Messtechnik

Niederspannung im Feldtest: Wasenrummel unter der Lupe

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Neues Geschäftsfeld: Bierzeltbetreiber bezahlen die Datenerfassung

Messdaten eröffnen der Stuttgart Netze ein neues Geschäftsfeld, denn detaillierte Lastprofile sind für Großabnehmer ein echter Mehrwert. Ralf Schwollius kann bereits erste Erfolge vermelden: „Die Bierzeltbetreiber haben uns mit der Datenerfassung beauftragt und bezahlen diese auch.“ Da die Zelte und großen Fahrgeschäfte ohnehin einen eigenen Kabelverteiler und damit einen eigenen Abgang in der Umspannstation benötigen, kann die Stuttgart Netze ihnen diesen Service bieten. Zudem erleichtern die Messdaten den Beteiligten, kritische Situationen zu analysieren. Gemeinsam lassen sich so Strategien entwickeln, um Großverbraucher auch zukünftig sicher zu versorgen.

Ralf Schwollius erwähnt noch einen weiteren finanziellen Aspekt: „Die Bundesnetzagentur hat für die Netzbetreiber ein Ranking eingeführt, um Ausfallzeiten zu bewerten. Stehen Netzteile und Betriebsmittel (berechnet nach durchschnittlicher Verfügbarkeit aller Betriebsmittel) nicht zur Verfügung, werden Penalties, d. h. Strafen, erhoben.“ Ein weiterer guter Grund für die Investitionen in die Messtechnik.

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Überraschung: Lastspitzen halten länger an

Für die umfassende Auswertung der Daten waren etliche Wochen angesetzt. Doch bereits die ersten Profile lieferten überraschende Erkenntnisse. Christian Seiz, Mitarbeiter im Auftragszentrum der Stuttgart Netze, kommentiert das Lastprofil eines Bierzelts: „Aufgrund der Schleppzeigerinstrumente hatten wir nur kurze Peaks erwartet. Die genaue Historie vermittelt ein anderes Bild. Die Lastspitzen halten wesentlich länger an.“ Die Aufzeichnung stammt von einem Samstag. Zur Interpretation ist ein Blick auf den Tagesablauf nötig. Am Wochenende öffnet der Wasen um 11:00 Uhr. Das Zelt füllt sich rasch. Zwischen 16:00 Uhr und 17:00 Uhr wird das Zelt einmal komplett geschlossen und gereinigt. Am Abend ist es von 17:00 Uhr bis 23:00 Uhr geöffnet. Auf dem Screenshot ist sehr klar zu erkennen, wie die Last bei Dienstbeginn um 07:00 Uhr schlagartig einsetzt und dann kontinuierlich steigt. Eine weitere Flanke um 11:00 Uhr signalisiert den Einlass. Der starke und lang anhaltende Anstieg ist wohl der Bierkühlung geschuldet. Nachdem die Gäste mit der ersten Runde Bier versorgt sind, stabilisiert sich der Verbrauch auf hohem Niveau. Die “Bierkühlungsspitze“ tritt erneut um 17:00 Uhr auf. Bemerkenswert auch, wie der Verbrauch im Lauf des Abends deutlich sinkt, obwohl das Zelt an einem Samstag sicherlich gut besucht war.

Interessant ist auch die Aufzeichnung von einem der großen Fahrgeschäfte „Top Spin“, das eine Pendel- mit einer Drehbewegung kombiniert. Der Screenshot zeigt deutlich die schnellen Lastwechsel während einer Fahrt sowie die Blindströme (blaue Kurve). Zudem lässt sich der starke Besucherandrang erkennen. Nur in der Mittagsstunde ließ der Ansturm kurz etwas nach.

Christian Seiz resümiert: „ Stuttgart Netze und die Betreiber der Fahrgeschäfte und Bierzelte profitieren von den Daten gleichermaßen. Drohende Engpässe lassen sich genauso erkennen, wie mögliche technische Probleme. Sogar schleichende Veränderungen lassen sich frühzeitig ausmachen.“ So können die Stuttgart Netze einen zusätzlichen Service generieren. Zielgruppe sind Kunden, die den Aufwand für eigene Messungen scheuen. Sie können bei Stuttgart Netze neben den Daten auch eine qualifizierte Interpretation erhalten.

Wasen als Test für das gesamte Verteilernetz

Mittelfristig planen Stuttgart Netze und die Netze BW, die Messtechnik flächendeckender einzusetzen. Dazu Ralf Schwollius: „Was wir hier testen und an Erkenntnissen gewinnen, lässt sich später in der Fläche anwenden. Die Technologie bringt einen großen Mehrwert sowohl für die Stabilität des Mittel- und Niederspannungsnetzes als auch für die Wiederversorgung. Das gilt besonders in Anbetracht der neueren Entwicklungen.“ Ralf Schwollius spricht hier die wachsende Zahl dezentraler Erzeuger an. Die Lasten auf der Verteilebene lassen sich mit Ferrariszählern und Schleppzeigerinstrumenten nicht mehr hinreichend erfassen. Nur genaue Lastprofile können ermitteln, wo die Kapazitäten ausreichen oder wo Ausbaumaßnahmen erforderlich sind. Klare Zahlen sind hierfür nicht nur wegen der Kosten unentbehrlich, sondern auch als Begründung von Baumaßnahmen in der Öffentlichkeit: Solarzellen auf dem eigenen Dach sind beliebt, weniger jedoch eine Umspannstation in der Nachbarschaft.

Dazu kommt die Verfügbarkeit menschlicher Arbeitskraft. Monteure müssen im Fehlerfall von der Betriebsstelle oder von zu Hause aus anreisen. Zur Hauptverkehrszeit wirkt sich das stark auf die Zeit bis zur Wiederversorgung aus, besonders in Stuttgart. Mit detaillierten Daten entfallen Anfahrten, die nur der Diagnose dienen.

Ein weiteres Problem ist gesellschaftlicher Natur. Ralf Schwollius: „Die Akzeptanz von Unterbrechungen der Energieversorgung schwindet in der Bevölkerung, besonders bei Großveranstaltungen, bei denen die Konsumenten hohe Eintrittspreise bezahlt haben oder bei denen Alkohol im Spiel ist. Auch im privaten Bereich gibt es schneller Probleme, etwa durch Computer und Steuerungen, die empfindlich auf Ausfälle reagieren. Auf dem Land ist die Akzeptanz noch eher gegeben. In der Stadt dagegen kommt es bereits bei kleinen Störungen schnell zu Regressforderungen.“ Ein Grund mehr, der für eine genaue Lastanalyse spricht. So lässt sich bei Regressforderungen präzise ermitteln, wann eine Unterbrechung auftrat und welche Bereiche genau betroffen waren. Das nächste Ziel ist nun ein stufenweiser Ausbau der Messtechnik. Ralf Schwollius: „Das Gute an dem Konzept ist die mobile Technik. Aufgrund der hohen Investitionsvolumina ist eine Ausrüstung aller Anlagen wirtschaftlich nicht immer möglich. Aber wir sind im Anfangsstadium und Janitza verhält sich sehr flexibel und innovativ. Das eröffnet vielfältige Möglichkeiten zur Weiterentwicklung.“

* *Martin Witzsch, Freier Journalist, Kilian Eckert, Business Development Energieversorgung, Janitza Electronics

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