Würth Elektronik „Wo drückt der Schuh?“

Redakteur: Kristin Rinortner

Bei der Auswahl von Bauelementen sind neben technischen Faktoren vor allem finanzielle ausschlaggebend. Besonders kleine Unternehmen leiden zudem unter langen Lieferzeiten und schlechtem Service seitens der Lieferanten. Das ist bei Würth Elektronik anders. Das Unternehmen weitet sein Konzept jetzt auch auf die Elektromechanik aus und hat damit ein großes potenzielles Marktsegment entdeckt.

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Der Name Würth ist nicht erst seit kurzem ein Begriff für innovatives fränkisches Unternehmertum. Im Jahr 1945 gründete der „Schrauben-Würth“ Reinhold Würth das gleichnamige Hohenloher Unternehmen, in dem heute weltweit 67.000 Mitarbeiter tätig sind.

Ab 1962 wurde das Portfolio auf Handwerk, chemische Artikel und Maschinen erweitert, in Holland die erste internationale Niederlassung eröffnet, Firmen dazugekauft und schließlich 1976 das Tochterunternehmen Würth Elektronik gegründet.

Messgeräte und Leiterplatten aus der Badewanne

Die erste Geschäftsidee für die Würth Elektronik (WE) war, Messgeräte zu verkaufen. „Kannscht mir g’schwind au a Leiterplatte dazu mache?“, diese Frage kam immer öfter von Kunden. Und die Hohenloher „machten“ die Leiterplatte dazu – in der Badewanne. So „lief der Geschäftsbereich besser als erwartet“ und wurde ausgebaut. Dazu kamen die Press-Fit-Technologie und die eiSos-Gruppe, die passive und elektromechanische Bauteile entwickelte und vertrieb. 1993 konzentrierte man sich dort auf das Thema EMV. „Wir hatten in dem Bereich bereits fünf Jahre entwickelt und wussten, das wird das Thema der Zukunft, nicht nur von der Gesetzgebung her“ erklärt Oliver Konz, Geschäftsführer bei Würth Elektronik.

Von der Baracke zum internationalen Unternehmen

Angefangen hat Konz damals mit zwei Mitarbeitern im Innendienst, er war der dritte, und drei Mitarbeitern im Außendienst in einer schon etwas baufälligen Baracke. Die kann man übrigens heute noch als Modell begutachten. Derzeit sind in der Elektronikgruppe knapp 8000 Mitarbeiter beschäftigt, die einen Umsatz von 400 Mio € generieren. Die Ausbildungsquote beträgt 17%.

Konz selber kam neu zu Würth Elektronik, er kannte den Markt der passiven Bauelemente und die japanischen Konkurrenten „von der anderen Seite“. „Ich war einmal ein Kunde und habe alles durchlitten und weiß, wie schwer es für einen Konstrukteur oder Entwickler ist“, meint er.

Natürlich sei es ein Risiko, etwas mit einem kleinen Team komplett neu aufzubauen. „Da kannst Du nur verbessern“, das war „mein Ansporn mitzumachen“ bemerkt er. Und zu verbessern gab es in der Tat einiges.

Servicegedanke bei passiven Bauelementen

Bild 1: Sortiment passiver Bauelemente bei Würth (Archiv: Vogel Business Media)

Die Abnehmer passiver Bauelemente bekamen von den Herstellern so gut wie keinen Service, profundes Grundlagenwissen war nicht vorhanden. Hier setzte auch das neue Konzept von Würth an: „Wir gehen als Hersteller direkt an die Kunden“, erklärt der Geschäftsführer. Man entwickle und fertige Produkte nach Kundenanforderungen, das sei eine wichtige Grundvoraussetzung. „Jeder Prozess wird dem Kunden untergeordnet, der wichtigste Punkt ist immer, dass der Kunde zufrieden ist. Das ist natürlich sehr aufwändig und bis heute sehr unüblich.“

Dahinter stehen ein ausgefeiltes Logistikkonzept, effiziente Lagerhaltung und funktionierende flexible Produktionsprozesse. Immerhin liefert Würth Elektronik innerhalb von 24 h aus, bietet umfassenden Service und hat zudem eine niedrige Reklamationsrate.

Verbindungstechnik mit großem Potenzial

Bild 2: Seit zwei Jahren konzentriert sich Würth Elektronik auf die Elektromechanik (Archiv: Vogel Business Media)

Seit zwei Jahren konzentriere man sich zunehmend auf die Elektromechanik, erzählt der Geschäftsführer. Man hätte zwar seit 1984 die Sparte Verbindungstechnik im Portfolio, die Leiterplatten und Befestigungstechnik wie Kabelbinder, Abstandshalter umfasste. Aber so richtig beachtet wurde das nie. „Der Bereich ist einfach mitgewachsen“, erzählt Konz. 1999 kaufte man den französischen Steckverbinderhersteller Radialex, und übernahm die Distribution von Spezialsteckverbindern (Jäger). 2003 entschied die Geschäftsführung, in diesem Bereich nach dem gleichen Modell wie bei den passiven Bauelementen zu verfahren.

Der Kunde aus der Schublade

Kundenanalysen haben ergeben, dass die meisten (klein- und mittelständischen) Unternehmen in der Elektromechanik Schwierigkeiten mit den Lieferzeiten sowie technische und Designprobleme hätten, sagt der Geschäftsführer. Es sei nicht möglich, adäquate Bauteile – egal bei welchem Hersteller – zu bekommen.

„Wir sind überrascht, in der Elektromechanik gibt es einen großen Bedarf hinsichtlich Schnelligkeit und Flexibilität. Große Herstellerfirmen legen eine Art Ignoranz an den Tag, der Kunde wird in Schubladen gesteckt“, kommentiert Konz.

An erster Stelle der Problemliste der Kunden stünden Lieferzeiten und mangelnder Service. Auch würden Klein- und Mittelständler und auch manche große Unternehmen nicht unbedingt im Fokus der Lieferanten stehen. „Wir machen das anders“, konstatiert Konz. Warum? „Bisher hat noch keiner festgestellt, dass man sich auch um den Rest kümmern muss.“

Der Kunde kommt von allein

Man kündige keine Produkte ab und gebe eine fünf bis zehnjährige Garantie auf die Verfügbarkeit. „Der Kunde kommt dann von allein“, da ist Konz zuversichtlich.

Der Anteil der großen Kunden bei Würth Elektronik liegt unter 50%, man sieht sich vorrangig als Partner für Klein- und mittelständische Unternehmen. Spezialteile werden nicht gefertigt, dafür gibt es ein umfangreiches Standardprogramm, das in engem Dialog mit den Kunden erstellt wird. „Würth Elektronik trägt dabei das Risiko, denn wenn eine Linie ein Flop wird, sind ein Batzen Geld und Zeit in den Sand gesetzt“ kommentiert der Firmenchef. Das sei aber noch nicht passiert, fügt er lächelnd hinzu.

„Ich denke, wir haben einen neuen Markt gefunden, der vorher auch bedient wurde, aber nicht in dem Maß, wie es notwendig wäre. Unsere Kunden sind jedenfalls zufriedener.“

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