präzisierung der Architektur für die Fabrikhalle beschrieben werden.

In welchen Bereichen liegt Deutschland vorne, in welchen das IIC?

RAMI hat die viel engere Bindung an die produzierende Welt und ermöglicht einen sanften Übergang von den heutigen Lösungen auf Industrie 4.0. Zudem beinhaltet RAMI das Thema Produkt-Lebens-Zyklus und die Verwaltung der Daten entlang des ganzen Zyklus. Diese Funktionalität des PLM ist notwendig für komplexe und langlebige Industrieanlagen. In anderen Bereichen ist dies vielleicht verzichtbar.

Das IIC bietet das umfassendere Modell im Hinblick auf die Einbindung in die übergreifende Struktur. Ein Kühlschrank, der in einer I4.0 Fabrik gefertigt wird, soll ja später in die Domain Smart Home übergeben werden. Zudem wird beim IIC das Thema Resilienz sehr ausführlich betrachtet. Dabei geht es um Methoden, die dafür sorgen, dass die Gesamtfunktionalität auch bei Ausfall von Teilen noch richtig funktioniert. In beiden Punkten könnten wir von dem IIC profitieren.

Das IIC fokussiert ja nicht die Produktion, sondern Mobilität, Energie oder Logistikbereiche – warum zieht sich die deutsche Plattform dort zurück, wenn doch autonomes Fahren für die Automobilindustrie ein wichtiges Forschungsfeld ist und die Wertschöpfungsketten noch enger geknüpft werden?

Deutschland schaut nicht primär mit der Brille des Generalisten aus der IT, sondern eher mit der Brille des Spezialisten für die jeweilige Domain. Die Plattform I4.0 adressiert dabei die produzierende Industrie, für Energie gibt es mit Smart Grid Aktivitäten mit Spezialisten aus diesem Feld. Ich denke, dass sich dieses Vorgehen bewährt hat und zu sehr angepassten Lösungen für die verschiedenen Felder führt. Warum sollten ausgerechnet wir Automatisierer jetzt die Lösung auch für Smart Grid erarbeiten.

Am Ende entscheiden die Use-Cases, bekommen wir immer wieder zu hören. Glauben Sie nicht, dass sich beispielsweise die IT-Unternehmen und Kommunikationsdienstleister leichter tun, interessierte Unternehmen für erste Anwendungen zu gewinnen?

Ich denke, dass ein Anwendungs-Scenario umso interessanter ist, je mehr unterschiedliche Firmen involviert sind. Ich glaube weder an reine IT Lösungen noch an reine Automatisierungslösungen. I4.0 lebt davon, dass beides zusammenwächst und zusammengehört.

Wie bewerten Sie die Aussage: die deutsche Lösung ist technisch ausgereift, es fehlt an Faszination und Kommunikation?

Das ist sicherlich bezogen auf die öffentliche Wahrnehmung durchaus richtig. Vielleicht haben wir es versäumt, neben der Basisarbeit auf technischer Ebene begleitend die Vorteile in leicht verständlicher und medienwirksamer Art und Weise darzustellen. Dies wird aber eine der wesentlichen Aufgaben der Geschäftsstelle der neuen Plattform sein und ich bin ganz zuversichtlich, dass wir damit nach und nach auch die Öffentlichkeit erreichen.

Ebenfalls auf der Vorpressekonferenz der SPS IPC Drives sprachen Sie davon, dass die Plattform Industrie 4.0 das Fenster nutzen müsse, um Gespräche mit dem IIC zu führen. Welches Ziel verfolgt die Plattform mit diesen Gesprächen?

Wir werden versuchen auszuloten, wie groß der Wille zu einem Kompromiss auf beiden Seiten ausgeprägt ist und dann entscheiden, ob wir kooperieren und ggf. wie. Wir gehen in diese Verhandlungen nicht als Bittsteller, sondern auf Augenhöhe mit einem gut gefüllten technischen Rucksack. Es würde mich sehr freuen, wenn das IIC dies genauso sieht und wir damit losgelöst von politischen Fragestellungen die technisch beste Lösung gemeinsam vorantreiben können.

Am 14. September 2015 stellte der ZVEI in einem Pressegespräch den Schlüssel für die vernetzte Fabrik vor: Die Verwaltungsschale. Was ist das Konzept und der Zweck dieser Schale?

Die Verwaltungsschale ist quasi ein Interface zwischen der Komponente (z.B. Sensor oder Aktor) und der I4.0 Welt. Es ist ein Stück IT, wo alle Daten über den kompletten Lebenszyklus eines Produktes gespeichert werden und auf Service-Anfrage aus der Cloud reagiert wird. Sie bildet also die drei oberen Level des RAMI Modells für die individuelle Komponente ab. Dabei sieht das Modell vor, dass die Verwaltungsschale sowohl innerhalb eines Automatisierungsgeräts mit enthalten ist, sie kann aber auch auf einem beliebigen Rechner in der Cloud liegen. Vor dort würde dann eine I4.0 Anfrage an die zugehörige Komponente beantwortet werden, ohne dass der Anfragende dies bemerken würde. Durch diese Öffnung des Modells können wir auch sehr preiswerte Komponenten in das Schema mit hineinnehmen, für die eine eigene Realisierung der Verwaltungsschale im Gerät ökonomisch nicht sinnvoll ist.

Industrie 4.0 ist schon kein internationaler Begriff, aber durchaus im englischsprachigen Raum les- und sprechbar. Bei Verwaltungsschale wird es allerdings schwierig. Gibt es Ansätze, den Begriff Verwaltungsschale zu internationalisieren?

Die offizielle englische Vokabel ist „administration shell“.

Existiert eine englischsprachige Übersetzung der RAMI40?

Das Kapitel 6 der Umsetzungsstrategie wurde von der VDI/GMA ins Englische übersetzt und liegt auf deren Homepage zum Download bereit.

Software eats the world – warum also nicht die Industrie? Und: Sind wir in Deutschland bei der Software wettbewerbsfähig gegenüber IIC-Unternehmen?

Wir werden sicherlich in unserer Branche noch sehr viel Software-Kompetenz aufbauen müssen, das steht außer Frage. Aber Automatisierung ohne spezifische Automatisierungskomponenten wie Sensoren, Antriebe, Aktoren usw. wird es auch nicht geben. Insofern hängt es davon ab, dass wir die Zusammenarbeit zwischen beiden Branchen anschieben und dauerhaft in Deutschland ansässig machen können.

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