Bessere Menschenkenntnis durch Gesichterlesen

Was das Gesicht uns alles erzählen kann

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Neustädt kam zu diesem Schluss, weil aus seiner Warte bei Sarah Gliesing die mittlere Gesichtspartie die Wahrnehmung dominiert. Und der eher große Abstand zwischen Nase und Mund ist für ihn ein Indiz dafür, dass die Personalberaterin gerne Verantwortung übernimmt und sich „durchzuboxen“ weiß. Außerdem hat sie Multitasking-Talente, „das sagt mir die Form der Nase“. „Und der Amorbogen ist bei ihr viel stärker ausgeprägt als bei Tobi-as“, sagt er mit einem Blick zu Wilke, dessen obere Lippe einem Strich gleicht. „Das sagt mir: Sarah kann gut auf andere Menschen eingehen.“

Sarah Gliesing erkennt sich in dieser Einschätzung wieder. Das verrät ihr Blick. Doch bei Wilke haben die Aussagen von Neustädt offensichtlich einen neuralgischen Punkt getroffen. „Stimmt, es fällt mehr oft schwerer als meiner Partnerin, einen Draht zu anderen Menschen zu finden – insbesondere wenn diese keine Techniker sind“, sagt er. Mit diesem Problem kämpfte er als Projektleiter schon oft. „Doch was soll ich dagegen tun“, sagt er resignierend. „Das ist halt eine meiner Schwächen.“

Den Umgang mit anderen Menschen erleichtern

„Wieso dieser resignative Ton?“, fragt Scheible zugleich. „Dass sie andere Stärken haben, bedeutet nicht, dass sie weniger wert sind. Das heißt nur, dass ihnen andere Dinge leichter fallen als ihrer Partnerin – weshalb sie sich vermutlich als Paar so gut ergänzen.“ „Und weshalb du vermutlich Ingenieur und nicht Personalberater wurdest“, wirft Neustädt ein. Alle lachen. Auch Scheible. Dann fährt der Seminarleiter zu Wilke gewandt fort. „Das bedeutet nur, dass sie sich im Kontakt mit Menschen vermutlich schärfer überlegen müssen, wie sollte ich mich verhalten, während ihre Partnerin dies intuitiv richtig macht.“ Und genau dabei kann das Gesichterlesen Wilke helfen. Zum Beispiel, indem er sich, wenn er fremde Menschen trifft, zunächst fragt: Was für ein ‚Typ’ sitzt mir gegenüber und welches Verhalten wäre folglich angebracht, damit ich mein Ziel erreiche?

Das leuchtet Wilke ein. Auch Alex Garcia hat nun offen-sichtlich erkannt, wie hilfreich das Gesichterlesen beim Umgang mit Menschen sein kann. „Schließlich muss ich mir als Versicherungsmakler in Kundengesprächen oft binnen weniger Sekunden ein Bild von fremden Menschen machen.“ Entsprechend löchert er Scheible mit Fragen – ebenso Sarah Gleising, die als Personalberaterin in Personalauswahlgesprächen oft vor einer ähnlichen Herausforderung steht. Geduldig beantwortet der erfahrene Unternehmer- und Führungskräftecoach ihre Fragen. Dabei weist er immer wieder daraufhin hin: „Betrachten Sie die Erkenntnisse, die Sie beim Gesichterlesen gewinnen, als Thesen, die es im Gespräch zu verifizieren gilt.“ Die Teilnehmer sollen die beim Gesichterlesen gewonnenen Erkenntnisse also ähnlich nutzen wie Personalberaterin Gleising die Eindrücke, die sie im Gespräch mit einem Bewerber hat. Auch diese überprüft sie nochmals mit anderen Instrumenten – zum Beispiel mit Tests oder anhand des Lebenslaufs. Erst dann bildet sie sich ein abschließendes Urteil. Und noch einen Tipp hat Scheible für die Teilnehmer parat: „Auch das Gesichterlesen muss man lernen.“ Deshalb empfiehlt er ihnen, dieses im Alltag zu trainieren – zum Beispiel beim Busfahren oder beim Einkaufen oder auf privaten Feiern.

In der abschließenden Feedback-Runde sagt Key-Account-Manager Neustädt: „Ich kam mit sehr gemischten Gefühlen hierher. Doch jetzt glaube ich: Am Gesichterlesen ist was dran.“ Davon war Sarah Gliesing schon zu Beginn des Seminars überzeugt und jetzt noch mehr. Sie befürchtet jedoch: „Einige Menschen werden sich in den nächsten Tagen wundern, warum ich ihnen so ins Gesicht starre.“ Und Tobias Wilke? Er ist fest entschlossen, „künftig gezielter auf die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, als Person einzugehen. Und dabei wird mir das Gesichterlesen helfen.“

* Die Namen der Seminarteilnehmer wurden geändert.

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