Suchen

Im Interview mit Dr. Reinhard Lülff

Kabellose Kommunikation: Vor drei Jahren ein Trend, heute ein alter Hut

| Autor/ Redakteur: Nora Crocoll, Alex Homburg* / Ines Stotz

Bei der zunehmenden Vernetzung im Rahmen von IIoT kommt auch der zuverlässigen kabellosen Kommunikation eine immer zentralere Rolle zu. Ein Trend, den Welotec schon vor Jahren kommen sah.

Firmen zum Thema

Kommunikationsinfrastruktur für die Datenübertragung zwischen Smart-Meter-Gateways und Energieversorgungsunternehmen bzw. Netzbetreibern. Die blau dargestellten Elemente wurden von Welotec realisiert.
Kommunikationsinfrastruktur für die Datenübertragung zwischen Smart-Meter-Gateways und Energieversorgungsunternehmen bzw. Netzbetreibern. Die blau dargestellten Elemente wurden von Welotec realisiert.
(Bild: Welotec)

Mit klarem Fokus auf die Kernbranchen Smart Energy, Smart City, Smart Farming und Smart Industry bieten die Münsteraner heute maßgeschneiderte Lösungen für Funk-Kommunikation und Automatisierung. Geschäftsführer Dr. Reinhard Lülff spricht im Interview über Trends, die er im Verlauf der letzten 20 Jahre in der Branche beobachten konnte, erläutert dabei, weshalb man nicht jedem Trend ndatenachlaufen sollte, warum wohldosierte Change-Prozesse permanent wichtig sind und wie spießig der typische Münsteraner wirklich ist.

Bildergalerie

Wie kommt ein promovierter Chemiker dazu, sich auf Automatisierung zu spezialisieren?

Meine erste Firma habe ich als Jung-Unternehmer direkt nach meiner Promotion gestartet. Sie hieß Inventus Biotec und war ein Start-up mit Fokus auf die Entwicklung von speziellen Biosensoren für die medizinische Diagnostik zum Beispiel bei Diabetes und andere Volkskrankheiten. 1996 habe ich dann zufällig den Gründer meiner jetzigen Firma Welotec kennengelernt, damals war das noch das Ing.-Büro F. W. Wenglorz GmbH. Er suchte einen Nachfolger. Ich fand die Welt der Automatisierung spannend. Herr Wenglorz und ich haben uns gut verstanden. Ich übernahm die Firma. So einfach. Seitdem begeistern mich mein Unternehmen und die Märkte, in denen wir uns bewegen.

Kabellose Kommunikation wird heute im Zusammenhang mit IIoT immer wichtiger. Sie beschäftigten sich schon seit der Jahrtausendwende mit diesem Thema?

Ja, genau. Wenn Sie so wollen, sind wir tatsächlich Pioniere in diesem Bereich. Seit 2000 beschäftigen wir uns damit ‚Dinge‘ zu vernetzten. Angefangen haben wir mit Funkfernsteuerungen und (privaten) Datenfunklösungen. Bereits im Jahr 2004 kamen Mobilfunklösungen dazu, erst GPRS, dann UMTS und schließlich ging es weiter mit LTE. Durch kundengetriebene Entwicklungen konnten wir früh in diesem Markt Fuß fassen. Heute bearbeiten wir den Markt pro-aktiv und bieten für unsere Kunden ‚smarte‘ Lösungen. Smart bedeutet in diesem Zusammenhang unter anderem, dass intelligente Dinge miteinander kommunizieren.

Apropos ‚smart‘. Ihr Claim lautet ‚A byte smarter.‘ Was steckt dahinter?

Ich halte Firma und Mitarbeiter für smart. Im Detail bedeutet das, dass wir interne und externe Prozesse smart - also spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und termingerecht - gestalten. Und da wir uns mit unseren Lösungen in der digitalen Zukunft der Industrie bewegen, wo Sensoren, Aktoren, Maschinen und die Endgeräte hin bis zum Smartphone zusammenwachsen, passt der Claim einfach perfekt zu uns.

Gute Produkte gibt es auf dem Markt viele. Aber das reicht aus unserer Sicht nicht. Wir sehen das Gesamtsystem. Unsere Lösungen kombinieren viele Vorteile: Sie sind einfach zu installieren, extrem ausfallsicher, robust, schnell und äußerst wartungsarm. Es geht darum, die Bedürfnisse der Kunden zu verstehen und mit maßgeschneiderten Lösungen dabei zu helfen, bisher ungenutztes Potenzial zu erschließen.

Das heißt, Sie liefern das viel zitierte Rundum-sorglos-Paket?

Wenn Sie so wollen. Am deutlichsten wird es vielleicht an einem Beispiel. Energieversorgungsunternehmen (EVU) stehen in den kommenden Jahren unter anderem vor der immensen Herausforderung, eine große Anzahl an Haushalten mit Smart Metern auszurüsten. Das bedeutet unter anderem auch, dass kleinere Ortsnetzstation, die bislang über keine Kommunikationsverbindung verfügen, ‚kommunikativ‘ gemacht werden müssen.

In Zusammenarbeit mit einem großen EVU haben wir dazu eine entsprechende Lösung entwickelt. Die passende Hardware – also einen LTE-Router – in unserem Portfolio zu finden war verhältnismäßig einfach. Dann ging es bei dem Projekt aber um deutlich mehr. Ein Rollout ist auf organisatorischer Seite sehr aufwändig, muss gut vorbereitet sein und dann muss man ja auch weiterdenken: Wie wird im laufenden Betrieb die Funktion der Kommunikation sichergestellt. Dazu haben wir neben unserer Hardware auch eine individuelle Software-Lösung entwickelt.

Mit der Deployment-Service DS800 Software sorgen wir dafür, dass der Elektriker in den Ortsnetzstationen die LTE-Router lediglich physikalisch anschließend muss. Mit Hilfe eines elektronischen Lieferscheins und der Einbindung der DS800 Software in die IT-Landschaft des Kunden konfiguriert sich der Router dann selbst. Anschließen, Konfiguration und Überwachen der Router ist also voll in vorhandene Business Prozesse beim Anwender integriert, denn im laufenden Betrieb überwacht die Software auch den aktuellen Zustand der Router. Es ging also um eine Gesamtlösung mit mehreren tausend Routern, nicht um ein einzelnes Produkt.

Seit einiger Zeit konzentrieren Sie sich auf die Kernbranchen Smart Energy, Smart City, Smart Farming und Smart Industry. Wie kam es dazu?

Wir wollen für unsere Kunden herausragende Lösungen schaffen, aber man kann nicht überall hervorragend sein. Ein Fokus ist daher essentiell. Deshalb haben wir uns mit unseren zukunftsweisenden Kommunikationslösungen auf diese vier Bereiche spezialisiert.

Im Energiebereich arbeiten wir mit den großen deutschen und europäischen Energieversorgern und Netzbetreibern und großen Systemintegratoren zusammen. Im regen Austausch und mit unserer Kompetenz für eine sichere und zuverlässige Datenübertragung können wir so die weltweite Energiewende mitgestalten. Ein wesentlicher Baustein für den Erfolg sind hier unsere industriellen Mobilfunkrouter der TK-Serie, mit denen wir für Smart Grid und Smart Metering spezielle Lösungen realisiert haben.

Auch bei Smart Industry und Smart City (Passagierinformationen, Ticketing-Systeme im öffentlichen Nahverkehr, Elektromobilität, Digital-Signage, cashless payment und viele mehr) sind die Erfolge mehr als ermutigend. Ähnliches erleben wir im Smart Farming (etwa ökologisch orientierte Landwirtschaft). In diesen Branchen haben wir durch unsere jahrelange Projekterfahrung große Stärken entwickelt und stoßen daher auf eine enorme Kundenakzeptanz, auch deshalb treiben wir die Vertikalisierung voran. Mit unseren bald 60 Mitarbeitern möchten wir in diesen Nischen absolut führend sein. Dass es sich zufällig um die Zukunftsmärkte rund um IIoT, m2m, Industry 4.0 handelt, ist natürlich wunderbar. Wir dürfen, können - und werden - mitwirken an der digitalen Zukunft der Industrie.

Wie viel ‚smart‘ nehmen Sie mit in den Feierabend, sprich, wie smart ist ihr zu Hause?

[Lacht] Also, gut gedämmt ist es, das spart Energie. Die smarteste Energie ist doch die, die man gar nicht erst verbraucht, oder?

Man sagt der typische Münsteraner sei konservativ, spießig und alles andere als weltoffen. Wenn man ihr Unternehmen und seine Geschichte ein wenig kennt, kann man diese Vorurteile nicht wirklich bestätigen …

Nun, Vorurteile bringen ja bestimmte Eigenschaften oft durch negative Formulierungen auf die Spitze. So ganz kann ich diese Aussagen nicht stehen lassen. Aber irgendwie ist das Münsterland schon sehr bürgerlich dominiert, ein Hauch Wahrheit ist also wohl dran. Aber eine gewisse Bodenständigkeit und vor allem Zuverlässigkeit tut einem Unternehmen ja auch gut. Allerdings bleiben wir hier nicht stehen, sondern sagen: Nur wer sich auf die Stärken seiner (historischen) Herkunft besinnt, kann aktiv Zukunft gestalten. Das leben wir. Im Laufe der fast 50-jährigen Firmengeschichte haben wir uns ein paar Mal neu erfinden dürfen. Und es hat uns gutgetan. So haben wir gelernt, dass die Zeit nicht stillsteht. Und alle bereit sein sollten, den sich ständig ändernden äußeren Umständen und neuen Anforderungen der Kunden offen gegenüber zu stehen. Wohl dosierte Change-Prozesse, kontinuierliche Innovation und pro-aktives Change-Management statt Stillstand gehören zu positiven Lerneffekten aus unserer Geschichte. Wir verbinden also Bodenständigkeit mit Innovation.

Wo wir gerade von Innovationen sprechen: Sie selbst sind jetzt seit über 20 Jahren in der Automatisierungsbranche aktiv. Welche Trends konnten sie in dieser Zeit beobachten?

Es ist schon interessant, wie schnell Begriffe wie m2m, IoT, IIoT, Industrie 4.0 und jetzt 5G zu Schlagworten werden, die von jedem genutzt werden. Dieses Trendsetzen war überall die 20 Jahre gegeben. Es gab viele Trends in der Branche, aber die wenigsten waren letztlich so bahnbrechend, dass sie Meilensteine setzten. Das heißt für uns: Tatsächlich kann und sollte man nicht jedem davon nachlaufen. Dazu kommt, dass die Zyklen der Veränderung immer kürzer werden. Das, was vor drei Jahren noch Trend war, ist heute schon ein alter Hut verglichen mit IoT, zum Beispiel die m2m-Kommunikation. Unabhängig von Trends ist doch für jede Geschäftsidee wichtig, dass passende Märkte, Kunden und Lösungen aufeinandertreffen. In dieser Hinsicht ist die digitale Kommunikation auf jeden Fall eine Zukunftstechnologie gerade im Zusammenhang mit dem IIoT. Oder ich spreche lieber vom IIoE dem Industrial Internet of Everything, also die Vernetzung von Menschen, Prozessen, Daten und Gegenständen.

Welche Auswirkungen haben diese Trends auf Ihre Produktpalette? Wo gibt es Neuerungen?

Wie gesagt, der Innovationsprozess schreitet kontinuierlich voran. Daher passen wir unsere Lösungen ständig auf die Bedürfnisse im Markt an. Nur so bleiben wir interessant. Momentan transformieren wir unsere existierenden Lösungen im Gateway- und Computer-Bereich von einer Sensor-to-Cloud- hin zu einer EDGE-Lösung. Hierfür wurden und werden die bestehenden Lösungen angepasst, um auch im EDGE Computing Bereich eingesetzt zu werden. Damit sind die Lösungen jetzt noch ein bisschen smarter.

Zum Schluss, industrielle Kommunikation ist eins Ihrer Kerngeschäfte. Was wäre Ihr Traumprojekt in diesem Bereich?

Ich muss gar nicht von besonderen Projekten träumen, denn tatsächlich dürfen wir diesem Jahr gleich zwei Traumprojekte realisieren eins im Transportwesen und ein anderes im Bereich Energie. Beides sind Projekte, auf die die gesamte Branche schaut. Allerdings darf ich auf Grund von Geheimhaltungsvereinbarungen nicht viel dazu sagen, aber wir werden gerne zu gegebener Zeit in der Fachpresse darüber berichten. Nur so viel: Projekte in der Größenordnung und Komplexität hätten wir vor zehn Jahre nicht stemmen können. Heute ist es für uns schon fast Tagesgeschäft.

BUCHTIPPDie Digitalisierung verändert die industrielle Fertigung grundlegend. Das Buch „Industrie 4.0 – Potenziale erkennen und umsetzen“ beschreibt mögliche Potentiale und konkrete Umsetzungsmöglichkeiten der Industrie 4.0-Anwendungen und dient dem Leser als praxisbezogener Leitfaden.

* Dipl.-Ing. (FH) Nora Crocoll und Dipl.-Wirt. Ing. (FH) Alex Homburg, beide Redaktionsbüro Stutensee

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 45671083)