Mikroelektronik Gemac: Schieflage trotz Wachstumsmarkt

Redakteur: Sariana Kunze

Als Schlüsseltechnologie und Innovationstreiber wird die Mikroelektronik bezeichnet. Jedoch ist auch in einem Wachstumsmarkt eine wirtschaftliche Schieflage für Mikroelektronik-Unternehmen möglich, wie das Beispiel Gemac zeigt. Erst der Verkauf an einen Investor konnte Gemac zu einem Neustart verhelfen.

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Nach dem Neustart: Gemac will CAN-Diagnosesysteme weiterentwickeln.
Nach dem Neustart: Gemac will CAN-Diagnosesysteme weiterentwickeln.
( Gemac)

Sachsen gilt europaweit als der größte Standort für Mikro- und Nanoelektronik: In der Region zwischen Dresden, Freiberg und Chemnitz erwirtschaften die Unternehmen mit rund 25.000 Beschäftigten derzeit einen Umsatz von etwa 6 Mrd. Euro pro Jahr. „Das sind äußerst positive Zahlen“, erklärt Simon Leopold, Geschäftsführer der ABG Consulting-Partner. „Allerdings spiegeln diese Branchenzahlen die Gesamtheit wider. In der Beratungspraxis haben wir hingegen mit den Einzelfällen zu tun.“ So wie im Falle der mittelständischen Gemac Gesellschaft für Mikroelektronikanwendung Chemnitz mbH, die Anfang des Jahres 2017 in eine wirtschaftliche Schieflage geriet – jedoch einige Monate später einen Neustart gemeistert hat. Wesentlicher Bestandteil in diesem Prozess: das Finden eines geeigneten Investors.

Krise trotz Wirtschaftsboom – wie das?

Der Geschäftsgegenstand der Gemac bestand zum einen aus den Produktbereichen Entwicklung und Produktion von Neigungssensoren sowie Feldbusdiagnosegeräten. Zum anderen gehörten die beiden Dienstleistungsbereiche Elektronikentwicklung und Elek- tronikfertigung (EMS) zum Portfolio. „In den vergangenen Jahren ist es dem Unternehmen gelungen, seine Geschäftsbereiche auszubauen und sich so am Markt zu behaupten. Wir sprechen hier von einer guten Marktpositionierung vor allem im Bereich der Neigungssensoren mit einer hochwertigen Qualität. Die Gemac konnte Auftragsvolumen in der Größenordnung zwischen 7 und 9 Mio. Euro jährlich vorweisen“, sagt Leopold weiter. Problematisch ist allerdings, was am Ende rauskommt: „Denn ein positives Unternehmensergebnis konnte nur mittels erheblicher Fördermittelzuschüsse generiert werden. Operativ musste das Unternehmen schon über längere Zeit Verluste hinnehmen.“ Um dem entgegenzuwirken, wurden unrentable Geschäftsbereiche ausgegründet. „Dieser Lösungsansatz war Teil der sogenannten leistungswirtschaftlichen Restrukturierung. Wirklich erfolgreich ist eine Sanierung aber nur, wenn daneben auch Ansätze für eine finanzwirtschaftliche Restrukturierung, sprich die Anpassung des Finanzierungsvolumens und -bedarfes an die tatsächlichen Gegebenheiten und die Sicherstellung der erforderlichen Liquidität, gefunden werden.“ Genau daran scheiterte das Vorhaben, denn bis zuletzt konnte unter den Beteiligten des Unternehmens kein Konsens gefunden werden. Die Gemac musste im Februar 2017 Insolvenz anmelden, das Verfahren wurde am 28. April 2017 eröffnet.

Gesucht und gefunden: Verkauf an Investor

Drei Monate später: Ein Fi- nanzinvestor aus der Region übernahm den Geschäftsbetrieb des Unternehmens zum 1. August 2017. Für die 70 Mitarbeiter waren das gute Nachrichten. Insolvenzverwalter Rüdiger Bauch von der Kanzlei Schultze & Braun sowie sein Team um Rechtsanwalt Dr. Dirk Herzig haben in den Monaten zuvor an einer Lösung für das Unternehmen gearbeitet. Der Geschäftsbetrieb lief während dieser Zeit uneingeschränkt weiter. Dem Verkauf vorausgegangen war eine umfangreiche Investorensuche, mit der der Insolvenzverwalter die ABG Consulting-Partner aus Dresden beauftragt hatte. „Nach Absprachen zur Strategie, Vorgehensweise und Zeitplanung erstellten wir eine professionelle Verkaufspräsentation, recherchierten parallel mögliche Interessenten und begannen mit der zielgerichteten Ansprache. Grundlage der Abstimmung mit Dr. Herzig war dabei eine klare und für alle Kunden und Lieferanten transparente Zeitplanung für den Transaktionsprozess. Dies war vor allem wichtig, um den Kunden Planungssicherheit für deren eigene Lieferverpflichtungen geben zu können. In den darauffolgenden Monaten wurde mit einer Vielzahl von potenziellen Käufern gesprochen, zahlreiche Betriebsbesichtigungen und eine genaue Analyse der Stärken und Schwächen des Unternehmens durchgeführt. Unter den Interessenten hat sich die V-Design um Geschäftsführer Robert Hermann mit seinem Konzept durchgesetzt.“

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Schritt für Schritt
Investorensuche für Gemac
  • Erstellen einer Investorenpräsentation und weiterer Unterlagen (Geheimhaltungsvereinbarungen etc.)
  • Recherche, Auswahl und gezielte Ansprache geeigneter Investoren – anschließendes Nachfassen und Interessenabfrage
  • Zustellen der ausführlichen betriebswirtschaftlichen Unterlagen an Interessenten und Erstellen einer Longlist
  • Weiterführende Gespräche mit Interessenten und Betriebsbesichtigungen
  • Abgabe der indikativen Angebote
  • Due-Diligence-Prüfung der Interessenten
  • Abgabe verbindlicher Angebote und Kaufpreisverhandlung
  • Vertragsverhandlungen, Signing und Closing

Neigungssensoren und Diagnosesysteme weiterentwickelt

„Mit der V-Design aus Dresden ist es uns gelungen, einen regionalen und strategischen Investor zu finden, der die Kernbereiche der Gemac erhalten und das Geschäft weiter ausbauen möchte“, beschreibt Simon Leopold. „Zudem sicherte der Investor den Erhalt von Standort und Arbeitsplätzen zu. Wir waren deshalb sehr froh über diese finale Lösung.“ Der Geschäftsführer der V-Design, Robert Hermann, verstärkt nach der Übernahme das Management der Gemac. Zu Recht: Denn als Inhaber einer mittelständischen sächsischen Beteiligungsgesellschaft hat er Erfahrungen in der Neuausrichtung von Unternehmen und der Erschließung neuer Märkte für weiteres Wachstum. „Ein Schwerpunkt wird auch zukünftig das Weiterentwickeln der Eigenprodukte im Bereich der Neigungssensoren und CAN-Diagnosesysteme sein, die wir gemeinsam mit unseren Kunden umsetzen wollen. Daneben sollen der Dienstleistungsbereich, bestehend aus EMS-Fertigung, sowie die kundenspezifische Entwicklung von Mikroelektronikanwendungen ausgebaut werden“, berichtet Hermann. Er begründet seine Entscheidung für die Übernahme des Chemnitzer Mikroelektronikunternehmens so: „Das Unternehmen genießt am Markt einen ausgezeichneten Ruf. Zudem überzeugten mich die Produkt- und Dienstleistungsstrategie, die langjährige Marktpräsenz, der feste Kundenstamm, das vorhandene Know-how und die motivierte Mannschaft. Der Zukunft und dem Wachstum des mittelständischen Unternehmens –künftig unter dem Namen Gemac Chemnitz GmbH – sehe ich positiv entgegen.“

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