HANNOVER MESSE 2008 Der „Titan“ lässt als stärkster Roboter der Welt seine Muskeln spielen

Redakteur: Wolfgang Leppert

Moderne Roboter können nahezu jede Aufgabe in der industriellen Produktion übernehmen. Und wenn das Verhältnis von Aufwand und Nutzen stimmt, arbeiten sie auch außerordentlich ökonomisch. Auf der Hannover Messe werden alle Aspekte der Automatisierung durch Roboter aufgegriffen und innovative Robotik-Lösungen präsentiert. Da darf der KUKA KR 1 000, auch „Titan“ genannt, nicht fehlen.

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In vielen Feldern erweisen sich Industrieroboter als ausgesprochen nützliche Helfer des Menschen.
In vielen Feldern erweisen sich Industrieroboter als ausgesprochen nützliche Helfer des Menschen.
( Archiv: Vogel Business Media )

Die IBG Automation GmbH der Goeke Technology Group stellt den von KUKA entwickelten Industrieroboter „Titan“ zum ersten Mal auf einer Automatisierungsmesse in Europa vor. Der stärkste 6-Achs-Industrieroboter der Welt, der wegen dieses Superlativs einen Platz im „Guinness Buch der Rekorde“ sicher hat, wird seine Muskeln in Halle 17 spielen lassen: In einer Demonstration soll sich der „Titan“ eine Fahrzeugkarosserie greifen und – im Zusammenspiel mit einem weiteren Roboter und einem hoch präzisen Kamerasystem der ISRA VISION AG – komplexe Prüf- und Montagevorgänge ausführen. Im Vergleich zu konventionellen Knickarmrobotern bietet der „Titan“, der Lasten bis zu einer Tonne hebt, mit seiner enormen Kraft und einer maximalen Reichweite von rund vier Metern ganz neue Nutzungsmöglichkeiten.

Roboter sind keine Jobkiller, sondern Schwerstarbeiter

Die Furcht, Roboter könnten Arbeitsplätze vernichten, ist ebenso unbegründet wie viele andere Vorurteile über die stählernen Mitarbeiter. Denn bei genauerem Hinsehen wird schnell deutlich: Roboter sind genauso wenig Jobkiller wie Kraftwerke, Autos oder Computer, sondern vielmehr Jobmaschinen. Sie helfen dem Menschen, weil sie ihm beispielsweise körperlich extrem schwere Arbeiten abnehmen und diese oft präziser ausführen können. Zudem übernehmen sie für den Menschen gefährliche oder gesundheitsschädliche Tätigkeiten. Gerade weil der Roboter leistet, wozu der Mensch nicht oder nur unter Einsatz seiner Gesundheit in der Lage wäre, ergeben sich aus seiner Nutzung neue Aufgabenfelder, die wiederum Arbeitsplätze schaffen. Und der Mensch kann sich auf Aufgaben konzentrieren, zu denen Roboter nicht – oder noch nicht – in der Lage sind.

Vielseitige Helfer in unterschiedlichsten Produktionen

Roboter sind beispielsweise ausgezeichnete Lackierer, vor allem in der Automobilindustrie. Sie arbeiten hier mit Lösungsmitteln, die während der Produktion für den Menschen nur mit Spezialausrüstung benutzt werden dürften. Doch Industrieroboter schwingen als Lackierer nicht nur virtuos den Pinsel, sondern sie transportieren, stapeln, beschicken, beladen, entnehmen, verpacken und sortieren auch, was beispielsweise die Foodpicker-Cell von Fanuc auf der Hannover Messe 2008 eindrucksvoll mit Lebensmitteln unter Beweis stellen wird.

Ein anderes typisches Aufgabenfeld ist die Montage. Fast alle Aufgaben im Umfeld der industriellen Produktion lassen sich durch Roboter automatisieren. Diese bestehen in der Regel aus dem so genannten Manipulator, der den Roboter steuert, und dem Effektor genannten Werkzeug oder Greifer. Je nach Ausrüstung können Roboter, die im Bereich der Montage meist Gelenkarm-Roboter mit mehreren Rotationsachsen sind, Werkstücke verschrauben oder verschweißen. Auch hier bietet die Hannover Messe ausreichend Gelegenheit, sich von der Dynamik der flinken Stahlarme faszinieren zu lassen. Einerseits kraftstrotzend, andererseits verblüffend feinfühlig, bearbeiten sie vor den Augen der Messebesucher unterschiedliche Produkte.

Roboter checken auch das Endprodukt

Selbst wenn es um den letzten Schliff eines Werkstücks geht, ist der Mensch immer noch nicht an der Reihe. Und sogar die Kontrolle der Produktion kann der Roboter übernehmen — immer vorausgesetzt, er weiß durch den Menschen, was er zu tun hat. So überprüft ein Roboter genauer als jeder Mechaniker die exakte Einhaltung vorgegebener Maße und unterzieht Werkstücke härtesten Tests; wenn es sein muss unter Einsatz all seiner enormen Kräfte.

Dass Roboter in der europäischen Industrie noch nicht in dem Maß zum Einsatz kommen, wie es ihren außerordentlichen Fähigkeiten entspricht, liegt sicher an den bereits erwähnten Vorurteilen. In Japan, dem offiziellen Partnerland der Hannover Messe 2008, besitzt der Roboter einen ganz anderen Stellenwert. Seine hohe Produktivität steht dort außer Frage — und ist es daher wenig überraschend, dass viele Innovationen im Bereich Robotik auch aus Japan kommen: Dort rufen Roboter keine Berührungsängste hervor.

Die Nachfrage wächst auch in den europäischen Ländern

Laut Schätzungen des Statistical Departments der International Federation of Robotics (IFR) wurden 2007 weltweit gut zehn Prozent mehr Industrieroboter verkauft als im Jahr davor. Und wie in Japan wurde nun auch in Europa eine verstärkte Nachfrage registriert, vor allem in Mittel- und Osteuropa, Deutschland und Italien. Zugleich soll auch in Nordamerika, China, Indien, den ASEAN-Staaten und in Südamerika der Absatz — teils überdurchschnittlich — gestiegen sein. Dabei ist, trotz einer wachsenden europäischen Roboterbranche, Japan gegenwärtig der weltgrößte Exporteur. Der japanische Robotikverband JARA sieht die Stärken seiner etwa 130 Hersteller in den Bereichen Industrieroboter, Hoch- und Tiefbauroboter sowie den so genannten Service-Robotern.

Mit den stählernen Kollegen ist der Kontakt völlig problemlos

Vor einem Kontakt mit dem stählernen Kollegen braucht ebenfalls niemand Angst zu haben. Die Schweizer Neuronics AG mit Sitz in Zürich hat sogar einen Industrieroboter im Programm, der direkt mit dem Menschen zusammenarbeiten darf. Durch die integrierte Sensorik ist seine künstliche Intelligenz in der Lage, die Umwelt wahrzunehmen und – den jeweiligen Situationen entsprechend – angemessen auf sie zu reagieren. „Katana“ soll sich überall dort einsetzen lassen, wo konventionelle Industrieroboter wegen ihrer Dimensionen oder ihrer Gefährlichkeit für menschliche Mitarbeiter ungeeignet sind. „Für eine kleine Firma wie Neuronics ist die Hannover Messe die ideale Plattform, unseren menschennahen Roboter „Katana“ auch internationalen Fachbesuchern zu präsentieren“, so der Firmengründer Dr. Hansruedi Früh.

„Katanas“ Ungefährlichkeit ist durch eine EU-konforme Risikoanalyse amtlich bestätigt, deshalb muss er nicht durch Schutzwände abgesichert werden. Er ist für die Roboter-Mensch-Interaktion zertifiziert und durch ein Teach-In-Verfahren verblüffend einfach zu bedienen: Der Mensch macht den Arbeitsgang vor, Katana macht es ihm nach. Eine gute Gelegenheit zum gemeinsamen Training mit Robotern wie „Katana“ bietet auch die Robotics Academy im Rahmen der Messe. Dort lässt sich beispielsweise nützliches Basiswissen rund um das Thema Roboter-Handling erwerben.

Dosierte Kräfte: Der klügere Roboter gibt nach

Roboter, die menschliche Bewegungen nachahmen können, sind auch ein erfolgreiches Geschäftsfeld der Linzer FerRobotics Compliant Robot Technology GmbH, die in Hannover mit „ROMO“ den ersten „nachgiebigen“ Roboter der Welt präsentiert. Eine Show-Do-Programmierung, die bisherige Programmierverfahren überflüssig macht, lässt „ROMO“ neue Abläufe schnell erlernen. Der Clou: Während konventionelle Roboter sich ihre Kraft durch den Programmierer im Voraus einteilen lassen mussten, richtet sich der sensible „ROMO“ nach dem erspürten Widerstand. „Unser Roboter verfügt über die einzigartige Fähigkeit, seine Kraft zu dosieren und der jeweiligen Tätigkeit anzupassen“, bestätigt Dr. Paolo Ferrara von FerRobotics. Und sein Partner aus der Geschäftsführung, Dr. Ronald Naderer, ergänzt: „Mit unserem innovativen, einfach benutzbaren Roboter „ROMO“ unterstützen wir gezielt die kleinen und mittleren Produktionsbetriebe in Hochlohnländern und verbessern somit die Wettbewerbsfähigkeit unseres Mittelstands.“

Konstrukteure und ihre Roboter lernen spielend

Ihre Freizeit verbringen Roboter aber auch ganz gerne ohne menschliche Gesellschaft. Wenn sie nicht gerade sportlichen Aktivitäten nachgehen, wie die kickenden Roboter des auf der Messe ausgetragenen RoboCups, trainieren sie ihren Grips. Was so spielerisch aussieht, hat jedoch immer einen ernsten Hintergrund: Es geht darum, die Entwicklung der Roboter voranzutreiben. Denn auch Roboter beim Spiel – oder etwas präziser: Die Menschen, die sie konstruieren. So zeigt die Kawasaki Robotics GmbH beispielsweise zwei Roboter der FS03N-Baureihe, die sich gemeinsam an Rubiks Zauberwürfel versuchen. Es dürfte sicher spannend sein zu beobachten, ob die Gemeinschaftsarbeit der beiden FS03N zum Erfolg führt. Soviel sei verraten: Die Roboter haben beste Voraussetzungen. Die Exaktheit beim Greifen in Kombination mit einem 2D-Vision-System wird dafür sorgen, dass der Zauberwürfel durch Roboterhand geknackt werden kann. Und außerdem sind sie ja zu zweit.

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