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BMW „Industrie 4.0 kommt nicht mit einem großen Ruck“

| Autor / Redakteur: Jürgen Schreier / Stefanie Kunze

Digitalisierung, Industrie 4.0, kollaborierende Roboter und additive Fertigung sind die Buzzwords unserer Tage. Wo steht die Automobilindustrie bei der Einführung dieser neuen Technologien? Wir sprachen darüber mit Dr. Christian Patron. Der promovierte Maschinenbauer verantwortet beim Automobilkonzern BMW die Digitalisierung der Produktion.

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Dr. Christian Patron, Leiter Digitalisierung Produktion, BMW Group: „In der Automobilindustrie sind viele Dinge, die mit dem Label Industrie 4.0 versehen werden, bereits Realität.“
Dr. Christian Patron, Leiter Digitalisierung Produktion, BMW Group: „In der Automobilindustrie sind viele Dinge, die mit dem Label Industrie 4.0 versehen werden, bereits Realität.“
(Bild: Schreier)

Die Zeiten, in denen Deutschlands Automobilhersteller neidisch nach Japan schielten und wie verrückt die dort entwickelten Lean-Methoden kopierten, sind vorbei. Lean ist heute Standard; aber auch bei der Einführung anderer moderner Produktionskonzepte kommt man voran. Dabei ist so manches,was anderswo als Revolution apostrophiert wird, in der KVP-orientierten Automobilbranche eher ein Entwicklungsprozess. Industrie 4.0 zum Beispiel. Vieles davon ist bereits umgesetzt, der Spagat zwischen Komplexität und Individualisierung bei höchster Produktqualität wird gemeistert (zumindest im Premiumsegment), die viel beschworene Losgröße 1 ist machbar – etwa beim neuen 7er vom BMW. Kollaborierende Roboter entlasten schon heute die Mitarbeiter an den Montagelinien, die additive Fertigung ist inzwischen weit mehr als ein Instrument des Prototypenbaus. Auch beim Elektroauto geht es voran. Marktführer BMW hat dafür eine ganze neue „Welt“ geschaffen, die zunehmend auch auf die klassischen Serien abfärbt.

Die Automobilindustrie galt stets als Vorreiterin in Sachen Lean, Effizienz, Produktivität und Qualität. Ist das heute noch so? Oder gibt es auf dem Shopfloor noch Reserven, die man erschließen könnte?

Die Automobilindustrie ist eine Schlüsselindustrie, wenn es um die Parameter geht, die Sie gerade angesprochen haben. Es gibt, glaube ich, keine Industrie, die so im Spannungsfeld von Komplexität und Kosten steht wie unsere Branche. Deshalb ist es logisch, dass wir, von Lean herkommend, alle Effizienzpotenziale heben. Bei BMW sieht das so aus, dass wir unser Produktionsnetzwerk kontinuierlich weiterentwickeln. Wir setzen dabei auf den klassischen Lean-Methoden auf und optimieren diese ständig.

Ford möchte dies durch ein sogenanntes Virtual Manufacturing tun. Im Vorfeld der Fahrzeugproduktion werden dabei durchschnittlich mehr als 900 virtuelle Montageabläufe simuliert, beurteilt und dann implementiert. Wie beurteilen Sie diese Herangehensweise durch die „BMW-Brille“?

Wie andere Hersteller vorgehen, kann ich nicht beurteilen; allerdings kann ich sagen, was wir tun. Virtuelle Methoden sind bei BMW nicht Neues. Wir arbeiten schon lange mit solchen Simulationsverfahren – sowohl in der Produktentwicklung als auch in der Produktionsplanung. Dabei muss immer geprüft werden, welche Methode in welcher Phase des Entwicklungs- oder Planungsprozesses die effizienteste ist. Sie brauchen sowohl die virtuellen Methoden als auch Methoden, die die Mitarbeiter einbeziehen. Das gilt umso mehr, je weiter Sie sich in Richtung Shopfloor bewegen. Diese verschiedenen Methoden versuchen wir zu kombinieren – also Kartonage, wenn die Menschen vor Ort eingebunden werden sollen, und virtuelle Verfahren, wenn man noch keine Hardware hat. Womit wir uns außerdem beschäftigten, ist die Digitalisierung der realen Welt. Das versetzt uns in die Lage, das, was am Ort der Wertschöpfung geschieht, nahezu in Echtzeit in die Produktentwicklung zurückfließen zu lassen.

Ist das ein allgemeiner Branchentrend oder könnte das einer werden?

Keine Frage! Die Digitalisierung in all ihren Facetten ist ein Trend in der Automobilindustrie.

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