Kleine Losgrößen im Griff Flexible Steuerungsarchitekturen für Automatisierungssysteme

Autor / Redakteur: Alexander Verl, Martin Naumann / Reinhard Kluger

Abstraktionsschichten erübrigen manuelles Konfigurieren. So bei einer Plug&Produce-Zellensteuerung, die Geräte mit verschiedensten Schnittstellen und unterschiedlichsten Kommunikationsprotokollen integriert.

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Auf unterster Ebene wird die Kommunikation abstrahiert, d.h. es wird per Schnittstelle eine einheitliche − vom verwendeten Kommunikationsprotokoll unabhängige − Kommunikation mit den angeschlossenen Geräten ermöglicht. Die spezifischen Geräteschnittstellen der nächsthöheren Ebene sind soweit zu abstrahieren, dass die Steuerung auf Geräte mit gleicher Funktionalität einheitlich zugreifen kann.

Steuerungen, die Kernkomponenten moderner Automatisierungs- und Fertigungsanlagen, entscheiden wesentlich über den wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg eines Anlagenherstellers. Die Integration immer komplexer werdender Sensorik und Aktorik in Automatisierungssystemen stellt neue Anforderungen an die Leistungsfähigkeit und Flexibilität der verwendeten Steuerung. Eine Entscheidung für den Einsatz einer Steuerungsarchitektur wirkt sich daher langfristig auf die Unternehmensentwicklung aus und ist unter strategischen Gesichtspunkten zu treffen. Weil die Anzahl von Anbietern konkurrierender Steuerungskomponenten unüberschaubar ist, ist es jedoch schwierig, den Überblick zu behalten. Hinzu kommen der rasante Fortschritt bei Hard- und Software und zunehmende Synergien mit der PC-Welt. Steuerungsaufgaben, die vor wenigen Jahren noch spezielle Hardware erforderten, lassen sich heute quasi nebenher auf einem Standard-PC ausführen. Zeitkritische Kommunikation, die früher über dedizierte Feldbusse lief, lässt sich heute schneller mit auf Ethernet basierenden Protokollen und Standard-Hardware ausführen.

Die Herausforderung für den Maschinenbauer

Viele Unternehmen stehen deshalb vor der Herausforderung, eine geeignete Steuerungsarchitektur für ihre Produkte zu konzipieren, die neben der eigentlichen Steuerungsaufgabe folgende Anforderungen erfüllt:

  • Flexibilität: alle gegenwärtigen und zukünftigen Steuerungsaufgaben können gelöst werden.
  • Geringer Entwicklungsaufwand: der Steuerungsentwickler kann sich um die eigentliche Steuerungsaufgabe kümmern und benötigt nur wenig Entwicklungszeit für die Implementierung und Konfiguration von Standardkomponenten wie z.B. Treibern für Kommunikationsprotokolle.
  • Offenheit: die Einbindung von externen Modulen, wie z.B. vorhandenen Datenbanken oder proprietären Algorithmen ist problemlos und mit wenig Aufwand möglich.
  • Zukunftssicherheit: zukünftige Entwicklungen wie z.B. schnellere Prozessoren oder neue Kommunikationsprotokolle können genutzt werden.
  • Versorgungssicherheit: benötigte Komponenten werden von mehreren alternativen Lieferanten angeboten.

Eine Lösung, die alle genannten Anforderungen gleichermaßen vollständig erfüllt, existiert in der Praxis leider nicht. Deshalb muss jedes Unternehmen individuell entscheiden, welche Prioritäten gesetzt werden sollen. Allerdings gilt, dass die Einhaltung der Best-Practise-Prinzipien »Modularisierung«, »Dezentralisierung« und »Abstraktion« die Steuerungskomplexität stark reduziert und die resultierenden Steuerungsarchitekturen die oben genannten Anforderungen bestmöglich erfüllen. Deshalb sollen diese Prinzipien im Folgenden erläutert und anhand von Realisierungen am Fraunhofer IPA veranschaulicht werden.

Modularisierung nach dem Prinzip Best-Practise

Unter Modularisierung versteht man das Aufteilen eines Gesamtsystems in Teilsysteme, die Module. Diese haben eine Schnittstelle und kapseln ausgewählte Funktionalitäten. Eine gute Modularisierung erzeugt Teilsysteme mit schlanken Schnittstellen. Die Teilsysteme haben klar definierte Aufgaben, zu deren Erfüllung nur geringe Interaktion mit anderen Teilsystemen erforderlich ist. Die Kommunikation zwischen den Teilsystemen ist daher auf ein Minimum reduziert. Auf eine Steuerungsarchitektur übertragen bedeutet dieses Prinzip, dass unterschiedliche Steuerungsaufgaben auf verschiedene über Schnittstellen kommunizierende, ansonsten gekapselte Steuerungsprogramme aufgeteilt werden.

Vorteile der Modularisierung sind eine reduzierte Komplexität des Gesamtsystems, ein gegenüber monolithischen Steuerungsarchitekturen reduzierter Entwicklungsaufwand durch Wieder- und Mehrfachverwendung von eigenen Modulen sowie durch die einfache Integration externer Module an standardisierten Schnittstellen.

Das Best-Practise-Prinzip Dezentralisierung

Dezentralisierung ist die konsequente Fortführung von Modularisierung. Unter Dezentralisierung versteht man die Verteilung einer modularen Steuerungsarchitektur auf separate Hardwareplattformen. Deshalb stellt eine dezentrale Steuerungsarchitektur weit höhere Anforderungen an die Schnittstellendefinition, da nicht nur die Repräsentation der Informationen einheitlich festgelegt werden muss, sondern auch deren Kommunikation.

Der Hauptvorteil einer dezentralen Steuerungsarchitektur ist der einfache Austausch von Komponenten, ohne Änderungen an den jeweiligen Steuerungsprogrammen vornehmen zu müssen. Ein weiterer Vorteil ist eine höhere Gesamtanlagenverfügbarkeit, da der Ausfall einer Steuerung nicht zwangsläufig zum Ausfall des Gesamtsystems führt.

Die Best-Practise-Prinzip Abstraktion

Abstraktion ist entscheidend zur erfolgreichen Realisierung von modularen Steuerungsarchitekturen. Unter Abstraktion wird das Weglassen unwesentlicher Einzelheiten mit dem Ziel einer allgemeinen Darstellung verstanden. Abstraktion wird angewendet bei der Definition von Schnittstellen modularer Steuerungsarchitekturen. Schnittstellen sollten so allgemein wie möglich definiert werden, um die Anzahl unterschiedlicher Schnittstellen zu reduzieren und dadurch die Möglichkeit zur Wiederverwendbarkeit von Modulen zu erhöhen. Je nach Abstraktionsniveau einer Schnittstelle kann z.B. erreicht werden, dass Daten zwischen verschiedenen Hardwareplattformen ausgetauscht werden können, Steuerungsprogramme unabhängig von den verwendeten Kommunikationsprotokollen verwendet werden können oder Aktoren unabhängig von der Art der Betätigung angesteuert werden können.

Die Kombination der Best-Practise-Prinzipien Modularisierung, Dezentralisierung und Abstraktion ergibt flexible, offene Steuerungsarchitekturen zur Realisierung konkreter Steuerungsaufgaben mit geringem Entwicklungsaufwand. Die zwei im Folgenden beschriebenen, am Fraunhofer IPA realisierten Steuerungsarchitekturen für Automatisierungslösungen illustrieren diese Vorteile.

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