Besssere Menschenkenntnis durch Gesichterlesen Was das Gesicht uns alles erzählen kann

Autor / Redakteur: Andreas Wollny / Sariana Kunze

Die Körpersprache verrät uns viel über Menschen. Doch lassen sich die Stärken und Schwächen einer Person auch anhand von Köpermerkmalen wie die Größe der Nase erkennen? Im Seminar „GesichterLesen“ lernten die Teilnehmer das richtige deuten.

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Samstagmorgen. In einem Seminarraum in einem Tagungshotel nahe Frankfurt herrscht ein reges Stimmengewirr. Neun Männer und Frauen diskutieren lebhaft darüber, inwieweit man zum Beispiel aus der Größe und Form der Nase einer Person Rückschlüsse auf deren Persönlichkeit ziehen kann. „Alles Humbug“, sagt Dietrich Neustädt*, während er in den vor ihm auf dem Tisch stehenden Spiegel blickt. „Aus meinen Augenringen kann man bestenfalls ablesen“, ergänzt der Key-Account-Manager eines Elektrokonzerns provokant, „dass ich wenig geschlafen habe.“

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„Die sind auch kein unveränderliches Gesichtsmerkmal, so wie die Höhe deiner Stirn oder die Größe deiner Nase“, widerspricht im Sarah Gliesing, die ihm schräg gegenüber sitzt. Sie ist der festen Überzeugung: Das Gesicht verrät uns mehr über Menschen, „als wir gerne wahrhaben möchten.“ „Zumindest lösen die Körpermerkmale in uns bestimmte Assoziationen aus. Und diese bestimmen wiederum unser Verhalten“, fügt sie einschränkend hinzu. Dabei blickt sie Kurt-Georg Scheible an, der das Seminar „Bessere Menschenkenntnis durch GesichterLesen“ leitet. Doch Scheible schweigt.

Statt dessen ergreift Neustädt das Wort: „Das bedeutet doch nur, dass unser Verhalten oft von Vorurteilen bestimmt wird.“ „Das mag ja sein“, erwidert Tobias Wilke, der Lebenspartner von Sarah Gliesing. „Aber dann wäre es ja noch wichtiger, sich mit dem Gesichterlesen zu befassen. Denn nur wenn wir wissen, welche Emotionen und Verhaltensmuster die Körpermerkmale in uns auslösen, können wir uns dagegen wehren.“

Eine (Pseudo-)Wissenschaft?

Für den Maschinenbau-Ingenieur ist die Physiognomik - also die Lehre, dass uns die unveränderlichen Merkmale des Körpers eines Menschen viel über dessen Eigenschaften verraten - eine „alberne Pseudo-Wissenschaft“. Nur seiner Lebensgefährtin zuliebe nimmt er an dem Seminar teil. „Denn warum sollte ich mich zum Beispiel noch weiterbilden, wenn meine Fähigkeiten letztlich weitgehend davon abhängen, wie viele Falten ich habe?“

Die Seminarteilnehmer haben offensichtlich ihre wichtigsten Pro- und Contra-Argumente. Also ergreift Seminarleiter Scheible das Wort. „Sie werden Ihre Stirnfalten noch lieben lernen“, sagt er zu Wilke und steigt gleich ins Thema ein. Der Inhaber des Beratungsunternehmens Erfolgscampus kennt die Vorurteile, die viele Menschen gegen den Gesichterlesen hegen. Und er kann die Skepsis einiger Teilnehmer nachvollziehen. „Seit die Nationalsozialisten die Physiognomik für ihre Rassenlehre missbrauchten, ist das Gesichterlesen ein sehr heikles und hochemotionales Thema.“ Dabei beweist schon die deutsche Sprache, dass gewisse Körpermerkmale in uns zumindest beschreiben, sagen wir zum Beispiel oft, diese haben ein „energisches Kinn“. Oder eine „Denkerstirn“. Oder „wache Augen“. Und mancher betrachtet die Augen als den „Spiegel der Seele“.

Dass „eine gewisse Parallelität“ zwischen den körperlichen Merkmalen einer Person und deren Eigenschaften besteht, ist laut Scheible, einem Anhänger der Physiognomik, eine „uralte menschliche Erkenntnis“. In der traditionellen chinesischen Medizin habe es ganze Merkmalskataloge gegeben, um Gesichter zu lesen und zu verstehen. Und mit einem Blick zu Wilke fügt er hinzu: „Sie ging zum Beispiel davon aus, dass das Durchhaltevermögen einer Person, umso größer ist, je mehr Querfalten ihre Stirn zieren.“ An diesen mangelt es Wilke nicht.

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