Bessere Menschenkenntnis durch Gesichterlesen

Was das Gesicht uns alles erzählen kann

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Körpermerkmale liefern nur erste Hinweise

Beim Gesichterlesen sollte man laut Scheible aber stets zweierlei bedenken. Erstens: Die aus Körpermerkmalen abgeleiteten Informationen sind nur Indikatoren für bestimmte Wesensmerkmale. Und zweitens: Aus einzelnen Merkmalen sollte man keine absoluten Schlüsse ziehen wie: Wer pralle Lippen hat, ist sinnlich. Erst die Gesamtsicht eines Gesichts ermöglicht gewisse Tendenzaussagen. „Deshalb sind Falten auf Herr Wilkes Stirn allein auch noch kein Beleg für dessen Durchhaltevermögen.“ Denn neben der Stirn gibt es zwei weitere Gesichtsregionen, die es beim Gesichterlesen zu betrachten gilt - „die mittlere Region, die von Augen bis zur Nase reicht, und die untere Region, die unter anderem Mund, Kiefer und Kinn umfasst.“

Für Physiognomiker weist eine Stirn, die die Wahrneh-mung dominiert, so Scheible, unter anderem auf ein hohes Abstraktionsvermögen und einen eher logisch-rationalen Denkstil hin. Menschen mit einer dominanten mittleren Gesichtszone hingegen gelten als besonders gefühlsbetont. Außerdem haben sie ein Gespür fürs Machbare. Und Menschen mit einer dominanten unteren Gesichtspartie? „Das sind die sogenannten ‚Dynamiker’, die oft sehr impulsiv reagieren und die typischen Macher-Eigenschaften zeigen.“

Gesichterlesen gemeinschaftlich ausprobieren

Im Seminarraum bricht Unruhe aus. Die Teilnehmer betrachten sich in den vor ihnen stehenden Spiegeln und fragen ihre Tischnachbarn: „Welche Gesichtspartie dominiert bei mir?“ „Als was für einen Typ würdest du mich einschätzen?“ Dabei blicken sie immer wieder auf die Merkblätter, die Scheible verteilte. Auf ihnen sind die verschiedenen Körpermerkmale nebst den Persönlichkeitsmerkmalen, auf die sie nach Auffassung der Physognomiker hindeuten, aufgelistet.

Eine Zeit lang lässt Scheible die Teilnehmer gewähren. Dann sagt er: „Lasst uns das Gesichterlesen mal gemeinsam ausprobieren“. Anschließend fragt er Wilke, ob er bereit sei, auf dem „heißen Stuhl“ in der Mitte der in U-Form aufgestellten Tische Platz zu nehmen und der erste Kandidat zu sein. „Warum nicht“, erwidert Wilke nach kurzem Zögern. „Ich glaube das ja ohnehin nicht.“

Wenige Augenblicke später sitzt Wilke auf dem heißen Stuhl. Neun Augenpaare starren auf ihn. Das verunsichert den Maschinenbau-Ingenieur offensichtlich. Unruhig rutscht er auf dem Stuhl hin und her. „Also, Tobias“, mel-det sich dann der Versicherungsmakler Alex Garcia zu Wort. „Ich würde sagen, du beherrscht und magst deinen Job, und bist ein guter Teamplayer.“ Dann folgt eine Pau-se von drei, vier Sekunden, bevor Garcia hinzufügt: „Aber manchmal bist du etwas besserwisserisch. Oder?“ Wilke schaut Garcia erstaunt an. Dann erwidert er: „Zumindest sagt das meine Lebenspartnerin ab und zu.“ Dabei schaut er Sarah Gliesing mit einem breiten Grinsen an. Beide lachen. „Aber wie kommst du darauf“, fragt Wilke Garcia neugierig. Der Versicherungsmakler schloss dies unter anderem aus dem eher spitzen Kinn von Wilke und der stark ausgeprägten Jobfalte – so wird die tiefe Falte auf Wilkes Stirn, oberhalb seines rechten Auges genannt.

Noch ungefähr zehn Minuten sitzt Wilke auf dem „heißen Stuhl“. Und die anderen Seminarteilnehmer äußern immer mehr Vermutungen über seine Persönlichkeit. Da ist zum Beispiel der relativ geringe Abstand zwischen der schmalen langen Nase und den dünnen Lippen. Auffallend sind zudem die eher tief sitzenden und zudem eng beieinander stehenden Augen. Alle diese Elemente deuten auf gewisse Persönlichkeitsmerkmale hin. Das Fazit der Seminarteilnehmer: Wilke scheint eher ein Asket als ein Genießer zu sein. Zudem ist er ein eher intro- als ein extrovertierter Typ. Und vermutlich ist er eher ein Kandidat für eine Spezialisten- als für eine Führungskräftelaufbahn.

Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen

„Erkennen Sie sich in dieser Einschätzung wider“, fragt Scheible Wilke, bevor er ihn vom heißen Stuhl entlässt. „Ja“, antwortet der 32 Jahre alte Maschinenbau-Ingenieur perplex. „Es ist schon erstaunlich, wie viel Zutreffendes über mich gesagt wurde. Dabei sehen mich doch heute alle, außer meiner Lebenspartnerin, zum ersten Mal.“

Dann bittet Scheible Sarah Gliesing auf den „heißen Stuhl“. Eine Minute herrscht Stile, nachdem die Personalberaterin dort Platz genommen hat. Dann klatscht Dietrich Neustädt in die Hände. „Klarer Fall“, ruft der Key-Account-Manager. „Du kannst gut mit Druck und Menschen umgehen.“ Scheible fragt: Warum?

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