Die Stechuhr war gestern

Arbeitszeitmodelle für Arbeit 4.0

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Das Gesetz hinkt hinterher

Die Entwicklung ist nur logisch: Nach einer Umfrage des Digitalverbands Bikom berichten vier von fünf Unternehmen, dass sich ihre Mitarbeiter eine flexible Arbeitsgestaltung wie Homeoffice, Familienzeit und Sabbaticals wünschen. „Stechuhr und Kernarbeitszeit haben in vielen Jobs längst ausgedient, die Erwerbstätigen möchten zunehmend flexibel und selbstbestimmt arbeiten“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Eigenverantwortliches und projektorientiertes Arbeiten wird künftig immer wichtiger.“ so Rohleder weiter, mahnt aber gleichzeitig an: „Flexibilität muss für beide Seiten möglich sein – für Mitarbeiter und Unternehmen. Hier ist der Gesetzgeber gefordert.“

Kein Wunder also, dass immer mehr Unternehmen, Verbände und auch die Arbeitnehmer selbst ein Umdenken und Handeln der Politik fordern. In Bayern etwa widmet sich die VBW – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. intensiv diesem Thema und trägt ihre Ansichten mit der Kampagne „So möchte ich arbeiten!“ in die Medien. Zwei Elemente des derzeit geltenden Arbeitsrechts sind dem Verband dabei besonders ein Dorn im Auge: So fordert der Verband die Abschaffung der täglichen Höchstarbeitszeit von zehn Stunden, auch die elfstündige Ruhepause zwischen zwei Arbeitstagen sei nicht mehr zeitgemäß. Dabei geht es den Arbeitgeberverbänden nicht um eine Erhöhung des Arbeitsvolumens:

Kampagnenposter der VBW zum Thema Arbeit 4.0 und flexiblen Arbeitszeiten.
Kampagnenposter der VBW zum Thema Arbeit 4.0 und flexiblen Arbeitszeiten.
(Bild: VBW)

„Nach wie vor soll selbstverständlich die tariflich oder vertraglich vereinbarte wöchentliche Arbeitszeit gelten“, erklärte VBW-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt auf dem Kongress „Der Mensch in der digitalen Arbeitswelt“ in Schweinfurt Mitte Juli. „Wir brauchen eine flexiblere Verteilung der Arbeitszeit – weg von einer täglichen hin zu einer wöchentlichen Betrachtung mit einem maximalen Spielraum von 48 Stunden“, so Brossardt. Aktuelle Regelungen seien in Zeiten der Digitalisierung völlig weltfremd: „Es muss doch möglich sein, auch nach Dienstschluss noch eine kurze Nachricht an einen Kollegen zu schicken, ohne dass die 11-stündige Ruhezeit wieder von vorne zu laufen beginnt.“

Trumpf setzt auf Jahresarbeitszeit

Trotz der aktuellen starren Rechtslage denken immer mehr Unternehmen auch in der Industrie um und schaffen für ihre Mitarbeiter flexible Arbeitsräume. Beim Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf etwa hat man im letzten Jahr die Jahresarbeitszeit eingeführt. Bei diesem sogenannten agilen Zeitsystem öffnet das Unternehmen das Gleitzeitkonto seiner Mitarbeiter innerhalb eines Jahres auf einen Korridor zwischen +200 und -100 Stunden. „Wir haben, gerade vor dem Hintergrund der Digitalisierung, aber auch der kürzeren time-to-market-Zyklen gespürt, dass wir eine Regelung brauchen, mit der wir noch besser auf Projekt- und Auftragsspitzen reagieren können – auch weil unsere Mitarbeiter das tun wollen.“, erklärt Oliver Maassen, der Leiter des Personal- und Sozialwesens bei der Trumpf-Gruppe.

Oliver Maassen, Leiter Personal- und Sozialwesen der Trumpf-Gruppe: „Arbeit findet heutzutage nicht mehr in gleichmäßig verteilten Häppchen statt.“
Oliver Maassen, Leiter Personal- und Sozialwesen der Trumpf-Gruppe: „Arbeit findet heutzutage nicht mehr in gleichmäßig verteilten Häppchen statt.“
(Bild: Trumpf)

Das neue System erlaubt es Mitarbeitern nun, mehr Arbeitsstunden anzuhäufen, wenn es, bedingt durch Spitzenzeiten oder Projektarbeit, mehr zu tun gibt, und diese Mehrarbeitszeit auch in größeren Blöcken wieder auszugleichen. Allerdings muss nicht jeder Mitarbeiter auf die Jahresarbeitszeit umsteigen, das bleibt der Vereinbarung zwischen Mitarbeiter und Führungskraft vorenthalten.

Nach einem Jahr nach seiner Einführung hat das neue Arbeitszeitmodell am Trumpf-Hauptsitz in Ditzingen eine Beteiligungsquote von 20 %, ein Ergebnis, mit dem Maassen sehr zufrieden ist. „Dieser recht hohe Wert spricht dafür, dass wir den Bedarf für eine derartige flexible Regelung richtig erkannt haben.“ In Ditzingen habe man bisher ausschließlich positive Erfahrungen mit dem neuen System gesammelt, gerade weil von Anfang an offen kommuniziert wurde.

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