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Plattformökonomie Teil 2 Nachgefragt: Von Dark Data und entfachtem Plattform-Wettbewerb

| Autor: Sariana Kunze

Sie sollen das Herzstück des digitalen Wandels in der Industrie darstellen, die Plattformen. Wir haben bei zwei Experten nachgefragt, wie ihre Strategien aussehen, welche Potenziale Industrieplattformen bieten und welche neuen Geschäftsmodelle definiert wurden.

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Das Grundprinzip der digitalen Plattformökonomie besteht darin, eine Vielzahl von Anbietern und/oder Angeboten zusammenzubringen und sie mehreren Kunden auf einer gemeinsamen Plattform anzubieten.
Das Grundprinzip der digitalen Plattformökonomie besteht darin, eine Vielzahl von Anbietern und/oder Angeboten zusammenzubringen und sie mehreren Kunden auf einer gemeinsamen Plattform anzubieten.
(Bild: ©Dmitry - stock.adobe.com)

Das Plattformgeschäft liegt im Trend. Auch auf der Hannover Messe 2019 wurde dies deutlich. Viele Automatisierer stellten ihre Lösungen hierfür vor. In unserem zweiten Teil (hier geht‘ zu Teil 1) der Umfrage haben wir bei zwei Experten nachgefragt und erfahren, wie neue Geschäftsmodelle entwickelt und Prozesse neu gedacht werden können.

  • Steffen Winkler, Vertriebsleitung BU Automation and Electrification Solutions, Bosch Rexroth
  • Michael Matthesius, Leiter Division Automation Products & Solutions, Weidmüller

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Plattformökonomie spielt eine immer wichtigere Rolle in der Automatisierungsbranche. Welche neuen Geschäftsmodelle bietet Ihr Unternehmen für das Plattformgeschäft an?

„Automation und IT bieten heute nahezu alle nötigen Technologien“, erklärt Steffen Winkler, Vertriebsleitung BU Automation and Electrification Solutions, Bosch Rexroth.
„Automation und IT bieten heute nahezu alle nötigen Technologien“, erklärt Steffen Winkler, Vertriebsleitung BU Automation and Electrification Solutions, Bosch Rexroth.
(Bild: Bosch Rexroth)

Steffen Winkler: Wir sehen drei wesentliche Einsatzfelder für digitale Plattformen im Umfeld der Automatisierungstechnik: Erstens für die Auswahl und Beschaffung, zweitens für das Engineering und drittens für den Betrieb von Anlagen. Wir arbeiten an allen drei Plattformtypen und bieten bereits erste Lösungen an. Dazu zählen beispielsweise unsere Online-Konfiguratoren, der E-Shop oder Services zur vorbeugenden Wartung mittels Online-Plattformen und Machine Learning.

Michael Matthesius: Die Fabrik der Zukunft steuert sich durch intelligente Vernetzung selbst und passt sich flexibel neuen Anforderungen an. Mit dem Plattformkonzept u-mation wird diese Vision Realität. Unser Automatisierungs- und Digitalisierungsportfolio ebnet den Weg ins Internet of Things und darüber hinaus. Das aufeinander abgestimmte Portfolio kombiniert modulare Automatisierungshardware sowie Engineering- und Visualisierungstools mit Digitalisierungslösungen und ermöglicht so die intelligente Verbindung aller Prozessebenen – vom Sensor bis zur Cloud. Die Spanne reicht von Steuerungsanwendungen bis zur datenbasierten, vorausschauenden Maschinenwartung durch Industrial Analytics. Die Analytics-Module erlauben eine detaillierte Auswertung aller relevanten Maschinen- und Prozessdaten. Abweichungen und Anomalien werden im laufenden Prozess frühzeitig erkannt. In einer neuen Version kann der Maschinen- und Anlagenbauer die Weiterentwicklung der Analyse-Modelle eigenständig vorantreiben – ohne selbst Data Scientist zu sein. Das vorhandene Wissen über Prozesse und Maschinen bleibt so im Unternehmen, da diese ihr Domänenwissen selbstständig einpflegen können. Maschinen- und Anlagenbauer können mit den Analytics-Lösungen verschiedene Geschäftsmodelle anbieten: Beispielsweise kann die Analytics Software zusammen mit der Maschine bzw. Anlage verkauft werden, bei diesem Ansatz übernimmt der Kunde das Monitoring der Anlage. Oder es werden nur Software-Lizenzen verkauft, so dass der Kunde keine Maschine erwerben muss, die Vorteile von Industrial Analytics aber nutzen kann.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Wie können Anwender die gewonnenen Erkenntnisse erfolgreich in ihre Prozesse übertragen?

Steffen Winkler: Das Thema Predictive Analytics wird schon seit vielen Jahren stetig vorangetrieben. So haben wir bereits vor über zehn Jahren Funktionen und Algorithmen in unsere Servoantriebe integriert, welche verlässlich den Zustand der angekoppelten Mechanik erkennen und Vorhersagen ermöglichen. Mit der aktuell drastischen Zunahme von weiteren verfügbaren Daten aus allen möglichen Komponenten sind genauere und umfangreichere Analysen möglich. Wichtig hierbei ist, dass Data/Predictive Analytics nicht zum Selbstzweck betrieben wird, sondern vorrangig der Prozessverbesserung dient. Aus unserer Sicht gibt es am Markt bereits sehr viele interessante Pilotanwendungen. Die Anwender sind jedoch immer noch im Explorationsmodus, d.h. man erforscht im konkreten Anwendungsfall die technischen Möglichkeiten und den sich konkret ergebenden Nutzen. Eine breite Akzeptanz in der Anwendung beobachten wir aktuell noch nicht.

„Das Interesse am Thema Dark Data nimmt momentan sehr stark zu“, sagt Michael Matthesius, Leiter Division Automation Products & Solutions, Weidmüller.
„Das Interesse am Thema Dark Data nimmt momentan sehr stark zu“, sagt Michael Matthesius, Leiter Division Automation Products & Solutions, Weidmüller.
(Bild: Weidmüller)

Michael Matthesius: Die Analytics-Module von Weidmüller lernen aus den Maschinendaten und werden so mit der Zeit immer präziser. Die Machine-Learning-Modelle bieten eine zukunftssichere Grundlage für effizientere Produktionskonzepte. Der Maschinen- und Anlagenbauer Grenzebach sowie der Druckluftsysteme-Hersteller Boge vertrauen in ihren Anlagen auf Industrial Analytics von Weidmüller. Industrial Analytics versetzt Grenzebach bei seiner Rührreibschweiß-Technologie und Boge in seinen High-Speed-Turbo-Kompressoren zur ölfreien Drucklufterzeugung in die Lage, pro aktiv zu reagieren, bevor der Fehler auftritt – ungeplante Maschinenstillstände lassen sich vermeiden. Beide Hersteller können sich jetzt mit neuartigen Geschäftsmodellen vom Wettbewerb differenzieren und ihren Kunden einen Mehrwert anbieten. Mit weiteren Unternehmen steht Weidmüller in engem Kontakt und setzt entsprechende Projekte auf und um.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Wie sieht dabei das Zusammenspiel zwischen IT und Automation bei Ihnen aus?

Steffen Winkler: Automatisierung und IT-Technologie wachsen bereits seit vielen Jahren immer mehr zusammen. Beispielhafter Beginn dieser Entwicklung war die PC-Technologie oder das Ethernet als physisches Kommunikationsmedium für Echtzeitfeldbusse. Wir begreifen diese Entwicklung als enorme Chance für die gesamte Branche und nutzen die entstehenden Möglichkeiten für unsere Anwender – aber auch für uns – wo immer es möglich ist. Wichtig bei allen Neu- und Weiterentwicklungen ist uns, dass wir für den Anwender einen wirklichen Mehrwert generieren. So haben wir bereits 2010 unsere gesamte Steuerungstechnik so ausgerichtet, dass Anwender sie in nahezu allen Hochsprachen, z.B. C++, Java usw., programmieren können. Sie sind damit nicht mehr auf einen Standard festgelegt und können deutlich flexibler Personal und das passende Tooling einsetzen. Weitere Beispiele sind die nahtlose Integration von Smartphones und Tablets in Automatisierungsaufgaben, die Verwendung von Betriebssystemen wie Windows oder Linux, oder auch die Administration von Automatisierungskomponenten über digitale Plattformen. Um durchgängige Lösungen anbieten zu können, arbeiten wir vor allem mit Bosch Connected Industries zusammen.

Michael Matthesius: Eine disziplinübergreifende Zusammenarbeit ist ein großer Erfolgsfaktor, um Projekte sowie den digitalen Wandel erfolgreich zu gestalten. Schließlich werden für die Realisierung von innovativen Lösungen nicht nur Maschinenbauingenieure, sondern auch IT-Experten benötigt. Ein Beispiel aus unserem Hause ist der Einsatz von Augmented Reality an einer Spritzgussmaschine. Der Servicetechniker soll bei der Einrichtung alle Informationen zur Spritzgussmaschine auf seiner Datenbrille angezeigt bekommen, gleichzeitig den Auftrag, der darauf laufen soll. Zur Erarbeitung von solch einer Lösung sind Fertigungsexperten, Automatisierungs-Ingenieure und IT- Experten gefragt.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Wo sehen Sie die größten Hürden und Herausforderungen?

Steffen Winkler: Die sehen wir aktuell in der Akzeptanz bei den Anwendern. Automation und IT bieten bereits heute nahezu alle nötigen Technologien. Anwender sind jedoch noch unsicher hinsichtlich der gewinnbringenden Anwendung und der angemessenen Investition in Automatisierungs- und IT-Infrastruktur. Hier leistet Bosch Rexroth als Automatisierungsanbieter heute viel Wissenstransfer und Anwendungsunterstützung. Hinzu kommt das Thema IT-Security – also die Integrität der Daten und deren Schutz vor unerlaubtem Zugriff sowie rechtliche Aspekte und unter Umständen steuer- und lizenzrechtliche Aspekte, z. B. beim Betrieb von App-Stores. Zudem kann man erkennen, dass aktuell bereits ein Wettbewerb der digitalen, industriellen Plattformen entsteht. Alle alle namhaften Automatisierungsanbieter sowie auch Maschinenhersteller und -anwender versuchen eigene Plattformen umzusetzen. Dies führt zu einer enormen Vielfalt, die der Summe der Anwender genauso wenig Nutzen bringen wird, wie die Monopolstellung weniger einzelner Plattformanbieter. Entscheidend wird sein, wie sich die einzelnen Domänen mit entsprechenden Standards anwenderorientiert verknüpfen lassen.

Michael Matthesius: Eine der größten Herausforderungen ist der Faktor Zeit – Lösungen gilt es immer schneller zu realisieren. In der digitalen Welt sitzt der Wettbewerb nur einen Mausklick entfernt. Auch proprietäre Lösungen zählen zu den großen Hürden. Deshalb hat Weidmüller seine Industrial Analytics Lösung plattformunabhängig gestaltet, sie passt sich den vorhandenen Gegebenheiten an. Das bedeutet: Falls ein Kunde bereits eine Microsoft Azure-, IBM- oder AWS-Infrastruktur nutzt, um seine Daten zu verwalten, so ist das kein Problem. Die Data Scientists von Weidmüller können damit arbeiten. Auch das Thema „Dark Data“ ist in die Betrachtungen mit einzubeziehen, denn unsere Kunden interessieren sich derzeit sehr stark für dieses Thema. Dark Data sind ungenutzte Daten, die zwar erfasst, aber nicht genutzt werden, weil man sie für das Prozessmanagement nicht benötigt. In diesen Daten können sich aber wichtige Hinweise auf das Verhalten einer Maschine wiederfinden. Viele Kunden interessieren sich daher zunehmend dafür, welche zusätzlichen Einstellungen und Parameter sie damit an den Maschinen erfassen können – und fordern die in ihren Produktionsprozessen gesammelten Daten bereits an. Hier entwickeln sich derzeit verschiedenste Geschäftsmodelle für Ansätze mit Dark Data.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Was sind die nächsten Schritte?

Steffen Winkler: Unsere Lösungsansätze für Beschaffung, Engineering und Services setzen wir weiter konsequent und in enger Zusammenarbeit mit unseren Kunden um. Dabei arbeiten wir intensiv mit allen relevanten Bereichen der Bosch-Gruppe aber auch mit vielen namhaften externen Partnern wie z.B. Microsoft, Oracle oder Dassault Systèmes zusammen. Die nächsten Bausteine präsentieren wir auf der SPS 2019.

Michael Matthesius: Im Bereich Machine Learning hat Weidmüller auf der Hannover Messe 2019 ein neues Tool vorgestellt. Damit kann der Maschinen- und Anlagenbauer die Weiterentwicklung der Analyse-Modelle eigenständig vorantreiben – ohne selbst Data Scientist zu sein. Das vorhandene Wissen über Prozesse und Maschinen bleibt so im Unternehmen, da die Kunden ihr Domänenwissen selbstständig einpflegen können. Ebenfalls gilt es das Thema Dark Data weiterzuentwickeln, um aus den im Produktionsprozess gesammelten Daten neue Geschäftsmodelle anzubieten zu können. Ein weiteres Thema ist die digitale Werks- und Anwendungsplanung. Es lässt sich beobachten, dass die digitale Werksplanung wie auch die digitale Anwendungsplanung bei vielen Kunden in den Fokus rücken. Dabei findet derzeit ein Wechsel von der 2D- auf die 3D-Planung statt. Schon heute kann man mittels einer Hololens nach der digitalen Planung am Computer mit der Brille durch die Halle navigieren. Augmented Reality liefert dabei nicht nur eine Visualisierung, sondern erlaubt über Infos und Fotos auch eine viel lebendigere Darstellung der Fertigungsstätte – bevor diese gebaut wurde. Das ist ein Bereich, in dem auch Weidmüller viele neue Projekte gestartet hat. Aktuell schauen wir, wo wir Verbesserungen und Mehrwerte erzielen können.

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