Sicheres Kamerasystem Kameras und Safety schließen sich nicht mehr aus

Autor / Redakteur: Reinhard Kluger / Reinhard Kluger

Lichtschranken, Scanner und Absperrgitter, in der Produktion haben sie vielleicht bald schon ausgedient. Dann nämlich, wenn sich SafetyEYE bewährt: Es gilt als das erste sichere Kamerasystem, das dreidimensional steuern und überwachen kann. Weitergedacht ließe es sich sogar für Security-Aufgaben einsetzen.

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Testfeld bei DaimlerChrysler in Sindelfingen: Die Warn- und Schutzräume eines sicheren Videoerkennungssystems lassen sich ganz einfach am PC konfigurieren.
Testfeld bei DaimlerChrysler in Sindelfingen: Die Warn- und Schutzräume eines sicheren Videoerkennungssystems lassen sich ganz einfach am PC konfigurieren.
( Archiv: Vogel Business Media )

Sie wird wohl bald wieder ein klein wenig sicherer, auf jeden Fall aber produktiver: Die Fabrik, die auf ein sicheres Kamerasystem setzt, das den Raum dreidimensional überwacht. SafetyEYE heißt es, entwickelt haben es Pilz und DaimlerChrysler. Die Innovation basiert auf einer Bildverarbeitungstechnik, die das Umfeld erkennt. Drei Videokameras kontrollieren dabei lückenlos den gesamten Aktionsraum von Produktionsanlagen, zum Beispiel den eines Roboters. Herkömmliche Sicherheitskomponenten wie Laserscanner, Lichtschranken, Sicherheitshebel oder Trittmatten erübrigen sich dabei. Rundumsicherheit ist das Ergebnis dort, wo Mensch und Maschine sich einen Arbeitsplatz teilen.

Raum dreidimensional überwachen

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„Wir müssen wissen, wo sich der Mensch an der Maschine aufhält“, erklärt Klaus Stark denn auch den besonderen Nutzen der dreidimensionalen, freiprogrammierbaren Raumüberwachung. Der Leiter Produktmanagement von Pilz weiter: „Man kann direkt sehen, was das System auch sieht. Was wissen wir schon, was eine Lichtschranke sieht, was ein Scanner?“ Somit lässt sich ein Schwachpunkt herkömmlicher Sicherheitseinrichtungen ausschalten, die Verfügbarkeit von Maschinen und Anlagen lässt sich erhöhen, die Kosten sinken. Eine Rechnung, die auch DaimlerChrysler aufmacht, und zwar einem Ergebnis, das aufhorchen lässt. Auf „zwei Drittel Ersparnis bei den Kosten gegenüber herkömmlicher Technik“, schätzt Anton Hirzle den Effekt. Für den Senior Manager Automation/Control Systems im Sindelfinger Werk des Automobilbauers Motivation genug, kräftig in diese Technik zu investieren und mit Pilz zu kooperieren. Erstmalig in der Produktion soll SafetyEYE beim Bau der neuen E-Klasse bei Mercedes Benz arbeiten.

Während DaimlerChrysler die geeigneten Algorithmen zur dreidimensionalen Bildauswertung beisteuerte, war es die Aufgabe von Pilz-Entwicklern, die Algorithmen industrietauglich und sicher zu machen. Pilz wird SafetyEye herstellen und vertreiben. In der Kooperation beider Unternehmen ist festgelegt, dass Wettbewerber von DaimlerChrysler das System erst zu einem späteren Zeitpunkt zum Einsatz bringen können, damit sich die Investition erst einmal für den Sindelfinger Automobilbauer rechnet. Das sichere Kamerasystem ist für die unterschiedlichsten Branchen geeignet: von Bearbeitungszentren über die Reifen- und Verpackungsindustrie bis hin zu Hochregallagern und automatischen Parkhäusern.

Für unterschiedlichste Branchen

Wenn ein Produkt mit dem Attribut Weltneuheit in die Fabriken kommen soll, dann stellt Berthold Heinke die Fragen: „Darf man das? Funktioniert das auch?“ Berthold Heinke ist stellvertretender Leiter der Prüf- und Zertifizierungsstelle des Fachausschusses „Maschinenbau, Hebezeuge, Hütten- und Walzwerksanlagen im BG-PÜFZERT in Düsseldorf und von Anfang an entwicklungsbegleitend in das Projekt eingebunden. Für ihn ersetzt SafetyEYE künftig die herkömmlichen Schutzeinrichtungen wie optoelektronische Systeme. Aber dabei gilt: Gleiche Sicherheit, aber auf andere Art und Weise. Berthold Heinke: „Personenschutzsysteme unterliegen solange der Prüfpflicht, bis es eine Norm gibt.“ Ziel der Zertifizierung ist immerhin: Kat 3 nach DIN EN 954-1, PL gleich d nach EN ISO 13849-1 und SIL 2 nach EN 61508. Berthold Heinke prüfte, befand und beriet Pilz in Sachen „Kamera zum Überwachen von Schutzräumen“. Sein Urteil: Kameratechnik ist sicherheitstechnisch einsetzbar. Einer Zertifizierung von SafteyEYE steht nichts mehr im Wege. Anfang 2007 könnte es soweit sein. Noch mehr Fabriken können dann wieder ein wenig sicherer sein – nicht nur die in Sindelfingen.

Klaus Stark, Leitung Produktmanagement, Pilz:

„Pilz steht am Anfang einer ganz neuen Epoche“

Kann man SafetyEYE so unkompliziert einsetzen, wie ein übliches Videosystem?

SafetyEYE ist ein Sicherheitssystem zur dreidimensionalen Raumüberwachung für Safety- und Security-Applikationen, wobei Algorithmen und Methoden der Bildverarbeitung die Grundlage bilden. Es ist in der Anwendung mindestens so einfach wie ein Videosystem.

Auf was muss der Anwender achten? An was sollte er denken?

Generell gilt, dass SafetyEYE nur minimale Anforderungen an den Einsatz stellt. SafetyEYE ist einerseits ein optischer Sensor und andererseits ein Sicherheitssystem – aus diesen beiden Gesichtspunkten leiten sich einige Punkte ab, die es zu beachten gilt: Das sichere Kamerasystem wird oberhalb des zu überwachenden Bereiches angebracht und kommt meist mit den Beleuchtungsanforderungen für Arbeitsplätze in der Industrie aus. Damit es seine bestimmungsgemäße Aufgabe wahrnehmen kann, ist freie Sicht auf den Schutzbereich notwendig. Wie für alle Sensoren, sind die Umweltbedingungen am Einsatzort von der Optik, der Temperatur etc. bis hin zu Vibrationen zu prüfen. SafetyEYE ist technisch so ausgelegt, die Anforderungen nach Kat. 3 gemäß EN 954-1 (entsprechend PL „d“ nach EN 13849-1) bzw. SIL 2 nach EN 62061 zu erfüllen. Die Zielapplikation muss gemäß der Risikoanalyse diesem Sachverhalt Genüge tun. Das sichere Kamerasystem kann Applikationen mit Arm-/Beinschutz und Körperschutz – innerhalb eines bestimmten Sensorbereiches (Abstandes) – übernehmen. Da gilt es, anhand der konkreten Situation zu überprüfen.

Wann kann man SafetyEYE kaufen, und was soll es kosten?

SafetyEYE ist in einem sehr fortgeschrittenen Zustand. Das bestätigen u.a. die Konzeptprüfungen des projektbegleitenden „Notified Body“, der Prüf- und Zertifizierungsstelle MHHW der Maschinenbau- und Metall- Berufsgenossenschaft, sowie die Versuchsinstallationen im Feld. Als Sicherheitssystem wird es erst zum Verkauf freigegeben, wenn diese Zulassungen vorliegen – dies ist für März/April 2007 vorgesehen. Die Preisstellung wird im Moment final bestimmt und orientiert sich am Nutzen für den Anwender.

Noch kann das System nur über SafetyBUS p kommunizieren. Und wann mit anderen Bussystemen?

SafetyEYE ist eine weitere Innovation und damit ein wichtiger Bestandteil der Pilz Strategie als kompletter Systemanbieter für Standard und Sicherheit. Pilz setzt auf offene Systeme und SafetyEYE wird daher über die marktgängigen Feldbusse und Ethernet basierenden Systeme anschließbar sein und kommunizieren können. Bestandteil der Strategie ist aber auch, eine aus unserer Sicht bessere technische Alternative – wie SafetyBUS p aber auch das Ethernet basierte SafetyNET p – anzubieten.

Plant Pilz, zu diversifizieren, etwa jetzt mit SafetyEYE in den Security-Bereich einzusteigen?

SafetyEYE ist ein „geniales“ System für die dreidimensionale sichere Raumüberwachung und kann daher vielfältigste Aufgaben sowohl aus dem Safety- als auch aus dem Security-Bereich übernehmen. Der Transfer von Technologien aus der Officewelt in den Automatisierungsbereich hat diese – seither eher striktere Trennung – von Safety und Security sowieso aufgelöst. Pilz wird diesen Anforderungen Rechnung tragen und aktiv in diesen Themen vorangehen. SafetyEYE hat darüber hinaus ein enormes Potenzial, auch weitere zusätzliche Aufgaben aus dem Steuerungsbereich zu übernehmen, von der Objektidentifikation bis hin zu Qualitätsthemen. Insofern steht SafetyEYE erst am Anfang einer ganz neuen Epoche.

Pilz, Tel. +49(0)711 34090

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